Die Digi­ta­li­sie­rung des Arbeits­all­tags soll dem Office-Worker mehr Frei­heit ver­schaf­fen. Aber leis­tet sie das auch? Wir spra­chen mit dem Autor und Unter­neh­mer Mar­kus Albers über die ernüch­tern­de Wirk­lich­keit, über Aus­we­ge aus der digi­ta­len Erschöp­fung und die Zukunft guter Büro­ar­beit.

Ständige Erreichbarkeit kann leicht zu digitaler Erschöpfung führen. Foto: Pixabay

Stän­di­ge Erreich­bar­keit kann leicht zu digi­ta­ler Erschöp­fung füh­ren. Foto: Pixabay

Markus Albers ist geschäftsführender Gesellschafter der Kommunikationsagentur Rethink. www.rethink-everything.net Foto: Tobias Kruse

Mar­kus Albers ist geschäfts­füh­ren­der Gesell­schaf­ter der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­agen­tur Rethink. Foto: Tobi­as Kru­se

OFFICE ROXX: Herr Albers, in Büchern wie „Morgen komm’ ich später rein“ (2008) und „Meconomy“ (2009) haben Sie Kerzen für mehr Flexibilität bzw. mehr mobile Immer-und-überall-Arbeit angezündet. Wollen Sie diese New-Work-Lichter mit Ihrem neuen Buch wieder auspusten?

Mar­kus Albers: Bei der soge­nann­ten Neu­en Arbeit ging es dar­um, mit intel­li­gen­te­ren Arbeits­wei­sen effi­zi­en­ter zu sein. Dann zu arbei­ten, wenn man am pro­duk­tivs­ten ist, und so die Arbeit von acht oder neun Stun­den in fünf zu erle­di­gen. Die Wirk­lich­keit sieht ganz anders aus: 84 Pro­zent aller deut­schen Arbeit­neh­mer sind nach Fei­er­abend erreich­bar. 46 Pro­zent geben an, kei­ne Fünf-Tage-Woche zu haben. Die Kran­ken­kas­sen schla­gen schon Alarm. Über 50 Pro­zent aller Befrag­ten haben Schlaf­pro­ble­me. Die Hoff­nung vie­ler Men­schen, dass Tech­no­lo­gie uns ein bes­se­res Leben ermög­li­chen kann, weicht zuse­hends der Ernüch­te­rung. Inso­fern ist die digi­ta­le Erschöp­fung, von der ich schrei­be, eine dop­pel­te. Gemeint ist die kon­kre­te Erschöp­fung, die das Always-on des Digi­ta­len in uns aus­löst. Aber eben­so die abs­trak­te, begriff­li­che eines sich erschöp­fen­den Heils­ver­spre­chens.

Wann haben Sie das erste Mal Anzeichen digitaler Erschöpfung bei sich festgestellt und welche waren das?

Als mei­ne damals vier­jäh­ri­ge Toch­ter zum ers­ten Mal sag­te „Schau nicht immer auf dein Han­dy, Papa“, war ich erst amü­siert, dann betrof­fen, dann hilf­los. Denn ich habe gemerkt, dass ich nicht auf­hö­ren konn­te, nie wirk­lich prä­sent war. So ein Vater woll­te ich nicht sein.

Always-on, zu viele Calls, Chats, Mails, Meetings – „slacken“ wir uns zu Tode?

Ich habe mir von Sucht­for­schern erklä­ren las­sen, war­um wir alle von den stän­dig neu­en Nach­rich­ten abhän­gig sind – Psy­cho­lo­gen nen­nen das Phä­no­men „inter­mit­tie­ren­de Ver­stär­kung“. Ich habe auch mit Tech­no­lo­gie­kri­ti­kern dar­über gespro­chen, dass Tech-Kon­zer­ne ihre Pro­duk­te auf maxi­ma­le Nut­zung hin kon­zi­pie­ren. Das größ­te Pro­blem ist aus mei­ner Sicht jedoch eine Arbeits­welt, die das Neue ein­führt, aber zugleich am Alten fest­hält: Wir sol­len abends um elf noch E-Mails beant­wor­ten, aber mor­gens um neun wie­der am Schreib­tisch sit­zen. Bei­des zusam­men macht die Men­schen kaputt.

Wie lässt sich digitaler Ermüdung konkret vorbeugen?

Ich habe Exper­ten um Rat gefragt und dar­auf­hin ver­schie­dens­te Tech­ni­ken aus­pro­biert, die ich in mei­nem Buch detail­liert beschrei­be, vom Batching der Kom­mu­ni­ka­ti­on über das Umstel­len des Kalen­ders vom Manager’s Sche­du­le auf den Maker’s Sche­du­le bis zum Dumb-Pho­ne, das nur tele­fo­nie­ren und SMS schi­cken kann. Man­che haben sich als wenig hilf­reich her­aus­ge­stellt, aber vie­le funk­tio­nie­ren.

Wie realistisch ist es, sich der Informationsflut mit Digitaldiät & Co. entziehen zu können und zu dürfen?

Wir wer­den die Uhr nicht wie­der zurück­dre­hen zum Nine-to-five-Arbeits­tag und dem guten alten Fei­er­abend. Für mich läuft es auf eine fast schon phi­lo­so­phi­sche Fra­ge hin­aus: Wie ver­bin­de ich die Lie­be zum Job mit der Lie­be zu mei­ner Toch­ter? Wie schaf­fen wir es, an die­ser his­to­ri­schen Wei­chen­stel­lung, an der sich ent­schei­det, wohin wir den Ein­fluss der Tech­ni­sie­rung der Arbeits­welt auf unser rest­li­ches Leben steu­ern wol­len, nicht die fal­sche Abbie­gung zu neh­men?

Was sind für Sie die wichtigsten Zutaten für gute Büroarbeit?

Wir alle müs­sen wie­der ler­nen, den digi­ta­len Wild­wuchs zurück­zu­schnei­den und das Nicht-Digi­ta­le zu trai­nie­ren. Um dann natür­lich trotz­dem neue Tech­no­lo­gi­en ein­zu­set­zen. Ich bin jemand, der Tools und Gad­gets als Ers­ter aus­pro­biert. Nur eben nicht auf Kos­ten ech­ter mensch­li­cher Bezie­hun­gen.

Und wie wird Büroarbeit wohl in zehn Jahren aussehen?

Die Zeit, in der wir stän­dig auf Bild­schir­me schau­en, geht jeden­falls gera­de zu Ende. Als Apple die Kopf­hö­rer­buch­se am iPho­ne weg­ließ und Nut­zern emp­fahl, draht­lo­se Knöp­fe im Ohr zu tra­gen, war das der ers­te Schritt in eine Welt von sprach­ge­steu­er­ten Sys­te­men und ler­nen­den Per­so­nal Assi­stants. Im bes­ten Fall kann das bedeu­ten, dass wir künf­tig wie­der mehr von unse­rer Umwelt mit­be­kom­men. Zugleich lässt mich der Gedan­ke dar­an aber auch erschau­dern. Wenn die intel­li­gen­ten Assis­ten­ten uns per Knopf im Ohr stän­dig beglei­ten, kön­nen wir dann über­haupt noch jemals abschal­ten?

Vie­len Dank für das Gespräch.

Die Fra­gen stell­te Robert Nehring.

 

 

Das Buch zum Thema

Mar­kus Albers: „Digi­ta­le Erschöp­fung. Wie wir die Kon­trol­le über unser Leben wie­der­ge­win­nen“, Han­ser, 288 S., 22 €.