Teil 6: Von Kro­ko­di­len, Kri­sen und Kri­tik

Der Best­sel­ler­au­tor und Kar­rie­re­coach Mar­tin Wehr­le gibt auf OFFICE ROXX Tipps für einen gelin­gen­den Büro­all­tag. Dies­mal geht er der Fra­ge nach, wes­halb Kri­tik so oft zu Kon­flik­ten führt.

Mar­tin Wehr­le ist Kar­rie­re­coach, Best­sel­ler­au­tor und er gehört zu den gefrag­tes­ten Red­nern im deutsch­spra­chi­gen Raum. Foto: A. Hee­ger

Das aktu­el­le Buch von Mar­tin Wehr­le trägt den Titel „Herr Mül­ler, Sie sind doch nicht schwan­ger?" (Mosa­ik 2014, 320 S., 14,99 €).

Im Büro fal­len oft Sät­ze wie: „Jedes Mal schnappst du dir die Brü­cken­ta­ge für dei­nen Urlaub!“ Oder: „Immer lässt du den Dienst­wa­gen mit lee­rem Tank zurück“. Oder: „Grund­sätz­lich nimmst du die Auf­trä­ge dei­nes Chefs wich­ti­ger als unse­re Pro­jekt­ar­beit!“ Der Ein­zel­fall wird zum Nor­mal­fall erklärt. Das treibt den Emp­fän­ger der Kri­tik auf die Pal­me; sofort wird er kon­tern, er habe den Dienst­wa­gen sehr wohl schon mit vol­lem Tank zurück­ge­bracht, die Pro­jekt­ar­beit prio­ri­siert und auf Brü­cken­ta­ge ver­zich­tet.

Instink­tiv ahnt der Angrei­fer, dass sei­ne Über­trei­bung den Kol­le­gen als Per­son trifft (wer grund­sätz­lich kei­ne Über­stun­den macht, ist faul!). Und der Kol­le­ge star­tet einen Gegen­an­griff, um sich zu weh­ren. Bes­ser hät­te der Kri­ti­ker nur sei­ne Beob­ach­tung geschil­dert: „Der Tank des Dienst­wa­gens war nun das zwei­te Mal inner­halb eines Monats fast leer, nach­dem du das Auto benutzt hat­test. Kannst du mir die Grün­de dafür erklä­ren?“

Ohn­mäch­tig macht schwam­mi­ge Kri­tik: „Dei­ne Brie­fe tau­gen ein­fach nichts“, „Du bist mise­ra­bel orga­ni­siert“, „Du hast kein tech­ni­sches Ver­ständ­nis“. Sol­che Kri­tik lässt vor allem eine Fra­ge offen: Was genau miss­fällt dem Kri­ti­ker? Tau­gen die Brie­fe nichts, weil sie zu lang sind? Zu kurz? Zu tech­nisch for­mu­liert? Oder all­zu poe­tisch? Gute Kri­tik ist prä­zi­se, nicht all­ge­mein. Und sie äußert einen Wunsch, statt nur zu kri­ti­sie­ren.

 Denn wenn der Kri­ti­sier­te nicht erfährt, was genau der Kol­le­ge bemän­gelt, hat er kei­ne Chan­ce, die­sen Man­gel zu behe­ben. In die­se Ecke lässt sich kei­ner ger­ne schie­ben. Zumal der Beruf das Fun­da­ment ist, auf dem das Selbst­be­wusst­sein fußt; nicht umsonst stam­men die häu­figs­ten Nach­na­men in Deutsch­land, von Mül­ler bis Fischer, von Beru­fen ab.

Eben­falls nei­gen Kri­ti­ker dazu, nicht mehr die gan­ze Sup­pe, son­dern nur noch das Haar dar­in zu sehen. Wie geht es wohl dem Koch damit? War der Gra­fik-Ent­wurf der Kol­le­gin wirk­lich nichts ande­res als eine gra­fi­sche Miss­ge­burt, weil zu far­ben­froh? Oder steck­te dar­in auch ein posi­ti­ver Kern, zum Bei­spiel Mut zur Extra­va­ganz? Die Kri­tik wird leich­ter ange­nom­men, wenn man nicht nur das Haar beklagt, son­dern auch die Sup­pe aner­kennt!

Wer es schafft, bei sei­ner Kri­tik auch das Posi­ti­ve zu wür­di­gen, öff­net die Ohren des Emp­fän­gers – statt sie mit einem Pau­schal­an­griff zu ver­schlie­ßen.