Vor rund 90 Jah­ren ent­wi­ckel­te ein fin­di­ger Tüft­ler in Walds­hut den Feder­dreh, der als Urva­ter des moder­nen Büro­stuhls gilt. 45 Jah­re spä­ter läu­te­ten sei­ne Nach­fah­ren mit der Simi­lar­me­cha­nik ein neu­es Zeit­al­ter des dyna­mi­schen Sit­zens ein.

Der 1926 entwickelte Federdreh gilt als Urvater des modernen Bürostuhls mit Similarmechanik.

Der 1926 ent­wi­ckel­te Feder­dreh gilt als Urva­ter des moder­nen Büro­stuhls mit Simi­lar­me­cha­nik. Foto: Sedus

Der Federdreh im Einsatz: ein Schreibsaal im Jahre 1926.

Der Feder­dreh im Ein­satz: ein Schreib­saal im Jah­re 1926. Foto: Sedus

Ein­zug der Simi­lar­me­cha­nik in den 1970ern. Vom Dreh­stuhl Paris wur­den über eine Mil­li­on Exem­pla­re ver­kauft. Foto: Sedus

Ein Blick zurück in das Jahr 1871: Der Jung­un­ter­neh­mer Albert Stoll zog von Bad Cann­statt bei Stutt­gart nach Walds­hut, eine Stadt ganz im Süden Badens, direkt an der Gren­ze zur Schweiz gele­gen. Er woll­te Kaf­fee­haus- und Schau­kel­stüh­le aus unter Was­ser­dampf gebo­ge­nem Holz fer­ti­gen und ent­schied sich für Walds­hut als neu­en Fir­men­sitz. Die Wahl die­ses Ortes hat­te meh­re­re Grün­de: Der wich­tigs­te Roh­stoff Buchen­holz wuchs vor der Haus­tür, in der kaum indus­tria­li­sier­ten Gegend fan­den sich aus­rei­chend Arbeits­kräf­te, und es gab einen Anschluss an das Eisen­bahn­netz. Schon ein Jahr spä­ter wur­de ein zwei­ter Betrieb im schwei­ze­ri­schen Klingnau auf­ge­baut. In den 1890er Jah­ren kon­zen­trier­te sich Albert Stoll auf die Ent­wick­lung von Büro­ar­beits­stüh­len und ent­wi­ckel­te einen Bug­holz­vier­fuß, der über eine gedrech­sel­te Säu­le mit Gewin­de­ein­satz eine Höhen- und Dreh­ver­stel­lung ermög­lich­te.

Bürostuhl mit Säulenfederung

Sei­nem Sohn Albert Stoll II. wur­de sein Erfin­der­geist in die Wie­ge gelegt. 1882 in Walds­hut gebo­ren, mach­te er das Abitur, stu­dier­te in Karls­ru­he Maschi­nen­bau und ging 1910 zu Stu­di­en­zwe­cken in die USA. Hier kauf­te er Spe­zi­al­ma­schi­nen ein, die die Pro­duk­ti­on teil­wei­se auto­ma­ti­sier­ten und sei­ne Sitz­mö­bel­krea­tio­nen tech­nisch ver­fei­ner­ten. Albert Stoll II. war davon über­zeugt, „… dass der Stuhl als Arbeits­ge­rät immer mehr an Bedeu­tung gewinnt. Die in den letz­ten Jah­ren ange­stell­ten Ver­su­che [Markt­for­schung] haben den Nach­weis erbracht, dass das Sitz­ge­rät nicht nur zur Erhal­tung der Gesund­heit des Arbei­ters von größ­ter Bedeu­tung ist, son­dern dass auch des­sen Leis­tung durch Benüt­zung eines ent­spre­chen­den Stuh­les in über­ra­schen­der Wei­se gestei­gert wer­den kann.“

Der erste Federdreh

Albert Stoll beschäf­tig­te sich schon intui­tiv, aber nach­weis­lich mit dem The­ma Büro­er­go­no­mie, obwohl es die­sen Begriff zu die­ser Zeit noch gar nicht gab. In den nächs­ten Jah­ren arbei­te­te er mit Hoch­druck an der Opti­mie­rung des Arbeits­stuhls und wur­de zum Vor­rei­ter der moder­nen Büro­stuhl­tech­nik. Auf der Leip­zi­ger Mes­se 1926 brach­te er sei­ne Neu­ent­wick­lung erst­mals an die Öffent­lich­keit. Der welt­weit paten­tier­te Feder­dreh, der ers­te Arbeits­stuhl mit dreh­ba­rer Säu­len­fe­de­rung und beweg­li­cher Rücken­leh­ne, gilt heu­te als Urva­ter des moder­nen Büro­stuhls. Der Feder­dreh, kurz nach der Markt­ein­füh­rung auch mit Schwenk­rol­len erhält­lich, wur­de zum Haupt­um­satz­trä­ger des Unter­neh­mens. Doch damit war die Erfolgs­ge­schich­te nicht zu Ende.

Eine neue Entwicklungsabteilung

Von sei­nen vier Söh­nen stie­gen drei in das Fami­li­en­un­ter­neh­men ein. Albert Stoll III. über­nahm den Schwei­zer Betrieb (heu­te Giro­flex in Koblenz), Chris­tof und Mar­tin Stoll lei­te­ten gemein­sam den Walds­hu­ter Betrieb, bis sie ihn im Jahr 1958 auf­teil­ten. Chris­tof Stoll, nun Allein­in­ha­ber der gleich­na­mi­gen KG, führ­te unter der neu ein­ge­tra­ge­nen Mar­ke Sedus den Betrieb am Grün­der­stand­ort Walds­hut fort. Als visio­nä­rer Fir­men­len­ker kul­ti­vier­te er den Erfin­der­geist der Fami­lie und trieb das Unter­neh­men wirt­schaft­lich vor­an. Auf­grund ste­ti­gen Wachs­tums wur­de ab 1969 die Pro­duk­ti­on schritt­wei­se in die Nach­bar­ge­mein­de Dogern ver­legt, auch um der 1970 neu errich­te­ten Ent­wick­lungs- und Ver­suchs­ab­tei­lung Platz zu schaf­fen. In den Fol­ge­jah­ren wur­den von ihm acht euro­päi­sche Toch­ter­ge­sell­schaf­ten gegrün­det.

Die Similarmechanik entsteht

Die Früch­te die­ser Maß­nah­men lie­ßen nicht lan­ge auf sich war­ten. 1973 ent­wi­ckel­te die neue Genera­ti­on Walds­hu­ter Ergo­no­mie­pio­nie­re die nächs­ten bahn­bre­chen­den Dreh­stuhl­tech­ni­ken, die heu­te als welt­wei­ter Stan­dard gel­ten. Die Simi­lar­me­cha­nik (auch Syn­chron­me­cha­nik genannt) kop­pelt die Nei­gung der Rücken­leh­ne mit der Sitz­flä­che. Beim Zurück­leh­nen öff­net sich der Win­kel syn­chron zur Bewe­gung von Ober­kör­per und Ober­schen­kel, sodass die Gelen­ke bewegt, der Kör­per gestreckt und die Durch­blu­tung erleich­tert wer­den. Die Per­ma­nent-Con­tact-Rücken­leh­ne stützt den Rücken auch bei wech­seln­den Sitz­po­si­tio­nen, wodurch beson­de­re Belas­tun­gen der Wir­bel­säu­le ver­mie­den wer­den.

Der erste Sitz-Steh-Tisch von Sedus

Ende der 1990er Jah­re ent­wi­ckel­te Sedus als tra­di­tio­nel­ler Stuhl­her­stel­ler einen Schreib­tisch, der sich elek­tro­mo­to­risch in Höhe und Nei­gung ver­stel­len ließ und gesun­de Wech­sel­ar­beit im Sit­zen und im Ste­hen ermög­lich­te. Mit dem sym­bol­träch­ti­gen Pro­dukt­na­men Visi­on erfüll­te sich Chris­tof Stoll einen Her­zens­wunsch, denn er „fand auf dem gan­zen Möbel­markt kei­nen ergo­no­misch zufrie­den­stel­len­den Arbeits­tisch“.

Verantwortungsvolles Unternehmertum

Aber auch in ande­rer Hin­sicht war Chris­tof Stoll ein Visio­när: Schon in den 1950er Jah­ren betei­lig­te er die Mit­ar­bei­ter am Betriebs­er­geb­nis und setz­te sich aktiv für den Umwelt­schutz ein. Sei­ne Frau Emma ver­sorg­te die Beleg­schaft in der Betriebs­kan­ti­ne mit gesun­der Voll­wert­kost. Bei­de über­tru­gen im Jahr 1985 ihr Ver­mö­gen, das auch die Mehr­heits­be­tei­li­gung an der seit 1995 als Sedus Stoll AG fir­mie­ren­den Fami­li­en­ge­sell­schaft umfasst, auf die gemein­nüt­zi­ge Stoll VITA Stif­tung, die sich unter ande­rem für die För­de­rung des öko­lo­gi­schen Land- und Gar­ten­baus und für die Ver­brei­tung gesun­der Ernäh­rungs­wei­sen ein­setzt. Die Stif­tung ist in den Walds­hu­ter Gebäu­den aus der Grün­der­zeit unter­ge­bracht, eben­so wie das „Stoll Stuhl Muse­um“, in dem die wich­tigs­ten Model­le aus der inzwi­schen über 145-jäh­ri­gen Fir­men­ge­schich­te aus­ge­stellt sind.

Das Büro im neuen Jahrtausend

Im Jahr 2000 prä­sen­tier­te Sedus als Welt­neu­heit das Modell open up, den ers­ten Dreh­stuhl mit einem Öff­nungs­win­kel von über 40 Grad, was dyna­mi­sche Büro­ar­beit auch in fast lie­gen­der Posi­ti­on ermög­licht. Im Jahr 2012 ent­wi­ckel­te Sedus mit der Simi­lar-Swing-Mecha­nik ein neu­es kine­ma­ti­sches Sitz­kon­zept und mel­de­te damit sechs Paten­te an. Zur Fach­mes­se Orga­tec im Herbst 2016 demons­trier­te Sedus, wie moder­ne, bedarfs­ge­rech­te Ein­rich­tungs­kon­zep­te und vor­bild­lich gestal­te­te Büros aus­se­hen kön­nen. Auf der einen Sei­te sind das ergo­no­mi­sche Arbeits­plät­ze, die einen gesun­den Wech­sel von Steh- und Sitz­ar­beit ermög­li­chen, auf der ande­ren Sei­te sind das intel­li­gen­te Raum­kon­zep­te, die bewe­gungs- und kom­mu­ni­ka­ti­ons­för­dernd wir­ken. Mit einer neu ent­wi­ckel­ten App kön­nen die Mit­ar­bei­ter über ihr Smart­pho­ne schnell den nächst­ge­le­ge­nen frei­en Arbeits­platz oder ihre Kol­le­gen im Büro­ge­bäu­de fin­den. Also eine Art Navi für Büro­ge­bäu­de. Die­se Tech­nik lie­fert Faci­li­ty-Mana­gern auch wert­vol­le Daten über Büro­be­le­gun­gen, die sie zu einer effi­zi­en­te­ren Flä­chen­nut­zung und -gestal­tung ein­set­zen kön­nen.

Ein Blick in die Zukunft

Büro­mö­bel wer­den sich vom Gebrauchs­ge­gen­stand zu mit­den­ken­den Kol­le­gen wei­ter­ent­wi­ckeln. Schon heu­te stel­len sich Schreib­ti­sche per Knopf­druck auf die Wunsch­hö­he ein, Büro­stüh­le regeln den Anlehn­druck der Rücken­leh­ne über Gewicht und Grö­ße der Nut­zer. Sen­so­ren erfas­sen Sitz­zei­ten und -gewohn­hei­ten und opti­mie­ren dadurch unser Sitz­ver­hal­ten; ande­re wie­der­um kön­nen schon das Raum­licht und das -kli­ma steu­ern. Nie­mand weiß, was die Zukunft letzt­lich tat­säch­lich bringt. Viel­leicht wer­den die Möbel sogar mit uns spre­chen − so wie die net­te und stets hell­wa­che Bei­fah­re­rin, die uns jeden Mor­gen aufs Neue den Weg zum Büro erklärt.