Die meis­ten Office-Worker bewe­gen sich deut­lich zu wenig – mit zum Teil ver­hee­ren­den Fol­gen. Es wird zu wenig gestan­den und gelau­fen. Aber auch im Sit­zen soll­te man sich bewe­gen. Hier star­tet eine Rei­he zum The­ma Bewegtsit­zen. Von Robert Nehring.

Grafik: buero-forum/IBA

Auch im Sit­zen soll­ten Sie sich häu­fig bewe­gen. Gra­fik: bue­ro-forum/I­BA

Vermeiden Sie es, über lange Phasen regungslos in einer starren Sitzhaltung zu verharren, zum Beispiel mit dem Vintageis5 von Interstuhl.

Ver­mei­den Sie es, über lan­ge Pha­se regungs­los in einer star­ren Sitz­hal­tung zu ver­har­ren, zum Bei­spiel mit dem Vintageis5 von Inter­stuhl.

Bleiben Sie in Bewegung. Sitzlösungen von ONGO unterstützen Sie dabei.

Blei­ben Sie in Bewe­gung. Sitz­lö­sun­gen von ONGO unter­stüt­zen Sie dabei.

Sich immer wieder auch einmal zurücklehnen – z. B. auf dem X-Code von Dauphin.

Sich auch immer wie­der ein­mal zurück­leh­nen – etwa auf dem X-Code von Dau­phin.

Der Zap­pel­phil­ipp ist zurück. Einst geäch­tet als unge­hor­sa­mes, hib­be­li­ges Kind, bezeich­net man mit die­sem Aus­druck heu­te soge­nann­te ADHS-Kin­der. Hein­rich Hoff­manns Zap­pel­phil­ipp ist aber zuneh­mend zur Sym­bol­fi­gur für gesun­de Büro­ar­beit gewor­den. Denn er ver­kör­pert die im Büro und ins­be­son­de­re beim Sit­zen so not­wen­di­ge Bewe­gung.

Alter Hut – hochaktuell

Das The­ma „Bewegt sit­zen im Büro“ ist nicht neu, aber heu­te so aktu­ell wie nie zuvor. Ein Grund dafür ist, dass sich die kör­per­li­che Akti­vi­tät zur Erle­di­gung der Büro­ar­beit mitt­ler­wei­le auf die Bewe­gung der Fin­ger zur Bedie­nung von Maus und Tas­ta­tur redu­ziert hat. Ein zwei­ter Grund ist, dass sich in Sachen Bewe­gungs­för­de­rung offen­bar wenig getan hat. Zumin­dest auf Nut­zer­sei­te: Wäh­rend des Öfte­ren davon zu lesen ist, wel­che gro­ße Bedeu­tung die Bewe­gung für Gesund­heit, Wohl­be­fin­den und Pro­duk­ti­vi­tät des Office-Workers hat, und es immer mehr Lösun­gen fürs Büro gibt, die zu die­ser anre­gen – vor allem Sitz-Steh-Tische, bewe­gungs­för­dern­de Stüh­le oder Steh­hil­fen –, erle­digt der im Büro Täti­ge sei­ne Arbeit mehr­heit­lich immer noch weit­ge­hend in star­rer Sitz­hal­tung. Er sitzt sie qua­si aus.

Heu­te sit­zen bereits drei Vier­tel aller Beschäf­tig­ten bei ihrer Arbeit. Bei den 17 bis 19 Mil­lio­nen Office-Workern in Deutsch­land – das ist hier­zu­lan­de etwa jeder zwei­te Beschäf­tig­te – dürf­te es nur weni­ge Aus­nah­men geben. Erwach­se­ne in den Indus­trie­län­dern sit­zen im Schnitt 10–14 Stun­den am Tag. Die Bun­des­an­stalt für Arbeits­schutz und Arbeits­me­di­zin (BAuA) hat errech­net, dass ein durch­schnitt­li­cher Büro­be­schäf­tig­ter ca. 80–85 Pro­zent bzw. bis zu 80.000 Stun­den in der „Po-Ebe­ne“ ver­bringt. Gesund­heits­ex­per­ten emp­feh­len des­halb, 10.000 Schrit­te am Tag zu machen, min­des­tens soll­ten es 6.000 sein. Im Büro Täti­ge schaf­fen aber heu­te im Schnitt nur 2.000–3.000 Schrit­te. Kein Wun­der also, dass ca. 75 Pro­zent der Office-Worker frü­her oder spä­ter Rücken­schmer­zen haben. Die­ses Büro­lei­den Num­mer eins führt der­zeit zu ca. 80 Mil­lio­nen Aus­fall­ta­gen in Deutsch­land!

Am bes­ten ver­bringt man sein Leben also in Bewe­gung. Aber sei­en wir rea­lis­tisch: Büro­ar­beit – ins­be­son­de­re das kon­zen­trier­te Schrei­ben am Com­pu­ter – lässt sich nun mal am bes­ten in der Sitz­hal­tung erle­di­gen. Des­halb ist es aber umso wich­ti­ger, sich auch im Sit­zen zu bewe­gen!

Am Anfang war das Wort

Sich im Sit­zen zu bewe­gen, also die Hal­tung zu wech­seln, wird bran­chen­in­tern als dyna­mi­sches Sit­zen bezeich­net. Auch For­mu­lie­run­gen wie ergo­no­mi­sches Sit­zen oder Aktiv­sit­zen sind dort üblich. Das aktiv-dyna­mi­sche Sit­zen wird dabei vom pas­siv-dyna­mi­schen unter­schie­den. Bei Erst­ge­nann­tem gibt der Sit­zen­de selbst den Impuls zur Hal­tungs­än­de­rung. Beim pas­siv-dyna­mi­schen Sit­zen wird die­se durch den Stuhl vor­ge­ge­ben, etwa dank eines ein­ge­bau­ten Motors. Der Unter­schied besteht also zwi­schen der Ani­ma­ti­on zur Bewe­gung und dem Zwang zu die­ser.

Gesund­heitspu­ris­ten rufen nun aber: Wider­spruch in sich! Dyna­misch sit­zen – das geht doch gar nicht. Das ist doch wie bewe­gungs­lo­ses Lau­fen. Und damit sei es kon­tra­pro­duk­tiv, von dyna­mi­schem Sit­zen zu reden.

Wovon man jedoch nicht spre­chen kann, dar­über muss man schwei­gen, riet schon Witt­gen­stein. Genau das wäre aber grund­ver­kehrt. Denn zu mehr Bewe­gung kann der­zeit gar nicht genug auf­ge­ru­fen wer­den. Wie aber, wenn man das Gemein­te nicht bezeich­nen kann? Denn mit der glei­chen Argu­men­ta­ti­on wür­de der Begriff „akti­ves Sit­zen“ aus­schei­den. Eben­so ein „fle­xi­bles“ oder „gesun­des Sit­zen“. Für Bran­chen­in­si­der schei­det sogar das „ergo­no­mi­sche Sit­zen“ aus. Die­sem Aus­druck haf­te ein nicht gera­de moti­vie­ren­des Weiß­kit­teli­mage an. Außer­dem sei er lan­ge Zeit für die maxi­ma­le Anpas­sung des Stuhls an den Men­schen miss­braucht wor­den, was zu sei­ner Fixie­rung und eben nicht zur Bewe­gung bei­getra­gen habe.

Das Kind braucht aber einen Namen. Des­halb scheint es nach aktu­el­lem Kennt­nis­stand das Bes­te, von Bewegtsit­zen zu reden. Im Gegen­satz zu den genann­ten Begrif­fen – die grund­sätz­lich auch rich­tig wären, da man sich eben auch im Sit­zen bewe­gen kann – scheint er noch am wenigs­ten „ver­brannt“.

Definition des Bewegtsitzens

Wie lässt sich das Bewegtsit­zen aber defi­nie­ren? In den ent­spre­chen­den Regel­wer­ken und Emp­feh­lun­gen kur­sie­ren ver­schie­de­ne Ansät­ze. In Sum­me macht es so Sinn:

Bewegtsit­zen bedeu­tet,
sich im Sit­zen zu bewe­gen,
etwa durch einen Wech­sel zwi­schen
auf­rech­ter, vor­ge­lehn­ter, zurück­ge­lehn­ter
oder seit­wärts geneig­ter Sitz­hal­tung
zur natür­li­chen Ent- und Belas­tung,
vor allem von Mus­ku­la­tur und Band­schei­ben.

Wesent­lich für die­se Defi­ni­ti­on ist zum einen der Wech­sel der Sitz­po­si­tio­nen. Idea­ler­wei­se wer­den intui­ti­ve Sitz­hal­tungs­wech­sel ermög­licht – ähn­lich wie beim frei­en Ste­hen. Des­halb sind fle­xi­ble Stuhl­ei­gen­schaf­ten sehr emp­feh­lens­wert. Soge­nann­te Syn­chron­me­cha­ni­ken, über die die meis­ten qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­gen Büro­dreh­stüh­le ver­fü­gen, ermög­li­chen zum Bei­spiel ein zwei­di­men­sio­na­les Sich-nach-vorn- und Sich-weit-nach-hin­ten-Leh­nen. Stüh­le mit seit­lich fle­xi­blen Rücken­leh­nen oder soge­nann­te 3-D-Stüh­le bie­ten zusätz­lich sogar Ani­ma­ti­on zu und Unter­stüt­zung bei Seit­wärts­be­we­gun­gen, was in letz­te­rem Fal­le sogar ein Rund­um-Bewegtsit­zen mög­lich macht.

Wich­tig ist zum ande­ren der Gedan­ke, dass das Sit­zen im Büro den Kör­per nicht nur ent­las­ten darf, son­dern ihn auch (in Maßen) belas­ten soll. Denn längst ist erwie­sen, dass ins­be­son­de­re der Rücken­schmerz bei Office-Workern viel mehr von der Unter­for­de­rung als einer Über­for­de­rung die­ses Kör­per­teils her­rührt. Mus­keln, Band­schei­ben und Wir­bel benö­ti­gen einen Wech­sel von Be- und Ent­las­tung, um gut zu funk­tio­nie­ren. Büro­ar­beits­stüh­le soll­ten daher nicht nur für Ent­span­nung, son­dern auch für Akti­vie­rung – von Mus­ku­la­tur, Kreis­lauf, Sauer­stoff­ver­sor­gung etc. – sor­gen.

Vorteile und Vorurteile von Bewegtsitzen

Die Vor­tei­le des Bewegtsit­zens lie­gen auf der Hand. Ers­tens die Erhal­tung und För­de­rung der Gesund­heit. Zwei­tens die Bele­bung von Phy­sis und Psy­che. Beweg­sit­zen stei­gert die Pro­duk­ti­vi­tät, die Leis­tungs­be­reit­schaft, die Kon­zen­tra­ti­on, die Moti­va­ti­on und sie för­dert die Krea­ti­vi­tät. Drit­tens lässt sich die Aus­stat­tung mit einem Stuhl, der das Beweg­sit­zen beson­ders för­dert, als Akt der Aner­ken­nung, als Wert­schät­zung der Arbeit ver­ste­hen. Vier­tens macht beweg­tes Sit­zen auch ein­fach Spaß. Und als Sum­me die­ser Vor­tei­le lei­tet sich ein fünf­ter ab: Das gestei­ger­te Wohl­be­fin­den des Be-Sit­zers.

Die­sen Aspek­ten ste­hen ver­meint­li­che Nach­tei­le gegen­über. Etwa ers­tens die psy­cho­lo­gi­sche Wir­kung: Es könn­te der Ein­druck ent­ste­hen, die bewegt Sit­zen­den wür­den auf ihrem Stuhl „lüm­meln“, sich „hin­flä­zen“. Bewegtsit­zen könn­te zwei­tens auch als Gefähr­dung ein­ge­stuft wer­den. Schließ­lich könn­te sich jemand beim Zurück­leh­nen den Kopf ansto­ßen. Sitz­me­cha­ni­ken, die durch viel Bewe­gung viel bean­sprucht wer­den, könn­ten drit­tens schnel­ler ver­schlei­ßen. Und vier­tens könn­ten Kol­le­gen, die nicht mit einem moder­nen beweg­li­chen Stuhl aus­ge­stat­tet wur­den, nei­disch wer­den. Aber all die­se mög­li­chen Ein­wän­de sind zu ver­nach­läs­si­gen. Es gibt kei­ne ernst zu neh­men­den Anhalts­punk­te für sie.

Ein­zig mit dem fünf­ten Ein­wand – dem Kos­ten­fak­tor – macht es Sinn, sich aus­ein­an­der­zu­set­zen. Bewe­gungs­stüh­le sind in der Regel kei­ne Schnäpp­chen. Sie sind kaum für einen Lis­ten­preis von unter 450 Euro zu haben. Dem­ge­gen­über steht der Erfah­rungs­wert, dass heu­te im Schnitt nur etwa 32 Euro pro Kopf für einen Büro­ar­beits­stuhl aus­ge­ge­ben wer­den. Aller­dings ist zu berück­sich­ti­gen, dass ein moder­ner Bewe­gungs­stuhl die genann­ten Vor­tei­le bie­tet, im Gegen­satz zu Dis­count-Möbeln vie­le Jah­re hält und ein Krank­heits­tag den Arbeit­ge­ber heu­te durch­schnitt­lich 109 Euro Pro­duk­ti­ons­aus­fall kos­tet. Aus Nut­zer­sicht ist eben­falls inter­es­sant, dass Insti­tu­tio­nen wie die Deut­sche Ren­ten­ver­si­che­rung die Anschaf­fung sol­cher Möbel bei nach­ge­wie­se­nem Bedarf mit bis zu 435 Euro bezu­schus­sen.

Move it!

Unterm Strich greift also nicht ein­mal der Kos­ten­fak­tor als Gegen­ar­gu­ment. Des­halb: Auf die Stüh­le, fer­tig, los! Bewe­gen, bewe­gen, bewe­gen – nicht nur im Sit­zen, auch immer wie­der im Wech­sel mit Ste­hen und Lau­fen! In den nächs­ten Fol­gen geht es unter ande­rem um die wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­se zum Sit­zen im Büro, die ver­schie­de­nen Mecha­ni­ken der erhält­li­chen Büro­ar­beits­stüh­le, die Merk­ma­le bewe­gungs­för­dern­der Stüh­le, die Nor­men, Richt­li­ni­en und Emp­feh­lun­gen für Bewegtsit­zen sowie Mei­len­stei­ne aus des­sen Geschich­te.

bewegung_und_aufstand

MEHR BEWEGUNG IM BÜRO

Umfas­sen­de Infor­ma­tio­nen zu den The­men Bewegtsit­zen und Sitz-Steh-Arbeit bie­ten die Aktio­nen „Bewe­gung im Büro“ und „Auf­stand im Büro“.