Der Zahn der Zeit nagt unauf­hör­lich. Und die jun­ge Genera­ti­on scharrt schon mit den Hufen, um die älte­ren Kapi­tä­ne abzu­lö­sen. Im sechs­ten Teil sei­ner Kolum­ne berich­tet Ste­fan Häse­li davon, wie wich­tig ein jugend­li­ches Image ist.


Die Bürokommunikation hat eigene Regeln und Gesetze. Abbildung: Pixabay

Die Büro­kom­mu­ni­ka­ti­on hat eige­ne Regeln und Geset­ze. Abbil­dung: Pixabay

Han­nes macht sich Sor­gen. Soeben wur­de ein Geschäfts­lei­tungs­mit­glied gewählt, das um eini­ge Jah­re jün­ger ist als er. Wenn er sich mor­gens im Spie­gel betrach­tet, ist nicht zu leug­nen, dass er sich all­mäh­lich dem 50. Jah­res­tag sei­ner Geburts­stun­de nähert. Der ste­tig wach­sen­de Umfang knapp ober­halb der Gür­tel­li­nie ist auch nicht weg­zu­dis­ku­tie­ren. Nun gilt es, wirk­sa­me Gegen­maß­nah­men zu ent­wi­ckeln.

Er beschließt, Sport zu trei­ben. Das soll gut sein für die psy­chi­sche und phy­si­sche Gesund­heit. Nach Recher­chen in Men‘s-Health- und Life-Style-Maga­zi­nen folgt der Ent­schluss: Han­nes wird Biker. Nicht ein­fach pro­fan Rad fah­ren. Han­nes ent­schei­det sich für etwas rich­tig Sport­li­ches. Für ihn ist klar, dass er hier ambi­tiö­se Zie­le anstre­ben will. Bei­spiels­wei­se wird jähr­lich der Alpen-Bike­ath­lon aus­ge­tra­gen, der die Fit­ten von den Top­fit­ten trennt. In fünf Tagen quer durch die Schwei­zer Ber­ge und kumu­liert mit ein paar Tau­send Höhen­me­tern: Das ist Ansa­ge und Her­aus­for­de­rung zugleich. Um noch einen Tick kon­kre­ter zu wer­den, plant Han­nes die Teil­nah­me am Alpen-Bike­ath­lon im nächs­ten Som­mer und strebt das ers­te Vier­tel der Rang­lis­te an.

Ein soli­des Pro­jekt muss sau­ber geplant sein. Zuerst geht es um die Mate­ri­al­be­schaf­fung. Han­nes lässt sich beim Fach­händ­ler über Rah­men­ma­te­ri­al und Über­set­zungs­tech­nik bera­ten und macht eini­ge Pro­be­fahr­ten. Schließ­lich wird es ein Roadrun­ner Ulti­ma­te mit Car­bon­rah­men und High-End-Brems­sys­tem. Das pas­sen­de Out­fit darf nicht feh­len – ein Rennd­ress Bike-Pas­si­on mit inte­grier­tem Lüf­tungs­sys­tem in modi­schen Far­ben.

Das Umfeld soll wahr­neh­men, dass man(n) dabei ist. Han­nes schraubt sich einen Fahr­rad­trä­ger aufs Auto­dach. Selbst­ver­ständ­lich nicht ein Bil­lig­mo­dell aus dem Bau­markt, son­dern rich­ti­ge Qua­li­täts­wa­re. Die­ser Trä­ger bleibt auf dem Dach, damit in der Tief­ga­ra­ge sei­nes Unter­neh­mens jeder kapiert, dass Han­nes der­art inten­siv am Biken ist. Dazu scheint abso­lut wich­tig, dass er in den gemein­sa­men Pau­sen die Kol­le­gen in sein Vor­ha­ben ein­weiht. Und natür­lich, wie zufäl­lig, auch mal einen Aus­druck über XXL-Bike-Tou­ren im Dru­cker lie­gen lässt. Er freut sich schon, wenn er im Groß­raum­bü­ro auf die Fra­ge „Wem gehört die­ser Aus­druck?“ mit „Mir“ ant­wor­ten kann. Mar­ke­ting ist nicht alles – aber ohne Mar­ke­ting ist alles nichts.

Nach der wochen­lan­gen Ziel­set­zungs- und Pla­nungs­pha­se ist der Zeit­punkt da, sein Bike inklu­si­ve der gan­zen Aus­rüs­tung einem Feld­test zu unter­zie­hen. Han­nes stemmt das Bike aufs Auto, zieht sich den figur­be­ton­ten Rennd­ress an und fährt aufs Land. Kaum hat er am Wald­rand geparkt, nähert sich ein bel­len­der, schar­fer Hund mit Spa­zier­gän­ger im Schlepp­tau. Der Köter blickt, als ob er den­ken wür­de: „Ah, wie­der ein Biker, tol­le Waden, freu mich aufs Rein­bei­ßen.“ Han­nes bleibt im Auto sit­zen. Die Aus­sicht auf ein nähe­res Tref­fen mit dem Hund gefällt ihm gar nicht. Die­ses Sze­na­rio hat er nicht durch­dacht. Er bricht die Übung sofort ab und fährt nach Hau­se, um einen Inter­net­ar­ti­kel über das Zusam­men­le­ben von Hun­den und Bikern zu suchen. Er ist froh, die­se Pla­nungs­lü­cke noch zu schlie­ßen, und meint tröst­lich: „Gera­de bei solch wich­ti­gen Pro­jek­ten muss man wirk­lich nichts über­stür­zen.“

 

 

Ste­fan Häse­li ist Autor, Trai­ner
und gefrag­ter Key­note-Speaker.
Außer­dem ist er Grün­der
und Inha­ber der
Ate­lier Coa­ching & Trai­ning AG.