In den Groß­städ­ten boomt wei­ter­hin das The­ma Cowor­king. Nun folgt ein ganz ähn­li­cher Trend: Coli­ving. Robert Nehring hat die­se Art von Cowor­king für Fort­ge­schrit­te­ne ein­mal näher betrach­tet.

Privatraum im Coliving-Projekt Quarters in Berlin-Moabit. In dem im Mai 2017 eröffneten Gebäude wohnen aktuell 45 Personen in neun Apartments. Abbildung: Quarters

Pri­vat­raum im Coli­ving-Pro­jekt Quar­ters in Ber­lin-Moa­bit. In dem im Mai 2017 eröff­ne­ten Gebäu­de woh­nen aktu­ell 45 Per­so­nen in neun Apart­ments. Abbil­dung: Quar­ters

Im Quarters in Moabit hat jedes Apartment eine Gemeinschaftsküche mit Wohnbereich und ein Gemeinschaftsbad. Im Erdgeschoss befindet sich eine weitere große Community-Küche mit Ess- und Wohnbereich sowie einem kleinen Kino.   Abbildung: Quarters

Im Quar­ters in Moa­bit hat jedes Apart­ment eine Gemein­schafts­kü­che mit Wohn­be­reich und ein Gemein­schafts­bad. Im Erd­ge­schoss befin­det sich eine wei­te­re gro­ße Com­mu­ni­ty-Küche mit Ess- und Wohn­be­reich sowie einem klei­nen Kino. Abbil­dung: Quar­ters

Rent24 will am 24. Mai 2018 in Berlin-Schöneberg das Coliving-Projekt „Potsdamer Straße 180“ starten. So wird einer von vielen Begegnungsorten dort aussehen.   Abbildung: rent24/Fotograf Andreas Friese

Rent24 will am 24. Mai 2018 in Ber­lin-Schö­ne­berg das Coli­ving-Pro­jekt „Pots­da­mer Stra­ße 180“ star­ten. So wird einer von vie­len Begeg­nungs­or­ten dort aus­se­hen. Abbil­dung: rent24/Fotograf Andre­as Frie­se

Was Coli­ving genau ist, das lässt sich in etwa so schwer zu defi­nie­ren wie das Cowor­king. Es han­delt sich um eine Form von gemein­sa­mem Leben und Arbei­ten am sel­ben Ort, um eine Büro­ge­mein­schaft in Wohn­ge­mein­schaft oder ein­fach um eine Busi­ness-WG. Prak­tisch betrach­tet geht es hier um Cowor­king-Spaces mit pri­va­tem Schlaf­raum. Wer nach dem Cowor­ken also nicht nach Hau­se geht, son­dern nur nach neben­an, der macht Coli­ving.

All inclusive

Coli­ver sind in der Regel zwi­schen 20 und 35 Jah­ren alt und „digi­tal unter­wegs“. Zum einen fin­den Arbeit und Pri­va­tes wesent­lich auf ihren Devices statt. Zum ande­ren blei­ben sie oft nur für eine begrenz­te Zeit an einem Ort. Vie­le Coli­ver sind Pro­jekt­ar­bei­ter, Start-up-Grün­der, Fre­e­lan­cer, Prak­ti­kan­ten oder Künst­ler.

Coli­ving-Pro­jek­te bie­ten in der Regel

  • frei­en Zugang zum Cowor­king-Space mit Arbeits­plät­zen in ver­schie­de­nen Umge­bun­gen (etwa Open Space, Cafe­te­ria, Kon­fe­renz­raum),
  • frei­en Zugang zu Gemein­schafts­kü­che, Wasch­sa­lon, manch­mal auch Fit­ness­stu­dio, Pool, Gas­tro­no­mie,
  • ein pri­va­tes Zim­mer mit Bett, Schrank, Schreib­tisch und Stuhl (ein eige­nes Bad ist oft optio­nal),
  • Rei­ni­gungs­ser­vice, Kaf­fee-Flat­rate und natür­lich High-Speed Inter­net-Zugang im gesam­ten Gebäu­de­kom­plex.

Genau genom­men müss­te man sei­nen Coli­ving-Space also nie ver­las­sen. Mög­lich ist es aber natür­lich den­noch. 

Die Anfänge

Die Geschich­te des Coli­vings im enge­ren Sin­ne könn­te nicht nur im sel­ben Jahr, son­dern auch am sel­ben Ort wie das Cowor­king begon­nen haben: 2006 in Kali­for­ni­en. Als Pen­dant zur Hat Fac­to­ry in San Fran­cis­co, einem der ers­ten auch so genann­ten Cowor­king-Spaces, gilt die Rain­bow Man­si­on in Cup­er­ti­no. Fünf NASA-Inge­nieu­re star­te­ten in die­ser Vil­la ein Wohn-Arbeits-Pro­jekt, das heu­te als Blau­pau­se für Coli­ving dient. Wäh­rend es die „Hut­fa­brik“ schon seit 2010 nicht mehr gibt, ist die Rain­bow Man­si­on auch aktu­ell noch ein belieb­ter Ort für Grün­der und Krea­ti­ve. Regel­mä­ßig fin­den hier Work­shops, Hacka­thons und Pit­chings statt.

Die Wur­zeln moder­nen Coli­vings rei­chen aller­dings noch wei­ter zurück. Bereits in den frü­hen 1970er Jah­ren ent­stan­den in Däne­mark soge­nann­te Cohou­sing-Pro­jek­te, die für das Coli­ving heu­ti­ger Prä­gung Pate ste­hen, allen vor­an die Sæt­te­dam­men-Com­mu­ni­ty. 

Viele Vorteile

Coli­ving-Spaces bie­ten vie­le Vor­tei­le. Zunächst ein­mal ist es denk­bar ein­fach, dort ein­zu­che­cken. Wenn Betrei­ber und Inter­es­sent nach einem Besich­ti­gungs­ter­min kein Pro­blem mit­ein­an­der haben, kann letz­te­rer bereits mit Lap­top und ein paar Klei­dungs­stü­cken ein­zie­hen. Die Alter­na­ti­ve wäre gera­de in Groß­städ­ten eine qual­vol­le Woh­nungs­su­che, gefolgt von Umzug und Ein­rich­tung sowie dem Küm­mern um Hei­zung, Strom, Inter­net, Rund­funk­bei­trag usw.

Das viel­leicht größ­te Plus ist die Gemein­schaft­lich­keit. Wie im Cowor­king-Space gibt es zahl­rei­che Mög­lich­kei­ten, neben und mit ande­ren zu arbei­ten. Das kann moti­vie­ren und zu Seren­di­pi­ty füh­ren – wenn man auf etwas Nütz­li­ches stößt, nach dem man ursprüng­lich gar nicht gesucht hat. Außer­dem wer­den vie­le gemein­schaft­li­che Akti­vi­tä­ten ange­bo­ten: von Work­shops und Vor­trä­gen über Yoga bis hin zu Par­tys. Hier besteht kei­ne Gefahr zu ver­ein­sa­men.

Gera­de die Ein­sam­keit ist heu­te ins­be­son­de­re für Job­no­ma­den in anony­men Metro­po­len ein sehr gro­ßes Pro­blem. In Groß­bri­tan­ni­en wur­de auf­grund der immensen gesund­heit­li­chen Fol­gen von sozia­ler Iso­la­ti­on Anfang des Jah­res sogar eine Minis­te­rin für Ein­sam­keit ernannt, die die­sen Zustand bekämp­fen soll.

Nicht zuletzt ist das Kon­zept Coli­ving auch öko­lo­gisch sinn­voll, denn es spart Raum und Res­sour­cen. Außer­dem ent­fällt der täg­li­che Weg zur und von der Arbeit, was dar­über hin­aus auch Zeit, Geld und Ner­ven spart.

Welchen Preis hat das?

Beim Coli­ving lässt sich durch­aus Geld spa­ren. Die Prei­se rei­chen je nach Ort und Aus­stat­tung meist von etwa 500 bis 1.200 Euro pro Monat – inklu­si­ve aller Neben­kos­ten und Ver­an­stal­tun­gen. Das Quar­ters in Ber­lin-Moa­bit zum Bei­spiel ruft ohne eige­nes Bad 539 bis 589 Euro auf. Wer ins Kopen­ha­ge­ner Nest möch­te, zahlt 4.500 bis 8.000 Kro­nen (ca. 600 bis 1.150 Euro). Eine Mit­glied­schaft im Lon­do­ner Old Oak kos­tet – für Lon­do­ner Ver­hält­nis­se güns­ti­ge – 1.000 Pfund (ca. 1.150 Euro). Einen Platz in der New Yor­ker Wall Street bei WeLi­ve, einem Able­ger von WeWork, gibt es aller­dings erst ab 3.050 Dol­lar (ca. 2.500 Euro).

In der Coli­ving-Idee steckt gro­ßes Poten­zi­al. Bis zum vier­ten Jahr­zehnt des 21. Jahr­hun­derts sol­len 70 Pro­zent der Welt­be­völ­ke­rung in Städ­ten leben – über 50 Pro­zent mehr als heu­te. Coli­ving könn­te eine Ant­wort sein auf Woh­nungs­knapp­heit und Miet­wu­cher in Metro­po­len. Vor allem für Stu­den­ten, die hier ohne­hin kaum noch eine Chan­ce auf Wohn­raum haben und gern viel unter Men­schen sind. Auch für Unter­neh­men müss­te das The­ma inter­es­sant sein. Denn ein so güns­ti­ges Hotel dürf­ten sie für ihre Mobi­le Worker wohl kaum fin­den. Inves­to­ren jeden­falls lie­ben Coli­ving schon jetzt. Allein in Lon­don wur­de bereits mehr als eine Mil­li­ar­de Pfund in Coli­ving-Pro­jek­te gesteckt. In Groß­bri­tan­ni­en macht der Anteil von Coli­ving-Pro­jek­ten bereits fünf bis zehn Pro­zent des 25-Mil­li­ar­den-Pfund-Miet­woh­nungs­mark­tes aus.

Ande­rer­seits ist Coli­ving auch nicht für jeden geeig­net: In Coli­ving-Pro­jek­ten wird ten­den­zi­ell ein Work-Life-Blen­ding gelebt, das sich auf Dau­er nega­tiv auf das Pri­vat­le­ben aus­wir­ken kann. Coli­ver müs­sen auch mit häu­fig wech­seln­den Bekannt­schaf­ten leben, und spä­tes­tens zur Fami­li­en­grün­dung wird es dann wirk­lich eng. Hin­zu kom­men die meist nicht beson­ders ergo­no­misch ein­ge­rich­te­ten Arbeits­mög­lich­kei­ten.

„Coli­ving hat aber den gro­ßen Vor­teil, dass man in frem­den Städ­ten schnell Anschluss an Gleich­ge­sinn­te fin­det. Unse­re Com­mu­ni­ty-Mit­glie­der sind gene­rell sehr akti­ve Men­schen, die die meis­te Zeit ohne­hin nicht zu Hau­se ver­brin­gen. Fami­li­en­pla­nung spielt für unse­re jun­gen Mit­glie­der noch kei­ne gro­ße Rol­le. Die per­sön­li­che Ver­wirk­li­chung und beruf­li­che Aus­rich­tung ste­hen klar im Vor­der­grund. Coli­ving ist eher für eine bestimm­te Lebens­pha­se gedacht.“, so die Medi­ci Living Group, dem in Bezug auf die Anzahl von ange­bo­te­nen Zim­mern (1.700) welt­weit größ­ten Coli­ving-Anbie­ter.

In jedem Fall dürf­ten wir von Coli­ving in Zukunft noch eini­ges hören.