Der Wan­del der Büro­ar­beits­welt hat zwei Arbeits­or­te ver­stärkt in den Fokus gerückt: Home-Office und Cowor­king-Space. Der Jour­na­list Frank Bär­mann hat die Per­so­nal­ma­na­ge­rin Bar­ba­ra Frett und den Vor­stand der cowork AG Tobi­as Kol­lewe zu den Vor- und Nach­tei­len der bei­den Model­le inter­viewt. 

Gemeinsam mit Fremden im Coworking-Space arbeiten, kann ungeahnte Synergien freisetzen. Abbildung: Photographee.eu/Shutterstock.com

Gemein­sam mit Frem­den im Cowor­king-Space arbei­ten, kann unge­ahn­te Syn­er­gi­en frei­set­zen. Abbil­dung: Photographee.eu/Shutterstock.com

Die vertraute Umgebung und die Ruhe im Home-Office wirken sich oft positiv auf die Produktivität aus. Abbildung: Africa Studio/Shutterstock.com

Die ver­trau­te Umge­bung und die Ruhe im Home-Office wir­ken sich oft posi­tiv auf die Pro­duk­ti­vi­tät aus. Abbil­dung: Afri­ca Studio/Shutterstock.com

Die Personalmanagerin Barbara Frett argumentiert für das Konzept Home-Office.

Die Per­so­nal­ma­na­ge­rin Bar­ba­ra Frett argu­men­tiert für das Kon­zept Home-Office.

Tobias Kollewe, Vorstand des Bundesverband Coworking Deutschland und der cowork AG, setzt sich für mehr Coworking-Spaces in Deutschland ein.

Tobi­as Kol­lewe, Vor­stand des Bun­des­ver­band Cowor­king Deutsch­land und der cowork AG, setzt sich für mehr Cowor­king-Spaces in Deutsch­land ein.

Bei­de Model­le haben ihre Vor­tei­le und zugleich ihre Gren­zen. Wäh­rend Bar­ba­ra Frett seit vie­len Jah­ren als Per­so­nal­ma­na­ge­rin in mit­tel­stän­di­schen Betrie­ben und Kon­zer­nen gute Erfah­run­gen mit dem Kon­zept Home-Office gemacht hat, setzt sich Tobi­as Kol­lewe unter ande­rem als Vor­stand des Bun­des­ver­ban­des Cowor­king Deutsch­land (Ger­man Cowor­king Fede­ra­ti­on) für mehr Cowor­king-Spaces in Deutsch­land ein, vor allem im länd­li­chen Raum. Vor­hang auf zu einem inter­es­san­ten Exper­ten-Schlag­ab­tausch.

Frau Frett, Sie sind seit vielen Jahren klare Verfechterin des Home-Office. Warum kämpfen Sie so sehr für den Arbeitsplatz zu Hause?

Bar­ba­ra Frett (BF): In Deutsch­land ste­hen wir in Sachen Fle­xi­bi­li­sie­rung der Büro­ar­beit und ins­be­son­de­re der Mög­lich­keit Home-Office im inter­na­tio­na­len Ver­gleich noch am Anfang. Es exis­tie­ren lei­der immer noch die alter­tüm­li­chen Vor­ur­tei­le, dass Mit­ar­bei­ter im Home-Office weni­ger pro­duk­tiv sind, da sie nicht aus­rei­chend kon­trol­liert wer­den kön­nen. Neh­men Sie dage­gen die Nie­der­lan­de. Dort gibt es einen Rechts­an­spruch aufs Home-Office.

Ich per­sön­lich bin über­zeugt vom Kon­zept des Home-Office. Das hat sich in mei­ner jah­re­lan­gen Arbeit im HR-Bereich immer wie­der gezeigt. Mei­ner Erfah­rung nach bringt das Home-Office gene­rell vie­le Vor­tei­le. Das sind unter ande­rem:

  • Befrei­ung von räum­li­chen Gren­zen,
  • Bin­dung von Müt­tern und Vätern als Arbeits­kraft,
  • Stei­ge­rung der Effi­zi­enz und Erhö­hung der Moti­va­ti­on.

So gibt es Bran­chen, in denen es gar nicht mehr ohne den dezen­tra­len Arbeits­platz geht. Hier sind etwa die Außen­dienst­mit­ar­bei­ter, die sehr weit weg von der Fir­men­zen­tra­le tätig sind, oder die Soft­ware­ent­wick­ler, die sogar in Über­see sit­zen und arbei­ten, bei­spiel­haft zu nen­nen. Aber auch ande­re Bran­chen und Unter­neh­men kön­nen von einer Fle­xi­bi­li­sie­rung des Arbeits­plat­zes pro­fi­tie­ren. Den­ken Sie nur an berufs­tä­ti­ge Müt­ter und Väter. Sie kön­nen oft nur mit einem Home-Office-Arbeits­platz Beruf und Fami­lie mit­ein­an­der ver­ein­ba­ren. Und die Unter­neh­men ver­lie­ren die­se Mit­ar­bei­ter nicht kom­plett als Arbeits­kraft.

Herr Kollewe, Ihnen als Vorstand des Bundesverbandes Coworking müsste eine solche Ansicht ein Dorn im Auge sein. Denn Home-Office steht doch im Konkurrenzkampf zum Coworking. Oder nicht?

Tobi­as Kol­lewe (TK): Ich glau­be nicht, dass es einen Kon­kur­renz­kampf zwi­schen Home-Office und Cowor­king gibt, und ich glau­be, dass wir den auch nicht ent­fa­chen soll­ten. Cowor­king ist für die drin­gend not­wen­di­ge Fle­xi­bi­li­sie­rung unse­rer Arbeits­welt eine gute Lösung. Hier fin­den Arbeit­neh­mer den Arbeits­platz, den sie für eine pro­duk­ti­ve Arbeit benö­ti­gen. Ange­fan­gen von der kom­plet­ten IT-Infra­struk­tur über die pro­fes­sio­nel­le Raum­aus­stat­tung bis zur nöti­gen Ruhe. Und der von Arbeits­psy­cho­lo­gen als not­wen­dig ange­se­he­ne Aus­tausch ist auch im Cowor­king-Space gege­ben – oft auch noch inspi­rie­ren­der, als im klas­si­schen Büro-Set­ting.

Fast wöchent­lich eröff­nen neue Cowor­king-Spaces in Deutsch­land. Die­ses rasan­te Wachs­tum deckt den tat­säch­li­chen Bedarf von Unter­neh­men und Wis­sens­ar­bei­ten. Das hat sei­nen Grund.

Frau Frett, was sagen Sie dazu?

BF: Natür­lich kann ich nicht ver­leug­nen, dass moder­ne Cowor­king-Spaces opti­ma­le Arbeits­platz­aus­stat­tun­gen und IT-Infra­struk­tu­ren bie­ten. Dies sind Din­ge, die der Arbeit­ge­ber einem Mit­ar­bei­ter im Home-Office natür­lich in ähn­li­cher Wei­se zur Ver­fü­gung stel­len muss. Ohne ver­nünf­ti­gen Arbeits­platz nach neu­es­ten Regeln und Geset­zen und einem ver­nünf­ti­gen Inter­net­zu­gang ist kein Home-Office mach­bar.

Was den feh­len­den Aus­tausch mit ande­ren Men­schen angeht, so kann ich sagen, dass ich kein Home-Office in Voll­zeit emp­feh­le. Ich emp­feh­le maxi­mal zwei Tage pro Woche zu Hau­se. Das war auch das Maxi­mum, das ich als Per­so­nal­ma­na­ge­rin geneh­migt habe. In die­sem Modell bleibt der Aus­tausch im Team und der sozia­le Kon­takt zu Kol­le­gen erhal­ten. Im Cowor­king-Space gibt es zwar ande­re Men­schen, aber eben kei­ne aus dem­sel­ben Unter­neh­men – zumin­dest in der Regel nicht.

TK: Das kann ich so nicht bestä­ti­gen. Immer mehr Fir­men ent­sen­den für Ein­zel­pro­jek­te gan­ze Teams in Cowor­king-Spaces, um in einem ande­ren Set­ting anders zu den­ken und zu arbei­ten als im gewohn­ten Büro. Und genau­so häu­fig mie­ten Unter­neh­men in den Metro­pol­re­gio­nen für ihre Teams Büros in Spaces im jewei­li­gen Speck­gür­tel an, um den Mit­ar­bei­tern das Pen­deln zu erspa­ren. Übri­gens nicht nur aus öko­no­mi­schen, son­dern ver­stärkt auch aus öko­lo­gi­schen Grün­den.

Wie sieht es mit der rechtlichen Situation aus? Gibt es da Unterschiede?

TK: Nun, in Deutsch­land gel­ten für jeden Arbeits­platz gesetz­li­che Rege­lun­gen, zum Bei­spiel das Arbeits­schutz­ge­setz (Arb­SchG) und die Arbeits­stät­ten­ver­ord­nung (ArbStättV). Die­se und wei­te­re Vor­schrif­ten gel­ten selbst­ver­ständ­lich auch im Home-Office und für den Arbeits­platz im Cowor­king-Space.

Der Arbeit­ge­ber muss sicher­stel­len, dass die Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter an ihrem Bild­schirm­ar­beits­platz ihre Gesund­heit nicht gefähr­den. Dabei kön­nen zum Bei­spiel bestimm­te Vor­ga­ben hin­sicht­lich der Büro­mö­bel, der Raum­grö­ße sowie zur Beleuch­tung eben­so zu beach­ten sein wie Vor­ga­ben zu Bild­schirm­ge­rä­ten, Tas­ta­tur und Soft­ware. Das Unter­neh­men muss zudem die Ein­hal­tung arbeits­schutz­recht­li­cher Bestim­mun­gen über­wa­chen und regel­mä­ßig über­prü­fen. Des­halb braucht der Arbeit­ge­ber ein Zutritts­recht zur Pri­vat­woh­nung, das er mit dem von zu Hau­se arbei­ten­den Mit­ar­bei­ter ver­ein­ba­ren muss. In einem Cowor­king-Space lässt sich das genau­so umzu­set­zen, jedoch ohne die Pri­vat­sphä­re der Mit­ar­bei­ter zu tan­gie­ren.

Glei­ches gilt natür­lich auch für daten­schutz­re­le­van­te The­men. Ver­mut­lich lässt sich das in geschlos­se­nen Berei­chen von Cowor­king-Spaces ein­fa­cher umset­zen als im Home-Office. Zumin­dest ist das mei­ne Erfah­rung. Gera­de Behör­den ste­hen dem Home-Office da deut­lich kri­ti­scher gegen­über, weil ihnen fak­tisch der Durch­griff auf den Arbeits­platz fehlt.

Frau Frett, Sie sind eine Frau der Praxis, wie regeln Unternehmen das heute?

BF: Ich kann natür­lich nur für das Home-Office spre­chen. Selbst­ver­ständ­lich müs­sen gel­ten­de Geset­ze und Ver­ord­nun­gen, zum Bei­spiel zum Arbeits­schutz, von den Arbeit­ge­bern auch am Heim­ar­beits­platz ein­ge­hal­ten und kon­trol­liert wer­den. Das ist auch den Arbeit­neh­mern bekannt. Das not­wen­di­ge Zutritts­recht wird heu­te meis­tens durch eine Zusatz­ver­ein­ba­rung zum Arbeits­ver­trag – oder gleich mit einem neu­en Ver­trag – fixiert. Übri­gens zusam­men mit der Daten­schutz­ver­ein­ba­rung. Wer im Home-Office arbei­ten möch­te, muss auch ein paar Kom­pro­mis­se ein­ge­hen und Regeln beach­ten.

Wer ist denn in dieser Diskussion der Gewinner – Home-Office oder Coworking?

BF: Es geht hier nicht um gewin­nen oder ver­lie­ren. Es gibt ein­fach Sze­na­ri­en im Berufs­le­ben, die die Nut­zung eines Cowor­king-Spaces unmög­lich machen: wenn Kin­der im Spiel sind. War­um möch­te eine lei­ten­de Mit­ar­bei­te­rin unbe­dingt zu Hau­se arbei­ten? Nicht, weil die Möbel im Wohn­zim­mer schö­ner sind als die Büro­mö­bel. Nicht, weil der Gar­ten schö­ner ist als die öde Ter­ras­se im Büro. Nein, weil sie ein oder meh­re­re Kin­der hat und unbe­dingt wie­der schnell ein­stei­gen will in den Job. Fami­lie und Beruf ist das Stich­wort. Die­ser Mit­ar­bei­te­rin – wir kön­nen hier ger­ne auch die Väter ein­be­zie­hen – kann ich als Chef den Wie­der­ein­stieg ermög­li­chen, indem ich ihr anbie­te, von zu Hau­se aus zu arbei­ten.

Ich selbst habe mit Mana­ge­rin­nen zusam­men­ge­ar­bei­tet, die abends – wenn die Kin­der im Bett sind – super gear­bei­tet haben. In einem Fall war es sogar vom Timing her per­fekt, weil die Dame Kun­den in Über­see hat­te, mit denen sie dann abends oder nachts tele­fo­nie­ren oder sky­pen konn­te. Das ist in einem Cowor­king-Space nicht mög­lich.

Herr Kollewe, Ihre Antwort?

TK: Oh, selbst das ist heu­te nicht mehr unmög­lich. Es gibt in Deutsch­land die ers­ten Cowor­king-Spaces mit Kin­der­be­treu­ung. Neh­men Sie zum Bei­spiel „Cowor­king Todd­ler“ in Ber­lin. Dort ver­bin­det man Beruf und Kin­der­be­treu­ung: In die­sem Space kön­nen Eltern in einem pro­fes­sio­nel­len Umfeld kon­zen­triert arbei­ten, wäh­rend ihre Babys und Klein­kin­der in der Kita direkt neben­an nach einem eige­nen päd­ago­gi­schen Kon­zept in der Grup­pe betreut wer­den. Das Modell ist in Deutsch­land noch rela­tiv neu. Aber auch hier zeigt die Nach­fra­ge, dass der Weg ein rich­ti­ger ist.

Frau Frett, Herr Kollewe, finden wir einen Konsens?

BF: Sicher, in mei­nen Augen wird es eine Co-Exis­tenz zwi­schen Home-Office und Cowor­king geben. Bei­de Kon­zep­te haben ihre Vor­tei­le und Daseins­be­rech­ti­gun­gen. Ich glau­be, dass man jeden Ein­zel­fall betrach­ten muss – und damit mei­ne ich Unter­neh­men und Mit­ar­bei­ter. Dass auch in Deutsch­land der Ruf nach einem Rechts­an­spruch auf Home-Office lau­ter wird, fin­de ich gut.

Ich möch­te an die­ser Stel­le noch mal beto­nen, dass Home-Office nichts für jeden Mit­ar­bei­ter ist. Der/die eine oder ande­re braucht den Kon­takt zu Kol­le­gen und den Druck eines anwe­sen­den Chefs. So jemand wür­de ohne Kon­trol­le und Auf­sicht zu Hau­se völ­lig unpro­duk­tiv. Und es gibt selbst­ver­ständ­lich auch Berei­che in man­chen Unter­neh­men, in denen das Home-Office nicht umsetz­bar ist. Ich den­ke zum Bei­spiel an die Pro­duk­ti­ons­be­rei­che.

Ich den­ke, dass bei­de Model­le sehr gut sind. Letzt­end­lich geht es dar­um, gute und prag­ma­ti­sche Alter­na­ti­ven zu schaf­fen. Die Kin­der­be­treu­ung in Deutsch­land ist nach wie vor ein rie­si­ges The­ma und ich bli­cke jetzt auch mal aus eige­ner Erfah­rung in eine ande­re Rich­tung. Was ist mit der Betreu­ung pfle­ge­be­dürf­ti­ger Ange­hö­ri­ger und der Ver­ein­bar­keit mit dem Beruf?

TK: Mir stellt sich nicht die Fra­ge, wel­che der bei­den Out-of-Office-Vari­an­ten die bes­se­re Alter­na­ti­ve zur Arbeit im Büro ist. Wich­tig ist, dass über­haupt Alter­na­ti­ven geschaf­fen wer­den. Fle­xi­bi­li­sie­rung der Arbeits­welt heißt ja nicht, die Men­schen von einem Kor­sett in ein ande­res zu ste­cken. Viel mehr freue ich mich dar­über, dass immer weni­ger Arbeit­ge­ber Anwe­sen­heit im Büro mit Arbeits­leis­tung gleich­set­zen. Fle­xi­bi­li­sie­rung der Arbeits­welt heißt für mich, dass sich die Arbeit – dort wo mög­lich – nach den Bedürf­nis­sen der Men­schen rich­tet und nicht umge­kehrt. Das kann im hei­mi­schen Büro sein oder auch in Cowor­king-Spaces.

Gera­de im länd­li­chen Raum müs­sen Kom­mu­nen, Wirt­schafts­för­de­rer und Unter­neh­men Ange­bo­te schaf­fen, die die Mög­lich­kei­ten der Digi­ta­li­sie­rung auch im Arbeits­be­reich kon­se­quent aus­nut­zen. Das erhöht auf allen Sei­ten lang­fris­tig die Zufrie­den­heit.

Vie­len Dank an Sie bei­de.