Uns fehlt die Auf­ge­schlos­sen­heit für das Uner­war­te­te, fin­det die Wirt­schafts­psy­cho­lo­gin Dr. Alex­an­dra Hil­de­brand. In die­sem Gast­bei­trag beschäf­tigt sie sich damit, war­um das so ist.

Offen für das Unerwartete zu sein, macht das Leben spannender. Foto: Pixabay

Offen für das Uner­war­te­te zu sein, macht das Leben span­nen­der. Foto: Pixabay

Dr. Alexandra Hildebrandt ist Publizistin, Nachhaltigkeitsexpertin und Wirtschaftspsychologin sowie Mitinitiatorin der Initiative Gesichter der Nachhaltigkeit.

Dr. Alex­an­dra Hil­de­brandt ist Publi­zis­tin, Nach­hal­tig­keits­ex­per­tin und Wirt­schafts­psy­cho­lo­gin sowie Mit­in­itia­to­rin der Initia­ti­ve Gesich­ter der Nach­hal­tig­keit.

Zukunft und Witz haben eines gemein­sam: Bei­de ent­ste­hen, indem sie gewagt wer­den. Der ame­ri­ka­ni­sche Komi­ker und Impro­vi­sa­ti­ons­künst­ler Robin Wil­liams, der sich im August 2014 das Leben nahm, präg­te die­se Erkennt­nis des Wit­zes, der von einer unkon­trol­lier­ba­ren Wen­dung, von einer Über­ra­schung lebt. Denn es kommt immer anders als erwar­tet.

Das Leben selbst in die Hand neh­men

Alles hat er in sich auf­ge­nom­men: „Zu die­sem Über­maß gehör­te das Wis­sen, dass es zu viel Leid und zu wenig Trost auf der Welt gibt“, so Peter Küm­mel, Redak­teur bei Zeit. Dabei ver­mit­tel­te Wil­liams doch in vie­len sei­ner Fil­me und Auf­trit­te, dass die Zukunft eine Art Thea­ter sein soll­te: immer auch lus­tig und unkon­ven­tio­nell, gestal­tet von muti­gen und tat­kräf­ti­gen Men­schen, die ihr Leben selbst in die Hand neh­men und nicht in der Rou­ti­ne und Selbst­täu­schung erstar­ren, die opti­mis­tisch und enga­giert sind im Trotz­dem.

Die Wirt­schaft denkt zu kurz­fris­tig

Dazu müs­sen wir „neu und beson­nen über die essen­zi­el­len Ent­schei­dun­gen nach­den­ken, die vor uns lie­gen und sich aus meh­re­ren Fak­to­ren erge­ben“, schreibt der US-ame­ri­ka­ni­sche Poli­ti­ker und Umwelt­schüt­zer Al Gore in sei­nem Buch „Die Zukunft. Sechs Kräf­te, die unse­re Welt ver­än­dern“, in dem er auf einen der „über­ra­schends­ten“ Aspek­te der Wirt­schaft hin­weist: die unge­sun­de Kon­zen­tra­ti­on auf sehr kurz­fris­ti­ge Zie­le unter Aus­schluss lang­fris­ti­ger Ziel­set­zun­gen. Sind unse­re wirt­schaft­li­chen Ent­schei­dun­gen auf Wachs­tum aus­ge­rich­tet, kommt es dar­auf an, wie der Begriff defi­niert wird. „Blei­ben die Aus­wir­kun­gen der Umwelt­ver­schmut­zung bei der Bewer­tung des­sen, was wir als ‚Fort­schritt‘ bezeich­nen, sys­te­ma­tisch unbe­rück­sich­tigt, beach­ten wir sie auch nicht wei­ter und dür­fen nicht über­rascht sein, wenn unser Fort­schritt mit jeder Men­ge Umwelt­ver­schmut­zung ein­her­geht.“

Ist Nach­hal­tig­keit nur eine Mar­ke­ting­bla­se?

Um die­se Pro­ble­me zu lösen, brau­chen wir mehr Zukunfts­kom­pe­tenz und Auf­ge­schlos­sen­heit gegen­über dem Uner­war­te­ten und Uner­wie­se­nen. Aber wel­che Begrif­fe behin­dern die Arbeit an der eige­nen Zukunfts­kom­pe­tenz, weil sie sich an den Schein­si­cher­hei­ten ver­gan­ge­ner Zei­ten ori­en­tie­ren? Wie kann das Cre­do der Nach­hal­tig­keit so weit dekon­stru­iert wer­den, dass die damit ein­her­ge­hen­den unter­schied­li­chen Sehn­süch­te, Erwar­tun­gen und Befind­lich­kei­ten deut­lich wer­den? Wann ist Nach­hal­tig­keit ein Zukunfts­kon­zept, und wann ist es ein Geschäft, frag­wür­di­ge PR, ein Ablen­kungs­ma­nö­ver, das uns von der zen­tra­len Fra­ge der Zukunfts­kom­pe­tenz ent­fernt? War­um braucht die Ver­mitt­lung von Nach­hal­tig­keit auch Über­ra­schun­gen?

Gesun­des Wachs­tum

Mit dem Unvor­her­ge­se­he­nen haben vor allem jene kein Pro­blem, die auch den Din­gen ihre Zeit las­sen, die eine gesun­de Vor­stel­lung von Wachs­tum haben, aber eben­so wis­sen, dass Glück nur zu haben ist, wenn das Unvor­her­ge­se­he­ne zuge­las­sen wird. „Wenn nie etwas Uner­war­te­tes geschieht, gera­ten wir in eine Art Läh­mungs­zu­stand“, sagt Clau­dia Sil­ber, Lei­te­rin Unter­neh­mens­kom­mu­ni­ka­ti­on bei der memo AG. Uner­war­te­te Situa­tio­nen sind für sie auch mit Wach­sam­keit, Span­nung (ihre Abwe­sen­heit führt nur sel­ten zu Best­leis­tun­gen) und einem anhal­ten­den Inter­es­se an der Welt ver­bun­den. „Auch Witz und Humor dür­fen im täg­li­chen Leben und vor allem im Berufs­all­tag dabei auf kei­nen Fall feh­len.“ Das bestä­tigt auch den zitier­ten Satz von Robin Wil­liams.

Sind Ziel­vor­ga­ben schäd­lich?

Zah­len und Ziel­vor­ga­ben hält sie gene­rell für sinn­voll – in man­chen Arbeits­be­rei­chen (zum Bei­spiel im Ver­trieb) mehr als in ande­ren (wie Mar­ke­ting). Gefähr­lich wer­de es dann, „wenn Ent­schei­dun­gen nur noch aus­schließ­lich danach getrof­fen wer­den. Womit wir wie­der beim Unvor­her­ge­se­he­nen sind: Wer nur nach Zah­len und Ziel­vor­ga­ben arbei­tet, ist nicht offen für Neu­es und Uner­war­te­tes und wagt kei­nen Blick über den Tel­ler­rand.“

Offen für das Uner­war­te­te zu sein, macht das Leben umso span­nen­der – ist es doch das, „was pas­siert, wäh­rend du eif­rig dabei bist, ande­re Plä­ne zu machen.“ (John Len­non)