Die Digi­ta­li­sie­rung der Arbeits­welt steht im Mit­tel­punkt des Bei­trags von Dr. Alex­an­dra Hil­de­brandt. Die Publi­zis­tin erklärt unter ande­rem, war­um digi­ta­les Arbei­ten der ent­schei­den­de Fak­tor künf­ti­ger Wett­be­werbs­fä­hig­keit für Mit­ar­bei­ter und Unter­neh­men ist.

Lars Kroll, Jochen Rasch­ke, Felix Sühl­mann-Faul (u. R., v. l.), Dr. Alex­an­dra Hil­de­brandt, Mathi­as Wre­de (m. R.), Flo­ri­an Pröbs­ting, Peter Uhlig und Wolf­gang Keck (h. R., v. l.). Abbil­dung: Ste­fan Kra­jew­ski (IHK Nürn­berg für Mit­tel­fran­ken)

Die Digi­ta­li­sie­rung der Gesell­schaft im All­ge­mei­nen und Indus­trie 4.0 im Beson­de­ren haben das Poten­zi­al, die der­zeit schwie­ri­ge demo­gra­fi­sche Ent­wick­lung posi­tiv zu ver­än­dern. Stel­len­be­zeich­nun­gen wie Digi­tal Offi­cer, Digi­tal Con­tent Stra­te­gy Mana­ger, Data Mana­ger, Digi­tal Ana­lyst oder CRM Ana­lyst wer­den künf­tig selbst­ver­ständ­lich sein. Das setzt aller­dings eine ent­spre­chen­de Hand­lungs­kom­pe­tenz in den jewei­li­gen Berei­chen vor­aus. An die ver­än­der­te Bedarfs­si­tua­ti­on müs­sen sich auch die Hoch­schul- und betrieb­li­che Aus­bil­dung anpas­sen, indem Per­so­nal für Ent­wick­lung, Manage­ment und Über­wa­chung von Industrie-4.0-Systemen aus­ge­bil­det wird. Zudem soll­te die betrieb­li­che Aus­bil­dung vor allem auf die Schaf­fung von IT-Kom­pe­ten­zen auf Fach­ar­bei­ter­ebe­ne hin aus­ge­rich­tet wer­den.

Diese Faktoren prägen in Zukunft die Arbeitswelt 4.0

  • Dienst­leis­tun­gen wer­den wei­ter an Bedeu­tung gewin­nen.
  • Der Arbeits­all­tag wird zuneh­mend von inno­va­ti­ven Infor­ma­ti­ons- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gi­en geprägt sein.
  • Wis­sen und Krea­ti­vi­tät wer­den zu den ent­schei­den­den Erfolgs­fak­to­ren künf­ti­ger Wett­be­werbs­fä­hig­keit.
  • Immer mehr unbe­fris­te­te Voll­zeit­stel­len wer­den durch befris­te­te Pro­jekt­ver­trä­ge, freie Mit­ar­beit und Teil­zeit ersetzt.
  • Die Bedeu­tung von räum­li­cher Fle­xi­bi­li­tät wird wei­ter zuneh­men: Mobi­le Arbeit und das soge­nann­te Home-Office gewin­nen an Bedeu­tung.
  • Die Gehäl­ter von Ange­stell­ten wer­den fle­xi­bler aus­ge­stal­tet (erfolgs­be­zo­ge­ne Antei­le).
  • Es ent­wi­ckelt sich ein neu­es Bewusst­sein für Wer­tig­kei­ten von Arbeit.

Das richtige Level an Agilität

Vor dem Hin­ter­grund der stär­ker aus­dif­fe­ren­zier­ten Arbeits­um­ge­bun­gen müs­sen Unter­neh­men neue und fai­re Arbeits­wei­sen sowie inno­va­ti­ve Füh­rungs­tech­ni­ken ent­wi­ckeln. Fle­xi­bi­li­sie­rungs­po­ten­zi­al in der Arbeits­welt 4.0 bedeu­tet, dass Unter­neh­men das rich­ti­ge Level an Agi­li­tät fin­den müs­sen: Mit­ar­bei­ter- und Pro­duk­ti­ons­ma­schi­nen­agi­li­tät, Logis­tik, Pro­duk­ti­ons­netz­werk, Agi­li­tät in der Pro­dukt­ge­stal­tung. Dafür braucht es ent­spre­chen­de orga­ni­sa­to­ri­sche und kul­tu­rel­le Rah­men­be­din­gun­gen, unter denen sich Men­schen ent­wi­ckeln kön­nen. Denn Agi­li­tät muss im orga­ni­sa­to­ri­schen Design sowie dem Mind­set der Mit­ar­bei­ter glei­cher­ma­ßen ver­an­kert sein. Per­so­nal­ma­na­ger und -exper­ten unter­stüt­zen Füh­rungs­kräf­te hin­sicht­lich der Ent­wick­lung und Umset­zung neu­er Per­so­nal- und Orga­ni­sa­ti­ons­kon­zep­te sowie bei der Aus­wahl der hier­für geeig­ne­ten Mit­ar­bei­ter.

Freiräume für Mitarbeiter

Der Wett­be­werb um Inno­va­ti­on ist auch ein Wett­be­werb um die bes­ten Mit­ar­bei­ter. Im aka­de­mi­schen Umfeld wer­den sie für zukunfts­träch­ti­ge Lösun­gen und Ent­wick­lun­gen gesucht. Aller­dings gehört zur Inno­va­ti­ons­kul­tur auch ein Füh­rungs­stil, der den Mit­ar­bei­tern Frei­räu­me lässt und sie ermu­tigt, neue Ide­en wei­ter zu ent­wi­ckeln und mit Risi­ken und Feh­lern umzu­ge­hen. Aller­dings muss jeder sei­nen per­sön­li­chen Anteil zu einer Ver­trau­ens­kul­tur bei­tra­gen. Die Fra­ge, wie digi­ta­li­siert wird, ist dabei von zen­tra­ler Bedeu­tung. Die Agen­da 2030 mit ihren 17 Zie­len gibt bereits die Rich­tung vor. Der Rat für nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung (RNE) emp­fiehlt der Bun­des­re­gie­rung, Digi­ta­li­sie­rung kon­se­quent dar­auf aus­zu­rich­ten. Damit ver­bun­den sind:

  • eman­zi­pa­to­ri­sche Poten­zia­le
  • Zugang zu Infor­ma­tio­nen
  • dezen­tra­le Teil­ha­be
  • offe­ne Inno­va­tio­nen
  • zivil­ge­sell­schaft­li­ches Enga­ge­ment in demo­kra­ti­schen Struk­tu­ren för­dern

In der RNE-Emp­feh­lung „nachhaltig_UND_digital: Nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung als Rah­men des digi­ta­len Wan­dels“ (2018) geht der RNE auf die Chan­cen ein, die mit einer Digi­ta­li­sie­rung, die auf Nach­hal­tig­keits­the­men aus­ge­rich­tet ist, ver­bun­den sind. Aus Sicht des RNE erfor­dert dies eine brei­te, par­ti­zi­pa­ti­ve und durch empi­ri­sche For­schung und pra­xis­na­he For­ma­te gestütz­te Debat­te über die Aus­wir­kun­gen der tech­no­lo­gi­schen Ent­wick­lun­gen, die zu einem Wan­del in Gesell­schaft, Wis­sen­schaft, Poli­tik und Wirt­schaft füh­ren.

Veränderte Rahmenbedingungen

Eine sys­te­ma­ti­sche Ver­än­de­rung der Rah­men­be­din­gun­gen für Digi­ta­li­sie­rung för­dert „die Schwung­rad-Kraft von Digi­tal­l­ösun­gen, stärkt sie als Ermög­li­cher der Ener­gie­wen­de“, sorgt für mehr Res­sour­cen­ef­fi­zi­enz und grü­ne Tech­no­lo­gi­en. Zudem wird ein bil­dungs­po­li­ti­sches Vor­sor­ge­prin­zip emp­foh­len, das Men­schen von der Kind­heit bis ins hohe Alter befä­higt, umfas­send an der digi­ta­len Gesell­schaft teil­zu­ha­ben. Außer­dem wer­den Bil­dungs­an­ge­bo­te zum Erwerb digi­ta­ler Kom­pe­ten­zen und die  Bil­dung für nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung geför­dert. Wei­te­re Emp­feh­lun­gen für eine nach­hal­ti­ge Digi­ta­li­sie­rung wid­men sich den Berei­chen Arbeits­markt und sozia­ler Siche­rung, Gesund­heit und Mobi­li­tät.

Digitalisierung braucht Führungsbildung

Die Digi­ta­li­sie­rung erfor­dert völ­lig neue Anfor­de­run­gen an Füh­rungs­kräf­te und Mit­ar­bei­ter sowie ande­re Orga­ni­sa­ti­ons- und Koope­ra­ti­ons­mo­del­le. Zu den Her­aus­for­de­run­gen von Unter­neh­men gehö­ren vor die­sem Hin­ter­grund: schnel­le­re und dezen­tra­li­sier­te Ent­schei­dun­gen, mehr Trans­pa­renz, mobi­les Arbei­ten, digi­ta­les Den­ken, Auf­bruch von Hier­ar­chi­en und ver­än­der­te Ver­ant­wort­lich­kei­ten. In Zukunft wer­den tech­no­lo­gi­sche Fähig­kei­ten, digi­ta­le Grund­fer­tig­kei­ten und klas­si­sche Fähig­kei­ten immer wich­ti­ger. Vor allem aber wird es künf­tig dar­auf ankom­men, jene Fer­tig­kei­ten ver­stärkt aus­zu­bil­den, die künst­li­che Sys­te­me nicht gut über­neh­men kön­nen – Kom­pe­ten­zen, die nicht nur ein ziel­füh­ren­des, son­dern ein ver­ant­wor­tungs­vol­les Han­deln ermög­li­chen. Dafür braucht es Füh­rungs­bil­dung, die auf funk­tio­na­ler, emo­tio­na­ler und stra­te­gi­scher Befä­hi­gung basiert.

Digitalisierungsgrad und Unternehmenserfolg

Vor allem Per­so­nal­ab­tei­lun­gen ste­hen heu­te vor schwie­ri­gen Auf­ga­ben, die mit bis­her gän­gi­gen Instru­men­ta­ri­en kaum mehr zu bewäl­ti­gen sind. Hin­zu kommt das sich stän­dig wan­deln­de Anfor­de­rungs­pro­fil an Mit­ar­bei­ter- und Füh­rungs­kräf­te. Unter­neh­men müs­sen des­halb dafür sor­gen, dass ihre kom­ple­xen Sys­te­me eine Archi­tek­tur auf­wei­sen, die gewähr­leis­tet, sich selbst zu sta­bi­li­sie­ren und zu repa­rie­ren, wie es auch die Evo­lu­ti­on vor­macht. Benö­tigt wird eine Unter­neh­mens­kul­tur, die die neu­en Bedin­gun­gen nach­hal­tig nutzt, um auch den Grad der Digi­ta­li­sie­rung zu erhö­hen, denn die­ser ist künf­tig ent­schei­dend für den Unter­neh­mens­er­folg.

Nachhaltigkeit und Digitalisierung

Die­sen und wei­te­ren The­men rund um die Mög­lich­kei­ten der Digi­ta­li­sie­rung – vor allem auch für klei­ne und mit­tel­stän­di­sche Unter­neh­men (KMU) – wid­met sich der Arbeits­kreis „Nach­hal­tig­keit und Digi­ta­li­sie­rung“ mit Ver­tre­tern aus Wirt­schaft und Wei­ter­bil­dung. Hier setzt auch das bun­des­ein­heit­li­che und modu­la­re Manage­ment­trai­ning „Nach­hal­tig erfolg­reich füh­ren“ der Indus­trie- und Han­dels­kam­mer (IHK) an, das Füh­rungs­kräf­te aus Unter­neh­men dafür qua­li­fi­zie­ren soll, Prin­zi­pi­en von Nach­hal­tig­keit in ihrem beruf­li­chen Han­deln anzu­wen­den. Inhalt­lich geht es unter ande­rem um die metho­disch-didak­ti­sche Umset­zung der Qua­li­fi­zie­rung, Auf­ga­ben eines Chan­ge-Agen­ten, Metho­den für das Set­zen von Impul­sen, nach­hal­ti­ge Chan­ge-Pro­zes­se sowie Know-how in den Berei­chen Coa­ching und Bera­tung. Beglei­tet wird das Pro­jekt von einem fach­li­chen Bei­rat, einem Steue­rungs­team und Arbeits­krei­sen mit Ver­tre­tern des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Bil­dung und For­schung (BMBF), der DIHK-Bil­dungs-GmbH (Gesell­schaft für beruf­li­che Bil­dung – Orga­ni­sa­ti­on der IHK-Wei­ter­bil­dung mbH), der IHK, kar­rie­re tutor sowie Fach­leu­ten aus dem Gebiet der Nach­hal­tig­keit und Unter­neh­mens­ver­tre­tern.

Die Exper­ten des Arbeits­krei­ses tra­fen sich im März 2019 zum ers­ten Mal zu einem Aus­tausch in der IHK-Aka­de­mie Mit­tel­fran­ken in Nürn­berg.

 

Lite­ra­tur:

Wer­ner Landhäußer/Alexandra Hil­de­brandt (Hg.): „CSR und Digi­ta­li­sie­rung. Der digi­ta­le Wan­del als Chan­ce und Her­aus­for­de­rung für Wirt­schaft und Gesell­schaft“, Sprin­gerG­ab­ler,  2017.

Wer­ner Neumüller/Alexandra Hil­de­brandt (Hg.): „Visio­nä­re von heu­te – Gestal­ter von mor­gen. Inspi­ra­tio­nen und Impul­se für Unter­neh­mer“, Sprin­gerG­ab­ler, 2018.

Dr. Alex­an­dra Hil­de­brandt, Publi­zis­tin, Wirt­schafts­psy­cho­lo­gin und Nach­hal­tig­keits­ex­per­tin.

Twit­ter: @AHildebrandt70

Foto: Stef­fi Henn