Teil 3: Der Maul­held

Der Best­sel­ler­au­tor und Kar­rie­re­coach Mar­tin Wehr­le gibt auf OFFICE ROXX wert­vol­le Tipps für einen gelin­gen­den Büro­all­tag. Dies­mal geht es um einen beson­de­ren Men­schen­ty­pus im Büro – den Maul­hel­den.

Mar­tin Wehr­le ist Kar­rie­re­coach, Best­sel­ler­au­tor und er gehört zu den gefrag­tes­ten Red­nern im deutsch­spra­chi­gen Raum. Foto: A. Hee­ger

Das aktu­el­le Buch von Mar­tin Wehr­le trägt den Titel „Herr Mül­ler, Sie sind doch nicht schwan­ger?" (Mosa­ik 2014, 320 S., 14,99 €).

„In mei­ner letz­ten Fir­ma habe ich …“ So eröff­ne­te der neue Inge­nieur Peter Eidel (28), ein Typ mit dün­nem Haar und dicker Arm­band­uhr, sei­ne schwung­voll vor­ge­tra­ge­nen Aben­teu­er­ge­schich­ten, aus denen er stets als Held her­vor­ging. Mal – so tön­te er vor den neu­en Kol­le­gen – hat­te er ein neu­es Pro­dukt erfun­den und den Welt­markt auf­ge­mischt; dann einen Groß­kun­den gewon­nen und Mil­lio­nen in die Kas­se gespült.

Sei­ne Geschich­ten bau­te er immer nach dem­sel­ben Mus­ter auf: Am Anfang steht ein Mons­ter von einem Pro­blem, an dem sich alle die Zäh­ne aus­bei­ßen. Und wenn die Ver­zweif­lung am größ­ten ist, springt er als Ret­ter auf die Büh­ne. An den wich­tigs­ten Stel­len sei­ner Erzäh­lung leg­te er Kunst­pau­sen für Sze­nen­ap­plaus ein. Aber die neu­en Kol­le­gen schau­ten immer grim­mi­ger und frag­ten sich: War­um war die­ser tol­le Hecht über­haupt in den fla­chen Teich ihrer Fir­ma gesprun­gen, noch dazu in eine ein­fa­che Fach­po­si­ti­on?

Wenig spä­ter kam her­aus: Er war mit dem Kescher einer Kün­di­gung aus sei­nem alten Fir­men­teich geschöpft wor­den. Er hat­te bei den Spe­sen geschum­melt und sich auch sonst nicht mit Ruhm bekle­ckert. Offen­bar waren sei­ne Erzäh­lun­gen nur Ablenk­ma­nö­ver. In der Natur nennt man die­sen Vor­gang Signal­fäl­schung: Ein Tier gibt sich grö­ßer und wehr­haf­ter, um natür­li­che Fein­de zu ver­ja­gen. Den­ken Sie an Fische, die sich zur dop­pel­ten Grö­ße auf­pus­ten.

Offen­bar ahnen die Maul­hel­den, dass ihre rea­le Leis­tung sie auf kei­nen grü­nen Zweig bräch­te. Also ver­kau­fen sie jeden Hand­griff als gro­ßen Wurf und ver­klä­ren ihre Ver­gan­gen­heit zur Hel­den­ge­schich­te. Aber fal­len Kol­le­gen und Chefs auf die­sen Trick her­ein? Oder ist es die Regel, dass die­ses auf­ge­bla­se­ne Ver­hal­ten durch­schaut wird (wie bei Peter Eidel)? Eine Stu­die beim Com­pu­ter­kon­zern IBM ergab: Ob ein Mit­ar­bei­ter beför­dert wird, hängt nur zehn Pro­zent von sei­ner Leis­tung ab – und zu 90 Pro­zent davon, wie er die­se Leis­tung sei­nen Chefs ver­kauft und das Ver­hält­nis zu ihnen gestal­tet.

Und wer schafft es, auf dem Leis­tungs­ra­dar sei­ner Chefs auf­zu­tau­chen? Ein beschei­de­ner Stil­l­ar­bei­ter, der sein Büro kaum ver­lässt? Oder ein auf­ge­bla­se­ner Leis­tungs­fisch, der mit Bug­wel­le durch die Fir­ma schwimmt? Gera­de in Bran­chen, wo viel getrom­melt wird, blei­ben die klu­gen Lei­se­tre­ter oft im Erd­ge­schoss der Hier­ar­chie ste­cken – wäh­rend die Hoch­stap­ler auf­stei­gen. Das erklärt, war­um vie­le Mana­ger so wenig von der Men­schen­füh­rung, aber so viel vom Selbst­ver­kauf ver­ste­hen. Der Humo­rist Heinz Erhardt hät­te dazu gesagt: „Man­che Men­schen wol­len immer glän­zen, obwohl sie kei­nen Schim­mer haben.“