Auf der Büro­ein­rich­tungs­mes­se Orga­tec wird Vitra, die nicht nur von Archi­tek­tur­stu­den­ten kul­tisch ver­ehr­te Schwei­zer Möbel­schmie­de, Bür­o­sze­ne­ri­en zur Ver­schmel­zung von Arbeit und öffent­li­chem Raum prä­sen­tie­ren. Wir baten Rapha­el Gie­l­gen, Trend­scout von Vitra, die Hin­ter­grün­de zu erläu­tern.

Raphael Gielgen, Head of Research & Trendscouting bei Vitra.

Rapha­el Gie­l­gen, Head of Rese­arch & Trend­scou­ting bei Vitra.

Der Arbeitsplatz, wie wir ihn kennen, könnte bald nur noch eine blasse Erinnerung sein.  Abbildung: Yahoo!, Tokio, ©Vitra, Fotograf: Tom Haller

Der Arbeits­platz, wie wir ihn ken­nen, könn­te bald nur noch eine blas­se Erin­ne­rung sein. Abbil­dung: Yahoo!, Tokio, ©Vitra, Foto­graf: Tom Hal­ler

Büros werden zu Laboren für neue Ideen.  Abbildung: Ottobock Human Mobility, ©Vitra

Büros wer­den zu Labo­ren für neue Ide­en. Abbil­dung: Otto­bock Human Mobi­li­ty, ©Vitra

Die neue Wohnlichkeit: Künftig wird der Aspekt Wohlbefinden am Arbeitsplatz eine noch größere Rolle spielen.  Abbildung: Better Office, ©Vitra, Fotografin Irina Boersma

Die neue Wohn­lich­keit: Künf­tig wird der Aspekt Wohl­be­fin­den am Arbeits­platz eine noch grö­ße­re Rol­le spie­len. Abbil­dung: Bet­ter Office, ©Vitra, Foto­gra­fin Iri­na Boers­ma

Die Arbeit, wie wir sie ken­nen, wird bald schon eine Erin­ne­rung an eine ande­re Zeit sein. Unse­re Jobs, der Arbeits­raum, die Pro­zes­se und täg­li­che Rou­ti­nen lösen sich auf. Ein Inno­va­ti­ons­druck ver­bun­den mit neu­en Tech­no­lo­gi­en stellt den Sta­tus Quo in Fra­ge. Orga­ni­sa­tio­nen sind wie Eco-Sys­te­me, sie müs­sen kei­ne neue Rea­li­tät adap­tie­ren, denn Adap­ti­on ist die neue Rea­li­tät.

Das Zeitalter der Komplexität

Wir pas­sen uns per­ma­nent an, um den neu­en Her­aus­for­de­run­gen gerecht zu wer­den, aber ob sich die­se Ver­su­che auf lan­ge Zeit bewäh­ren oder uns nur angreif­bar machen, lässt sich schwer vor­her­sa­gen. Die neu­en Werk­zeu­ge, Metho­den, Stra­te­gi­en und Ide­en, die wir heu­te anwen­den, kön­nen mor­gen schon wie­der nutz­los sein.

Es geht nicht mehr um ein Wann oder Ob, son­dern dar­um, wie die­ses Neu­land auf sinn­vol­le Wei­se erschlos­sen wer­den kann. Es geht um die Eta­blie­rung soli­der Grund­la­gen, auf denen auf­ge­baut wer­den kann. Der Arbeits­platz, wie wir ihn ken­nen, wird in naher Zukunft nur noch eine blas­se Erin­ne­rung sein. Wir soll­ten uns auf die zukünf­ti­gen Her­aus­for­de­run­gen kon­zen­trie­ren und unse­re Erin­ne­run­gen mit unse­rer Vor­stel­lung von mor­gen in Ein­klang brin­gen.

Konnektivität

Kon­nek­ti­vi­tät ist der maß­geb­li­che Trei­ber und Schlüs­sel für wirt­schaft­li­ches Wachs­tum und Wohl­stand. Soge­nann­te Clus­ter, Zusam­men­schlüs­se von Unter­neh­men, Insti­tu­ten oder ande­ren Ein­rich­tun­gen, die gemein­sa­me Inter­es­sen ver­fol­gen, ent­ste­hen durch Kon­nek­ti­vi­tät und nicht von ganz allein in ein­zel­nen Stadt­tei­len oder Orten. Um ein kom­ple­xes Netz­werk zu schaf­fen, in dem Waren, Dienst­leis­tun­gen, Men­schen, Ide­en und Kapi­tal zir­ku­lie­ren, muss in einem grö­ße­ren Rah­men gedacht wer­den. Im Gegen­satz zu alten Arbeits­me­tho­den wird ört­li­che Nähe die Inter­ak­ti­on, Kol­la­bo­ra­ti­on und Effek­ti­vi­tät zwi­schen den ein­zel­nen Abtei­lun­gen stei­gern. Und es gibt nicht nur eine Metho­de, um die­se neu­en Clus­ter auf­zu­bau­en.

Campus

Der Cam­pus ist zu einem Anzie­hungs­punkt für neue, fle­xi­ble, viel­sei­ti­ge und urba­ne Com­mu­ni­tys gewor­den. Er ist ein Umfeld, das Räum­lich­kei­ten, Gemein­schaft­lich­keit und Dienst­leis­tun­gen für alle Anfor­de­run­gen sei­ner Mit­glie­der bereit­stellt, damit die­se ihr Arbeits­le­ben selbst­be­stimmt gestal­ten kön­nen. Der neue Typ des Cam­pus dient vor allem der räum­li­chen Ver­or­tung die­ser Gemein­schaf­ten. Hier ent­steht neu­es Wis­sen und wird neu­es Wis­sen ver­teilt. Der Cam­pus ist ein bemer­kens­wer­ter Ort mit opti­mier­ten Tech­no­lo­gi­en, der zugleich mensch­lich, sozi­al, inspi­rie­rend und erhe­bend ist.

Talent

Der Gara­gen-Ent­wick­ler­geist hat gro­ße Erfin­der und Unter­neh­mer her­vor­ge­bracht. Wir kön­nen die­sen Spi­rit aber nicht nur auf einen klei­nen Teil der Gesell­schaft beschrän­ken. In einem sich stän­dig wan­deln­den Arbeits­markt sind lebens­lan­ges Ler­nen und eine Anpas­sung der per­sön­li­chen Fähig­kei­ten Vor­aus­set­zun­gen für zukünf­ti­ge Kom­pe­ten­zen. Die Aneig­nung neu­er Kom­pe­ten­zen ist der ent­schei­den­de Treib­stoff, um zukünf­ti­ges Wirt­schafts­wachs­tum zu ermög­li­chen. Es gibt drei Anfor­de­run­gen an den Arbeits­platz der Zukunft: die Talen­te in ihrer Unter­schied­lich­keit an das Unter­neh­men bin­den, die­se wei­ter­ent­wi­ckeln, damit sie ihre Poten­zia­le ent­fal­ten, und neue Talen­te für die Idee des Unter­neh­mens gewin­nen. Die neu­en Orte der Arbeit sind dafür eine Schlüs­sel­res­sour­ce.

Freiheit

Archi­tek­tur löst sich auf! Die Gren­zen zwi­schen Indus­tri­en, Klas­si­fi­zie­run­gen und Dis­zi­pli­nen gehen all­mäh­lich ver­lo­ren. Des­halb benö­ti­gen wir eine kon­ti­nu­ier­li­che Neu­in­ter­pre­ta­ti­on von Räu­men und Funk­tio­nen. Gebäu­de und Räu­me sind mitt­ler­wei­le nicht mehr das glei­che. Men­schen ver­schmel­zen die Räu­me, die sie bele­gen, mit den Plät­zen, die sie brau­chen.

Permanent Beta

Bestän­dig­keit ist nicht mehr die Grund­la­ge der aktu­el­len Wirt­schaft. Statt­des­sen geht es um per­ma­nen­te Modi­fi­zie­rung und Opti­mie­rung. Jede von uns benutz­te Tech­no­lo­gie wird stän­dig durch neue Ent­wick­lungs­schrit­te getra­gen. Tech­no­lo­gie, Men­schen und Räu­me sind immer in Bewe­gung. Das neue Büro macht deut­lich, wie ein per­ma­nen­ter Beta-Sta­tus aus­se­hen kann. Gleich­zei­tig wird es zu einem Labor für neue digi­ta­le Ide­en und Anwen­dun­gen, von denen sei­ne Benut­zer pro­fi­tie­ren. Wir müs­sen akzep­tie­ren, dass es auf die Fra­ge nach der Fer­tig­stel­lung nur eine Ant­wort gibt: nie.

Humanismus

Eine höhe­re Lebens­er­war­tung wird unser Leben und unse­re Arbeit ver­än­dern. Das müs­sen Unter­neh­men berück­sich­ti­gen. Sie müs­sen die Pro­duk­ti­vi­tät und die Vita­li­tät der Mit­ar­bei­ter neu den­ken. Wir soll­ten uns dar­auf kon­zen­trie­ren, wie die gebau­te Archi­tek­tur der Arbeit unser Wohl­be­fin­den ver­bes­sern kann, uns bes­se­re Ent­schei­dun­gen tref­fen lässt und ganz all­ge­mein zu mehr Gesund­heit und Wohl­be­fin­den führt. Das Well Being Insti­tu­te und die Living-Buil­ding-Chal­len­ge haben gezeigt, dass das Unter­neh­men der Zukunft nicht nur die Gesund­heit sei­ner Mit­ar­bei­ter erhält, son­dern sie auch för­dert.

Nachhaltigkeit

Wir müs­sen einen ganz­heit­li­chen Blick auf die glo­ba­len Pro­ble­me in unse­rer Gesell­schaft und unse­ren Märk­ten wer­fen. Wie kön­nen wir das Bewusst­sein für unse­re Umwelt erhö­hen und ein Gefühl von Dring­lich­keit schaf­fen? Anstatt uns auf spe­zi­el­le Auf­ga­ben zu kon­zen­trie­ren, müs­sen wir einen ganz­heit­li­chen Blick auf sozia­le, wirt­schaft­li­che und poli­ti­sche The­men wer­fen.

Künstliche Intelligenz

Das Leben um uns her­um bewegt sich in Rich­tung einer ein­heit­li­chen, cloud­ba­sier­ten Umwelt, in der aus jedem Gerät eine intel­li­gen­te Maschi­ne wird. Intel­li­gen­te Gebäu­de­lö­sun­gen geben Faci­li­ty-Mana­gern und Immo­bi­li­en­mak­lern zum Bei­spiel die Werk­zeu­ge an die Hand, mit denen sich Ener­gie­ver­brauch, Raum- und Betriebs­kos­ten sowie Gebäu­de­pla­nung ver­ein­fa­chen und opti­mie­ren las­sen.

In einer Welt, in der Mit­ar­bei­ter immer weni­ger Zeit im Büro und immer mehr Zeit an Arbeits­or­ten außer­halb des Haupt­sit­zes ver­brin­gen, kann ein intel­li­gen­te Gebäu­de auch die Mit­ar­bei­ter­pro­duk­ti­vi­tät erhö­hen. Jahr­zehn­te nach der Dart­mouth-Kon­fe­renz fängt die Tech­no­lo­gie an, sich intel­li­gent zu ver­hal­ten, und sich auf Wegen zu ent­wi­ckeln, die nicht ein­mal ihre Erschaf­fer kon­trol­lie­ren kön­nen.