Robert Nehring hat nicht viel von Mar­cel Proust gele­sen, stellt aber eben­falls gern vie­le Fra­gen. Inter­es­san­ten Per­sön­lich­kei­ten aus dem Büro­um­feld schickt er auch mal einen Fra­ge­bo­gen. Dies­mal ant­wor­te­te: Burk­hard Rem­mers von Wilk­hahn.

Burkhard Remmers, Leiter Internationale Kommunikation Wilkhahn. Abbildung: Wilkhahn

Burk­hard Rem­mers, Lei­ter Inter­na­tio­na­le Kom­mu­ni­ka­ti­on Wilk­hahn. Abbil­dung: Wilk­hahn

Der Falttisch Confair von Wilkhahn. Design: Andreas Störiko. Abbildung: Wilkhahn

Der Falt­tisch Con­fair von Wilk­hahn. Design: Andre­as Stö­ri­ko. Abbil­dung: Wilk­hahn

Die FS-Linie von Wilkhahn ist ein Design- und Nachhaltigkeitsklassiker. Design: Klaus Franck, Werner Sauer, 1980. Abbildung: Wilkhahn

Die FS-Linie von Wilk­hahn ist ein Design- und Nach­hal­tig­keits­klas­si­ker. Design: Klaus Franck, Wer­ner Sau­er, 1980. Abbil­dung: Wilk­hahn

Das Wandfliesensystem Landing von Wilkhahn schafft Besprechungsnischen, sorgt für Entlastung beim Stehen und ist akustisch wirksam. Design: Rudolph Schelling Webermann. Abbildung: Wilkhahn

Das Wand­flie­sen­sys­tem Lan­ding von Wilk­hahn schafft Bespre­chungs­ni­schen, sorgt für Ent­las­tung beim Ste­hen und ist akus­tisch wirk­sam. Design: Rudolph Schel­ling Weber­mann. Abbil­dung: Wilk­hahn

ARBEITEN

1. Bitte beschreiben Sie Ihren Arbeitsplatz.

In der Fir­ma sit­ze ich in einer Ecke unse­res Mar­ke­ting­bü­ros. Die Arbeit selbst ist wei­test­ge­hend papier­los, aber hin­ter mir und neben mir habe ich noch 20 lau­fen­de Meter Schrank­fä­cher, die mit Archiv­ak­ten und vor allem mit Büchern gut gefüllt sind. Mein Schreib­tisch ist 90 x 180 cm groß und elek­trisch bis zur Steh­hö­he ver­stell­bar. Ich arbei­te auf einem AT-Büro­stuhl mit erhöh­ter Sitz­po­si­ti­on. Dadurch wech­se­le ich sehr häu­fig zwi­schen Sit­zen, Stüt­zen und Ste­hen. Mein Rech­ner ist ein Lap­top, das ich immer dabei habe. Im Büro klin­ke ich es in die Docking-Sta­ti­on ein, dann ist es auto­ma­tisch mit der sepa­ra­ten Tas­ta­tur und einem gro­ßen, zwei­ten Moni­tor ver­bun­den. Auch schon vor Coro­na-Zei­ten hat­te ich oft zu Hau­se gear­bei­tet, wenn ich grö­ße­re Arbeits­pa­ke­te zu erle­di­gen hat­te, für die ich ein paar Stun­den am Stück unge­stört sein woll­te. Mein Arbeits­platz ist dort ein 24 Jah­re alter Logon-Tisch mit  wun­der­schö­ner Lin­ole­um-Plat­te, der gro­ße Räder hat. Das Kopi­er- und Scan­ge­rät sowie die gan­ze Netz­werk­tech­nik sind auf einem mobi­len Con­fair-Ser­ver unter­ge­bracht. So bleibt der Tisch frei von Instal­la­tio­nen – und ergänzt bei grö­ße­ren Fei­ern mei­nen Ess­tisch. Mein gelieb­ter Modus-Arbeits­stuhl ist eben­falls schon 24 Jah­re im Ein­satz.

2. Wie kommen Sie zur Arbeit?

Ich lebe in Han­no­ver. Das ist für mich super, weil ich rela­tiv viel in Deutsch­land unter­wegs bin und zu Fuß in 15 Minu­ten am Haupt­bahn­hof sein kann. Mor­gens nach Ber­lin, Köln, Stutt­gart oder Mün­chen und abends wie­der zurück – das ist dadurch gut mach­bar. Um ins Büro zu kom­men, bin ich dage­gen aufs Auto ange­wie­sen. Wilk­hahn wur­de in einem klei­nen Dorf bei Bad Mün­der gegrün­det und ist immer noch dort zu Hau­se. Es gibt Öffis. Die Fahrt mit S-Bahn und sel­ten fah­ren­dem Bus ist aber ziem­lich müh­sam und unfle­xi­bel. Also sit­ze ich 40 Minu­ten je Stre­cke im Auto. Weil ich immer gegen den Strom fah­re – mor­gens raus aus der Stadt und abends rein –, funk­tio­niert das meis­tens ohne Stau.

3. Wo arbeiten Sie am liebsten?

Das hängt davon ab, was zu tun ist. Fokus­siert kann ich am bes­ten zu Hau­se arbei­ten. Weil ich zu wenig Selbst­dis­zi­plin habe, um regel­mä­ßig Pau­sen zu machen und recht­zei­tig auf­zu­hö­ren, mer­ke ich aber immer erst zu spät, dass ich es über­trie­ben habe. Nach meh­re­ren Tagen im Home-Office feh­len mir die sozia­len Bezie­hun­gen, die zufäl­li­gen Gesprä­che und der Flur­funk. Ich brau­che die ech­ten Begeg­nun­gen – und bin gar kein Fan von E-Mail-Kom­mu­ni­ka­ti­on. Wo ich eben­falls wun­der­bar arbei­ten kann, das ist im Ruhe­wa­gen der Bahn und dort am liebs­ten im offe­nen Bereich. Ich kann alles um mich her­um aus­blen­den und schaf­fe rich­tig viel weg.

4. Wo würden Sie am liebsten arbeiten?

Der Blick ins Grü­ne und in die Fer­ne ist wich­tig – und den habe ich sowohl in mei­ner Dach­woh­nung in Han­no­ver als auch im Büro. Wilk­hahn liegt ja ganz male­risch im Deis­ter-Sün­tel­tal, das als Nah­erho­lungs­ge­biet von Han­no­ver zum Wan­dern ein­lädt. Ich weiß gar nicht, ob es Ber­ge oder Meer sein müs­sen – Haupt­sa­che ist für mich, dass ich die Fens­ter auf­ma­chen, die Vögel zwit­schern hören und abends raus kann, um mich auch kör­per­lich aus­zu­powern.

5. Wann beginnt ein normaler Arbeitstag bei Ihnen, wann ist Schluss?

Ich ste­he eigent­lich immer um 6:15 Uhr auf – außer ich habe einen Ter­min in Deutsch­land, für den ich ganz früh mit dem Zug los muss. Ansons­ten ver­las­se ich gegen 7:15 Uhr das Haus in Rich­tung Fir­ma oder mache mich zu Hau­se an die Arbeit. Im Büro endet der Arbeits­tag meist zwi­schen 18:00 und 19:00 Uhr, zu Hau­se kann es auch schon mal län­ger gehen.

6. Wie viele E-Mails erhalten Sie im Schnitt pro Tag?

Viel zu vie­le – es sind zwi­schen 80 und 120. Dabei ist trotz pro­fes­sio­nel­len Spam-Fil­ters natür­lich viel Daten­müll, weil mei­ne E-Mail-Adres­se auf der Web­site ange­ge­ben ist. Und die Unart, bei inter­nen Mails ganz häu­fig in Kopie gesetzt zu wer­den, ohne Anga­be, was denn nun zu tun ist, lässt sich auch bei uns nicht abstel­len. Das Medi­um wird lei­der häu­fig auch dann ein­ge­setzt, wenn ein per­sön­li­ches Gespräch oder zumin­dest ein Tele­fo­nat viel ziel­füh­ren­der wäre. Ich ken­ne kei­nen ein­zi­gen Fall, in dem ein Pro­blem per Mail gelöst wur­de, aber sehr vie­le Fäl­le, in denen Pro­ble­me durch E-Mails eska­liert sind. Mar­shall McLu­hans Erkennt­nis aus den 1960er Jah­ren, dass „das Medi­um die Bot­schaft“ ist, hat noch immer wenig Kon­se­quen­zen im All­tag gezei­tigt.

7.    Wie viele Stunden arbeiten Sie im Schnitt pro Woche?

Das darf ich gar nicht ver­ra­ten, sonst steht gleich der Arbeits­schutz auf der Mat­te. Las­sen Sie es mich so sagen: 48 Stun­den sind die Regel und dann kommt noch das Hob­by­pen­sum dazu. Ich bin in der pri­vi­le­gier­ten Situa­ti­on, dass sich bei mir Job und per­sön­li­che Nei­gung sehr stark ver­bin­den.

8. Wie viele Stunden arbeiten Sie im Schnitt pro Woche konzentriert allein?

Das wer­den so etwa 15 bis 20 Stun­den sein.

9. Wie viele Stunden verbringen Sie im Schnitt pro Woche in Meetings?

Das sind in etwa eben­so vie­le – manch­mal auch noch mehr.

10. Wie kommunizieren Sie vorwiegend?

Inner­halb des Büros sind es außer­halb von Coro­na-Zei­ten per­sön­li­che Begeg­nun­gen und Tele­fo­na­te. Inzwi­schen kom­men vie­le Video-Calls dazu. E-Mail nut­ze ich nur dann, wenn kei­ne direk­te Inter­ak­ti­on gefragt ist – und Chats sind, noch, die Aus­nah­me.

11. Wie stellen Sie sich Büros 2025 in Deutschland vor?

In vier­ein­halb Jah­ren wird sich nicht viel geän­dert haben – außer dass die vir­tu­el­le Zusam­men­ar­beit auch nach Coro­na stär­ker genutzt wer­den und ein tem­po­rär genutz­tes Home-Office zum Stan­dard-Reper­toire fast aller Unter­neh­men zäh­len wird. Man weiß die Din­ge ja vor allem dann zu schät­zen, wenn sie auf ein­mal feh­len. Und die sozia­len Bezie­hun­gen im Büro machen die Büro­ar­beit so wert­voll und übri­gens auch sehr effi­zi­ent.

12. Die drei größten Herausforderungen für die Bürowelt?

Sie haben es viel­leicht schon bemerkt: Ganz vorn steht für mich die Medi­en­kom­pe­tenz. Zu wis­sen, wann wel­che Form der Kom­mu­ni­ka­ti­on und Inter­ak­ti­on wich­tig und rich­tig ist, und ent­spre­chend mit den Medi­en umzu­ge­hen. An zwei­ter Stel­le steht eine moder­ne Füh­rungs­kul­tur, die auf Ver­trau­en, Betei­li­gung, gemein­sa­men Ziel­ver­ein­ba­run­gen und Ergeb­nis­kon­trol­len beruht. Ohne die­sen Kul­tur­wan­del, der die Mit­ar­bei­ter als Chan­cen und Poten­zia­le sieht, die zu gewin­nen sind, wird Büro­ar­beit gera­de durch die Digi­ta­li­sie­rung immer inef­fi­zi­en­ter wer­den. Die drit­te Her­aus­for­de­rung besteht dar­in, die Inter­es­sen von Indi­vi­du­um und Gemein­schaft in eine aus­ge­wo­ge­ne Balan­ce zu brin­gen. Die­se Her­aus­for­de­rung ist aber letzt­lich so alt wie der Sün­den­fall – also die Mensch­heit.

13. Was Sie schon immer einmal zur Entwicklung der Büroarbeit sagen wollten …

In den Ent­wick­lun­gen wird nichts so heiß geges­sen, wie es gekocht wird – oder anders­her­um aus­ge­drückt: Die Bedürf­nis­se der Men­schen ändern sich nicht wirk­lich, son­dern es sind die Mög­lich­kei­ten, wie sie zu erfül­len sind. Immer wie­der neue Säue durchs Dorf zu trei­ben, ist daher nicht ziel­füh­rend.

14. New Work bedeutet für mich …

…bei allen Ent­schei­dun­gen und Maß­nah­men zur Gestal­tung von Arbeit die Per­spek­ti­ven Wohl­be­fin­den, Zusam­men­ar­beit, Iden­ti­tät und Sinn­stif­tung zu berück­sich­ti­gen. Dann kom­men wir der Kern­idee von Frith­jof Berg­mann ziem­lich nahe, in der die Men­schen vom Objekt zum Sub­jekt der Wert­schöp­fung wer­den sol­len, für eine Arbeit, die der Ein­zel­ne wirk­lich will.

15. Der Generation Y rate ich …

… nicht locker zu las­sen, bis die Fra­ge nach Sinn und Zweck expli­zit geklärt ist – und sich dann mit allen Kon­se­quen­zen dafür ein­zu­set­zen.

16. Drei Ihrer Lieblingslösungen von Wilkhahn?

Ich lie­be den FS-Büro­stuhl mit sei­ner unschlag­ba­ren Ein­fach­heit, sei­nem Kom­fort und sei­ner dau­er­haf­ten Ästhe­tik, den Con­fair-Falt­tisch, der auch nach einem Vier­tel­jahr­hun­dert die Men­schen jeden Tag aufs Neue stau­nen macht, und das Wand­flie­sen­sys­tem Lan­ding, weil es zeigt, wie mit mini­ma­len Inter­ven­tio­nen hoch­kom­ple­xe Her­aus­for­de­run­gen für infor­mel­le Begeg­nung und Kom­mu­ni­ka­ti­on gelöst wer­den kön­nen.

17. Diese drei Büroeinrichtungslösungen von anderen sind auch nicht zu verachten:

Pols­ter­mö­bel wie das Alko­ve als Raum-in-Raum-Lösun­gen zu kon­zi­pie­ren, um in groß­räum­li­chen Struk­tu­ren für Pri­vat­heit und Abschir­mung zu sor­gen, bei der Ent­wick­lung von Sitz­mö­beln in Trai­nings- und Schu­lungs­räu­men den Stau­raum für per­sön­li­che Uten­si­li­en mit­zu­den­ken oder auch hybri­de Sitz­mö­bel zu ent­wi­ckeln, die zwi­schen Woh­nen und pro­fes­sio­nel­ler Nut­zung ange­sie­delt sind und ergo­no­mi­sche Qua­li­tä­ten haben, ohne gleich zu typi­schen Büro­stüh­len zu wer­den.

18. Die größten Fehler Ihrer Branche sind?

Es wird kaum out of the box gedacht. Ein Bei­spiel dafür ist die Art vie­ler „Home-Office-Pake­te“, die in der Coro­na-Kri­se geschnürt wur­den – mit Schreib­tisch, Roll­con­tai­ner und Büro­stuhl. Es geht doch nicht dar­um, Büro­mö­bel ein biss­chen wohn­li­cher zu machen, son­dern viel­mehr dar­um, die Men­schen in ihren oft genug beeng­ten Wohn­ver­hält­nis­sen abzu­ho­len und zu schau­en, wie sich das indi­vi­du­el­le Umfeld tem­po­rär in einen halb­wegs funk­ti­ons­tüch­ti­gen Arbeits­platz ver­wan­deln lässt. Das Den­ken in Pro­duk­ten domi­niert – daher gibt es auch ver­hält­nis­mä­ßig weni­ge, wirk­li­che Inno­va­tio­nen.

19. Was macht gesunde Büroarbeit für Sie heute aus?

Gesund­heit ist ein hoch­kom­ple­xes Feld. Da geht es um die psy­chi­sche und phy­si­sche Über- oder auch Unter­for­de­rung, um sozia­le Bezie­hun­gen, Kom­fort und Sicher­heit und natür­lich auch um die Ernäh­rung. Wir kön­nen durch bewe­gungs­för­dern­de, wert­schät­zen­de und ganz selbst­ver­ständ­lich funk­tio­nie­ren­de Ein­rich­tungs­lö­sun­gen dazu bei­tra­gen, den Stoff­wech­sel als wesent­li­che Kenn­grö­ße für Gesund­heit und Wohl­be­fin­den posi­tiv zu beein­flus­sen. Nicht mehr, aber auch nicht weni­ger.

20. Wie stehen Sie zum Thema Nachhaltigkeit?

Das war für mich vor 25 Jah­ren einer der wich­tigs­ten Grün­de, zu Wilk­hahn zu wech­seln. Das Unter­neh­men hat­te sich vor allen ande­ren ganz ernst­haft und ganz­heit­lich dem öko­lo­gi­schen Wan­del ver­schrie­ben. Für mich ist es bis heu­te ein wesent­li­cher Antrieb, an Lösun­gen mit­zu­ar­bei­ten, die das Leben für Mensch und Umwelt dau­er­haft ver­bes­sern. Das sind zwei Sei­ten der glei­chen Medail­le.

21. Wie stehen Sie zur Vision vom papierlosen Büro?

Wir sind heu­te tech­nisch end­lich so weit, dass es Wirk­lich­keit wer­den könn­te. Aber auch hier geht es nicht um ein Ent­we­der-oder, son­dern um die Fra­ge, was ist für wel­chen Zweck die bes­se­re Lösung. Ich habe ja schon erwähnt, dass ich für mei­ne Arbeit, die zwi­schen Büro, zu Hau­se und unter­wegs wech­selt, mög­lichst papier­los orga­ni­siert bin. Aber sowohl zu Hau­se als auch im Büro habe ich wun­der­schö­ne Bücher und auch so man­che Zeit­schrif­ten, mit denen ich ana­log deut­lich bes­ser arbei­ten kann als am Bild­schirm.

22. Die Zukunft des Fachhandels …

Ob es die EINE Zukunft geben kann? Ich glau­be es nicht. Spe­zia­li­sie­rung ist wohl auch hier das gro­ße The­ma. Die Band­brei­te reicht dann viel­leicht vom logis­tik­opti­mier­ten Dienst­leis­ter, der sich um Finan­zie­rung, Unter­halt und Rei­ni­gung küm­mert, bis zum kom­pe­ten­ten Orga­ni­sa­ti­ons­be­ra­tungs- und Pla­nungs­part­ner, der dann alles aus einer Hand lie­fern kann. Das tra­di­tio­nel­le Ver­ständ­nis, für die Kun­den den ein­zig mög­li­chen Zugang zu Infor­ma­tio­nen und Pro­duk­ten zu bie­ten, ist jeden­falls schon längst Geschich­te.

23. Woran arbeiten Sie gerade?

Wilk­hahn kann auf 25 Jah­re hoch­fle­xi­ble Kon­zep­te und Pro­duk­te für betei­li­gungs­ori­en­tier­te und selbst­or­ga­ni­sier­te Kol­la­bo­ra­ti­on zurück­bli­cken. Die aktu­el­le Pan­de­mie ist ja im Grun­de auch nichts ande­res als eine – in die­sem Fall dra­ma­ti­sche – Ver­än­de­rung der Rah­men­be­din­gun­gen des Wirt­schafts­le­bens. Wir brin­gen gera­de ganz span­nen­de Zusät­ze her­aus, mit denen sich unse­re Pro­gram­me ad hoc auf­rüs­ten, aber eben auch wie­der zurück­bau­en las­sen. Das Clean-Desk-Kon­zept zum Clean Space wei­ter­zu­ent­wi­ckeln und bei Kun­den und Pla­nern als zukunfts­si­che­re Opti­on zu ver­an­kern – dar­an arbei­te ich gera­de.

24. Was inspiriert Sie?

Lite­ra­tur, Phi­lo­so­phie und Musik – das sind mei­ne Inspi­ra­ti­ons­quel­len. Zu ver­ste­hen, wie die Wir­kungs­zu­sam­men­hän­ge in kom­ple­xen Sys­te­men funk­tio­nie­ren und wie mensch­li­ches Ver­hal­ten, das eige­ne ein­ge­schlos­sen, getrig­gert wird, gehört für mich zu den fas­zi­nie­rends­ten Her­aus­for­de­run­gen.

25. Wird die Corona-Krise die Bürowelt nachhaltig verändern und wenn ja, voraussichtlich wie?

Die einen haben das Home-Office gezwun­ge­ner­ma­ßen als sinn­vol­le Alter­na­ti­ve ent­deckt, für ande­re hat es sich ent­zau­bert, weil auch die Nach­tei­le der Tele­ar­beit als dau­er­haf­te Ein­rich­tung schmerz­haft spür­bar wur­den. Es wird daher als tem­po­rä­re Arbeits­platz­op­ti­on fes­ter Bestand­teil der Arbeits­platz­kon­zep­te wer­den, inklu­si­ve eines grö­ße­ren Inter­es­ses der Arbeit­ge­ber, die Rah­men­be­din­gun­gen dafür zu ver­bes­sern. Der Schub der Digi­ta­li­sie­rung in der Zusam­men­ar­beit wird eben­falls nicht umkehr­bar sein, und Geschäfts­rei­sen wer­den nicht mehr auf das alte Niveau zurück­keh­ren. Die Vor­tei­le der ana­lo­gen Zusam­men­ar­beit im Büro, die so schmerz­lich ver­misst wur­den, wer­den wohl dau­er­haft als wich­tig geschätzt. Die Erfah­rung, dass sich auch in unse­rer ver­meint­lich so siche­ren Welt über Nacht alles ändern kann, wird die Büro­ar­beits­for­men prä­gen. Fle­xi­bi­li­tät als wich­tigs­tes Attri­but für Resi­li­enz – die­se Erkennt­nis aus der Evo­lu­ti­on wird zu neu­en Kon­zep­ten füh­ren.

26. Ihr größter beruflicher Erfolg?

Dass der Archi­tekt Gun­ter Henn das Vor­wort zu dem von Gui­do Eng­lich und mir ver­fass­ten und von Wilk­hahn her­aus­ge­ge­be­nen „Pla­nungs­hand­buch für Kon­fe­renz- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­räu­me“ schrieb und das Buch bei vie­len Archi­tek­ten und Innen­ar­chi­tek­ten als „Neufert“ für die­ses The­men­feld gilt, macht mich stolz und glück­lich.

27. Der größte Misserfolg?

Zur Expo 2000 prä­sen­tier­te Wilk­hahn ein außer­ge­wöhn­li­ches Pro­jekt zum The­ma „Zukunft der Arbeit“. Wir hat­ten dafür im For­schungs- und Ent­wick­lungs­kon­sor­ti­um „Future Office Dyna­mics“ Ende 1999 die Welt­pre­mie­re der ers­ten inter­ak­ti­ven Raum­um­ge­bun­gen gefei­ert. Wir hat­ten das Gefühl, die Büro­ar­beit neu erfun­den zu haben, und es wur­de in Funk, Fern­se­hen und Print­me­di­en breit dar­über berich­tet. Doch es ist nicht gelun­gen, die­se grund­le­gen­den Inno­va­tio­nen in ein funk­tio­nie­ren­des Geschäfts­mo­dell zu über­füh­ren. Wir waren schlicht viel zu früh damit im Markt – weder die Tech­nik noch die Part­ner noch die eige­ne Orga­ni­sa­ti­on noch die Kun­den waren reif dafür.

28. Xing oder LinkedIn oder …?

Für den deutsch­spra­chi­gen Bereich Xing, für die inter­na­tio­na­len Netz­wer­ke Lin­kedIn – aber bei­des in Maßen. Ich bin eher der Spe­zia­list für die Erstel­lung von Con­tent und nicht der Soci­al-Media-Freak für des­sen Ver­brei­tung. Das kön­nen bei uns ande­re viel bes­ser.

29. Apple oder Microsoft?

iPho­ne ist bei uns Stan­dard fürs mobi­le Hand­held und Leucht­turm für Gestal­tungs­qua­li­tät – und Micro­soft die Welt, in der man nicht bes­ser gestal­ten und kom­mu­ni­zie­ren kann, aber von mehr Emp­fän­gern ver­stan­den wird. Ganz prag­ma­tisch nut­zen wir das Bes­te aus bei­den Wel­ten.

30. Gedruckte Zeitung oder Online-News?

Bei­des. Sie­he dazu auch mei­nen Bezug auf McLu­han. Schnell und kom­pakt geht es online. Die Ver­tie­fung mit Muße fin­det dann abends und am Wochen­en­de statt. Manch­mal ist es ganz gut, wenn Tex­te und Bil­der auf dem Tisch lie­gend Prä­senz behal­ten und nicht so flüch­tig sind wie die digi­ta­len Infor­ma­tio­nen.

LEBEN

31. Was würden Sie als „König von Deutschland“ zuerst ändern?

Ich wür­de dafür sor­gen, dass die­je­ni­gen, die von den unschätz­ba­ren Vor­tei­len unse­rer frei­en und offe­nen Gesell­schaft wirt­schaft­lich pro­fi­tie­ren, umge­kehrt auch ange­mes­se­ne Bei­trä­ge an die­se zurück­ge­ben, damit die­ses Gemein­we­sen erhal­ten und wei­ter­ent­wi­ckelt wer­den kann. Glo­ba­li­sie­rung als Cher­ry-Picking kann nicht dau­er­haft gut gehen.

32. Was würden Sie gern können?

Ich lie­be Musik und dilet­tie­re manch­mal am Kla­vier. Das wür­de ich ger­ne sehr viel bes­ser kön­nen.

33. Wo würden Sie am liebsten leben?

Ich habe kei­nen wirk­li­chen Sehn­suchts­ort. Die Nähe der Men­schen, die ich lie­be und die mich lie­ben, ist das Ent­schei­den­de. Im Ruhe­stand wür­de ich ganz gern mit mei­nen Liebs­ten ein paar Wochen pro Jahr in Apu­li­en ver­brin­gen.

34. Wobei können Sie gut entspannen?

In der Coro­na-bedingt zu Hau­se ver­brach­ten Oster­zeit habe ich mei­ne Woh­nung neu gestri­chen. Mit sol­chen „Hand­ar­bei­ten“ kann ich ziem­lich gut ent­span­nen – dazu zählt auch das Bügeln …

35. Ihr ursprünglicher Berufswunsch?

Pfar­rer. Und ehr­li­che Mit­men­schen attes­tie­ren mir auch in mei­nem heu­ti­gen Job noch immer einen mis­sio­na­ri­schen Eifer.

36. Ihre Hauptcharaktereigenschaften?

Ich bin preu­ßi­scher Per­fek­tio­nist, der in Bay­ern gebo­ren und auf­ge­wach­sen ist. Die Mess­lat­te liegt immer ziem­lich hoch. Und die Pene­tranz, die es braucht, um die eige­nen Maß­stä­be zu erfül­len, macht es mir selbst und ande­ren manch­mal nicht ganz leicht.

37. Ihre Hobbys oder Leidenschaften?

Musik, Lite­ra­tur, Sport und ein gro­ßes Inter­es­se an ande­ren Men­schen und Kul­tu­ren. Durch die Inter­na­tio­na­li­tät von Wilk­hahn trifft hier das Pri­va­te wie­der wun­der­bar auf die beruf­li­chen Mög­lich­kei­ten.

38. Ihre drei Dinge für die einsame Insel?

Kind­le mit Inter­net­ver­bin­dung, iTu­nes, Tau­cher­bril­le.

39. Ihre Lieblingskünstler oder -denker?

Auweia – da gibt es sehr vie­le und sehr hete­ro­ge­ne. Mit sei­nem lie­be­voll-kri­ti­schen Blick auf das All­zu­mensch­li­che zeigt Lori­ot einen wun­der­ba­ren Weg auf, über sich selbst zu lachen. Ich mag auch Ger­hard Polt sehr – auch wenn mir das Lachen dann oft im Hals ste­cken bleibt.

40. Ein Buch, das Ihnen zuletzt gefallen hat?

Das jüngs­te Buch des israe­li­schen His­to­ri­kers und Phi­lo­so­phen Juval Noah Hara­ri hat mich gefes­selt. Die „21 Lek­tio­nen für das 21. Jahr­hun­dert“ sind wirk­lich groß­ar­tig und regen zum eige­nen Den­ken an!

41. Ihr Lieblingsgericht?

Fest­ko­chen­de Kar­tof­feln mit Süß­kar­tof­feln und Hoka­i­do-Kür­bis in der Pfan­ne aus­ge­ba­cken und dazu Spar­gel mit unter­schied­li­chen Zuta­ten – das koche ich selbst sehr ger­ne.

42. Ihre Lieblingsweisheit?

„Was du nicht willst, was man dir tu, das füg auch kei­nem andern zu.“

43. Ihr Lebensmotto?

„Es kommt, wie es kommt.“

44. Der Sinn des Lebens …

Mit sich im Rei­nen sein.

45. Söder, Scholz oder Habeck?

Habeck

46. Bayern oder Dortmund oder …?

Als gebür­ti­ger Augs­bur­ger kann man den gro­ßen Nach­barn nicht mögen – daher Dort­mund. Und natür­lich Mön­chen­glad­bach, die alte Lie­be aus den 1970ern.

47. Beatles oder Stones oder …?

Bei­des gran­di­os. Queen als Fort­set­zung und Bach als Grund­la­ge von allem.

48. Bier oder Wein?

Das eine für den Durst nach dem Sport, das ande­re mit ande­ren zum Abend­essen.

49. Strand oder Berge?

Meer hat im Zwei­fels­fall mehr Anzie­hungs- und Lebens­kraft.

50. Und Ihre Uhr: analog oder digital?

Hand­auf­zug – die Max Bill Re-Edi­ti­on von Jung­hans aus Mit­te der 90er Jah­re.

 

BURKHARD REMMERS:

  • Jahr­gang: 1960
  • Geburts­ort: Augs­burg
  • Höchs­ter Abschluss (Ausbildung/Studium): Staats­ex­amen
  • Aktu­el­le Funk­tio­nen: Lei­tung Inter­na­tio­na­le Kom­mu­ni­ka­ti­on
  • Beruf­li­che Sta­tio­nen: Werk­stu­dent im Büro­mö­bel­han­del, 1988 Quer­ein­stieg in die Mar­ke­ting- und Pres­se­lei­tung bei USM Deutsch­land, seit 1995 bei Wilk­hahn
  • Aus­zeich­nun­gen: Beru­fung in den deut­schen Werk­bund, Mit­glied in diver­sen Jurys