Cowor­king-Spaces sind hip: Sie wer­den als Wie­ge von Inno­va­tio­nen, neue Form des Arbei­tens und Desi­gn­vor­bild für Unter­neh­mens­bü­ros gehan­delt. Doch was ver­birgt sich hin­ter dem Phä­no­men? Wir spra­chen dar­über mit Tobi­as Krem­kau, Cowor­king-Mana­ger des Ber­li­ner Kult-Cowor­king-Spaces St. Ober­holz.

Coworking-Spaces: Gemeinsames Arbeiten im Berliner Coworking-Space St. Oberholz. Foto: Andreas Louca

Gemein­sa­mes Arbei­ten im Ber­li­ner Cowor­king-Space St. Ober­holz. Foto: Andre­as Lou­ca

Ein Coworking-Space muss eine inspirierende Atmosphäre schaffen. Auch über die Einrichtung. Foto: Andreas Louca

Ein Cowor­king-Space muss eine inspi­rie­ren­de Atmo­sphä­re schaf­fen. Auch über die Ein­rich­tung. Foto: Andre­as Lou­ca

Tobi­as Krem­kau ist Cowor­king-Mana­ger im St. Ober­holz. Foto: Caro­lin Saa­ge

Tobias, wo liegt der Ursprung des heutigen Phänomens Coworking-Space?

Tobi­as Krem­kau: Der Anfang war im Som­mer 2005. Um die­se Zeit ent­stan­den welt­weit sol­che Orte, die heu­te als Cowor­king-Spaces bezeich­net wer­den, in Kopen­ha­gen, Zürich, San Fran­cis­co und hier in Ber­lin das St. Ober­holz. Es gibt also nicht die eine ein­zi­ge Quel­le der Cowor­king-Spaces. Ihr Ent­ste­hen hängt damit zusam­men, dass zu die­ser Zeit WLAN-Kar­ten erst­mals stan­dard­mä­ßig in Lap­tops ein­ge­baut wur­den. Aus Erzäh­lun­gen weiß ich, dass damals hier im St. Ober­holz die ers­ten Leu­te im Café mit ihren Lap­tops arbei­te­ten. Ande­re sahen das, klapp­ten ihre Lap­tops auf und merk­ten erst dann, dass sie mit ihrem Gerät gar nicht ins WLAN konn­ten. Die Ele­men­te, über die heu­te ein Cowor­king-Space ver­fügt, ent­stan­den viel­fach im Hacker­space c-base in Ber­lin. Dort eta­blier­te sich die Idee, die Infra­struk­tur mit Frem­den zu tei­len. Ab 2002 gab es dort bei­spiels­wei­se schon ein offe­nes WLAN.

Wie haben sich die Coworking-Spaces in den letzten Jahren verändert?

Seit zwei, drei Jah­ren sieht man, dass die Anzahl der Fre­e­lan­cer in den Cowor­king-Spaces abnimmt. Dafür steigt die Zahl der Unter­neh­mens­an­ge­stell­ten, die dort arbei­tet. Die Fir­men spü­ren, dass es der­zeit einen Wan­del gibt. Sie schi­cken nun ihre Teams in Cowor­king-Spaces, um so eine bewuss­te räum­li­che Tren­nung vom Alten zu errei­chen. In Deutsch­land geschieht das aller­dings noch sehr vor­sich­tig und eher expe­ri­men­tell. Viel­leicht auch, weil es den meis­ten Unter­neh­men hier noch zu gut geht, als dass sie wirk­li­ch die Not und den Drang zur Ver­än­de­rung hät­ten. In Frank­reich oder Spa­ni­en sieht das anders aus.

Ist es überhaupt noch Coworking, wenn Unternehmen innerhalb eines Coworking-Spaces Privatbüros für ihre Teams anmieten?

Das kann Cowor­king sein, muss es aber nicht. Meist ist es schon so, dass die­je­ni­gen, die im Hot-Des­king-Bereich arbei­ten, direk­ter in der Com­mu­ni­ty sind, sich stär­ker ein­brin­gen. Ein Unter­neh­mens­team hin­ge­gen ist oft selbst eine Art Com­mu­ni­ty. Wir hat­ten hier neu­li­ch das Inno­va­ti­on-Team eines gro­ßen Unter­neh­mens bei uns. Die muss­ten erst ein­mal ler­nen, die Tür zum Büro offen­zu­las­sen und in der Küche mit ande­ren zu spre­chen. Je nach Unter­neh­mens­kul­tur kann es aber funk­tio­nie­ren, dass sich das Team öff­net.

Wie funktioniert Coworking denn idealerweise?

Cowor­king ist zu einem kras­sen Buz­zword gewor­den, unter dem ganz Unter­schied­li­ches ver­stan­den wird. Für mich ist Cowor­king eine Com­mu­ni­ty, die sich einen Raum teilt und koope­riert, die zusam­men an neu­en Din­gen arbei­tet und sich als Gemein­schaft wahr­nimmt. Der Sozio­lo­ge Erving Goff­man hat das Co-Prä­senz genannt. Das bedeu­tet, dass die Anwe­sen­heit von ande­ren beein­flusst, wie wir uns ver­hal­ten und wie wir von uns den­ken. Im Cowor­king-Space erzeugt die Wahr­neh­mung des ande­ren ein Zuge­hö­rig­keits­ge­fühl. Das geschieht dort von Minu­te eins an. Im Ide­al­fall pas­sie­ren in einem Cowor­king-Space dann fol­gen­de Din­ge: Die Leu­te ler­nen sich ken­nen, machen zusam­men Pro­jek­te, und etwas Neu­es ent­steht. Oft erfolgt das durch zufäl­li­ge Beob­ach­tun­gen von etwas, das eigent­li­ch gar nicht gesucht wur­de, das sich aber als wert­voll erweist. Hier spricht man von Seren­di­pi­tät. Der Vor­teil eines Cowor­king-Spaces ist, dass ver­schie­de­ne Leu­te mit ihrer je eige­nen Her­kunft und Erfah­rung zusam­men­kom­men, die damit auch einen eige­nen Bli­ck auf die Din­ge haben. Im Unter­neh­men ist das anders, weil die­se letzt­li­ch doch oft recht ähn­li­che Leu­te ein­stel­len, die einen ähn­li­chen Bli­ck haben.

Worauf kommt es an, wenn man einen Coworking-Space betreibt?

Es ist enorm wich­tig, eine Atmo­sphä­re auf­zu­bau­en, in der sich die Leu­te ken­nen­ler­nen. Wir sind kei­ne Ver­mie­ter, wir geben Zugang zur Com­mu­ni­ty, bei­spiels­wei­se über gemein­sa­me Früh­stü­cke oder über Ver­an­stal­tun­gen mit brei­ten The­men, die vie­le Men­schen inter­es­sie­ren. Oft ist es so, dass sich die Cowor­ker auf sol­ch einem Event das ers­te Mal anspre­chen. An den Schreib­ti­schen im Cowor­king-Space ler­nen sie sich oft nicht ken­nen, dort wird still und flei­ßig gear­bei­tet.

Derzeit wird viel über Coworking-Spaces gesprochen und geschrieben. Wie groß ist der Boom wirklich?

In Frank­reich und Spa­ni­en boo­men Cowor­king-Spaces tat­säch­li­ch. Weil dort die Wirt­schaft sta­gniert, bleibt denen, die auf den Arbeits­markt kom­men, oft nur die Wahl zwi­schen Arbeits­lo­sig­keit oder Selbst­stän­dig­keit. Vie­le arbei­ten dann in Cowor­king-Spaces, die es dort selbst in klei­ne­ren Städ­ten gibt. In Deutsch­land sieht das anders aus. In einem hal­ben Jahr haben hier so vie­le Spaces geöff­net wie geschlos­sen. Vor allem außer­halb Ber­lins geht es vie­len Cowor­king-Spaces wirt­schaft­li­ch sehr schlecht, weil es den Unter­neh­men in Deutsch­land noch zu gut geht, sie zu stark in ihren Struk­tu­ren ver­haf­tet sind. Außer­dem ist außer­halb Ber­lins die Fre­e­lan­cer­dich­te gerin­ger, und es ist schwe­rer, über Event­flä­chen Ein­nah­men zu gene­rie­ren. Das Kon­zept Cowor­king wird aber auch unab­hän­gig von Cowor­king-Spaces wei­ter­le­ben. Es zeigt, wie Arbeit künf­tig aus­se­hen könn­te: orts­un­ab­hän­gig und ver­netzt.

Vie­len Dank für das Gespräch.

Die Fra­gen stell­te Sebas­ti­an Klöß.