OFFICE PIONEER Dr. Robert Nehring: Das Büro 2030. Digitaler + humaner + grüner + gesünder

Auch Dr. Robert Nehring ist ein Office Pioneer, wie er im Buche steht. Denn mit die­sem Bei­trag ist unser Chef­re­dak­teur eben­falls in dem Sam­mel­band »OFFICE PIONEERS: Aus­bli­cke auf das Büro 2030« präsent.

Dr. Robert Nehring, Geschäftsführender Gesellschafter PRIMA VIER Nehring Verlag GmbH, Chefredakteur OFFICE ROXX Mag, OFFICE ROXX Blog, Modern Office, OFFICE DEALZZ, Leiter Deutsches Institut für moderne Büroarbeit DIMBA, Sprecher der Aktionen »Bewegung im Büro«, »Quiet please!« und »PrimaBüroKlima«

Dr. Robert Nehring, geschäfts­füh­ren­der Gesell­schaf­ter PRIMA VIER Nehring Ver­lag GmbH, Chef­re­dak­teur OFFICE ROXX Mag, OFFICE ROXX Blog, Modern Office, OFFICE DEALZZ, Lei­ter Deut­sches Insti­tut für moder­ne Büro­ar­beit DIMBA, Spre­cher der Aktio­nen »Bewe­gung im Büro«, »Quiet plea­se!« und »Pri­ma­Bü­ro­Kli­ma«

Das Inter­es­se am Künf­ti­gen ist hoch. Ganz zu Recht. Denn wer mor­gen erfolg­reich sein will, der tut gut dar­an, sich mit mög­li­chen Ent­wick­lun­gen aus­ein­an­der­zu­set­zen – um vor­be­rei­tet zu sein und um Ein­fluss auf sie neh­men zu können.

Mit Pro­gno­sen müs­sen wir jedoch vor­sich­tig umge­hen. Aus der Beschäf­ti­gung mit der Zukunft ist längst ein Geschäft gewor­den. Jeder Anspruch auf sehe­ri­sche All­wis­sen­heit ver­bie­tet sich aber, auch wenn es man­chen durch­aus bes­ser gelingt, Ent­wick­lun­gen vor­aus­zu­sa­gen als ande­ren. So not­wen­dig das Nach­den­ken über die Zukunft ist, so anfäl­lig ist es auch für Beein­flus­sun­gen, für Mani­pu­la­ti­on, Angst­ma­che, Prophezeiung.

Es gibt legen­dä­re Fehl­pro­gno­sen. Die schlimms­te stammt viel­leicht von Charles H. Duell, einem Beauf­trag­ten des US-Patent­am­tes, aus dem Jah­re 1899: »Alles, was erfun­den wer­den kann, wur­de bereits erfun­den.« Nahe­zu natur­ge­mäß nei­gen Pro­gno­sen zur Über­trei­bung. Vor allem beim tech­ni­schen Fort­schritt glau­ben wir nur zu gern, dass er sich viel schnel­ler voll­zie­hen wer­de als er es dann meist tut. Bei grö­ße­ren Aus­bli­cken wer­den oft die Fil­ter­bla­sen ver­ges­sen, in denen wir gefan­gen sind. Nicht sel­ten wer­den Pro­gno­sen auch bewusst im Eigen­in­ter­es­se gestellt. Gene­rell wird häu­fig über­se­hen, dass Trends in der Regel Gegen­trends her­vor­ru­fen. Sie ent­wi­ckeln sich meist kas­ka­den­för­mig – in Schwün­gen von grö­ße­ren Auf- und klei­ne­ren Abwärts­be­we­gun­gen. Es kommt also oft anders, als man denkt, aber oft denkt man das auch nur.

Wie könn­te sie nun aus­se­hen, die Zukunft der Büros und der Büro­ar­beit? Für mich zeich­nen sich der­zeit vier gro­ße Trends ab, die mei­nes Erach­tens auch ent­schei­dend für die Office­welt 2030 sein wer­den: die digi­ta­le Ver­net­zung, eine neue Huma­ni­sie­rung, die öko­lo­gi­sche Nach­hal­tig­keit und eine stär­ker geför­der­te Gesundheit.
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The Smart Office

Mit dem Ein­zug von Com­pu­ter und Inter­net ins Büro hat für die­ses in den 1990ern ein grund­le­gen­der Wan­del begon­nen. Er hat noch tie­fer grei­fen­de Aus­wir­kun­gen auf die Büro­ar­beit als die Ver­brei­tung des elek­tri­schen Stroms und der Sie­ges­zug der Schreib­ma­schi­ne. Ein Ende der digi­ta­len Trans­for­ma­ti­on ist noch nicht in Sicht. Im Gegen­teil: Kli­ma­wan­del und Kri­sen, wie die durch die Coro­na-Pan­de­mie her­vor­ge­ru­fe­ne, beschleu­ni­gen die­se Ent­wick­lung. Seit eini­gen Jah­ren nen­nen wir sie »smart«.

Der Begriff Smart Office dient heu­te als Klam­mer für digi­tal ver­netz­te Lösun­gen im Büro­um­feld. Sei­ne Vor­tei­le lie­gen rela­tiv klar auf der Hand. Sie domi­nie­ren auch die media­le Bericht­erstat­tung. Die digi­ta­le Trans­for­ma­ti­on oder das Smart Office macht uns fle­xi­bel in Bezug auf Arbeits­ort, Arbeits­zeit und Arbeits­wei­se. Das bewirkt, dass Office-Worker heu­te schnel­ler, mobi­ler, kol­la­bo­ra­ti­ver und kom­mu­ni­ka­ti­ver arbei­ten kön­nen. Büro­flä­chen las­sen sich ver­klei­nern. Theo­re­tisch muss weni­ger gepen­delt und gear­bei­tet wer­den. Arbeit könn­te weni­ger Stress bedeu­ten und sich bes­ser mit dem Pri­vat­le­ben vertragen.

In der Rea­li­tät sieht das jedoch nicht sel­ten anders aus. Das smar­te Büro stellt auch vor gro­ße Her­aus­for­de­run­gen, etwa in Bezug auf die Daten­si­cher­heit (Com­pu­ter­vi­ren, Wirt­schafts­spio­na­ge), Big Data (Daten­han­del), die Gig-Eco­no­my (schlecht bezahl­te Crowd­wor­ker) und die Pri­vat­sphä­re, wenn Sen­so­ren sogar die Dau­er von Toi­let­ten­auf­ent­hal­ten messen.


„Im Büro 5.0 wer­den Video­mee­tings fest inte­griert und an die Stel­le vie­ler Geschäfts­rei­sen getre­ten sein, die ohne­hin nur dem Kli­ma gescha­det sowie Zeit und Geld gekos­tet haben.“

Dr. Robert Nehring, Chef­re­dak­teur OFFICE ROXX


Die größ­ten Her­aus­for­de­run­gen erge­ben sich aber hin­sicht­lich Pro­duk­ti­vi­tät, Gesund­heit und Work-Life-Balan­ce: Vie­le ken­nen heu­te das Pro­blem, auf­grund der zahl­rei­chen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­nä­le und des erfor­der­li­chen Mul­ti­tas­kings per­ma­nent beschäf­tigt zu sein, aber im Grun­de immer weni­ger zu schaf­fen. Auch die Gesund­heit lei­det unter dem Digi­tal Life- und Workstyle. Wir glot­zen den gan­zen Tag auf Bild­schir­me und bewe­gen nur noch die Fin­ger. Und dass sich Work und Life nun durch unse­re digi­ta­le Frei­heit bes­ser ver­ein­ba­ren las­sen, stimmt bei vie­len auch nur in der Theorie.

Getreu dem heu­te viel beschwo­re­nen Man­tra »Alles, was digi­ta­li­siert wer­den kann, wird digi­ta­li­siert wer­den« wird die Digi­ta­li­sie­rung 2030 wei­ter vor­an­ge­schrit­ten sein, ins­be­son­de­re auf­grund von 5G. Der Mobil­funk­stan­dard mit einer Band­brei­te von bis zu 10 GBit/s wird auch Bewegt­bild in erst­klas­si­ger Qua­li­tät über­tra­gen und könn­te WLAN weit­ge­hend über­flüs­sig machen. Im Büro 5.0 wer­den Video­mee­tings fest in die Arbeits­kul­tur inte­griert und an die Stel­le vie­ler Geschäfts­rei­sen getre­ten sein, die ohne­hin nur dem Kli­ma gescha­det sowie Zeit und Geld gekos­tet haben und oft sogar als Bene­fit genutzt wurden.

Vielleicht tragen wir 2030 Helme mit sämtlichen Smartphone-Funktionen, um uns vor Ansteckung zu schützen. Abbildung: NE-1

Viel­leicht tra­gen wir 2030 Hel­me mit sämt­li­chen Smart­pho­ne-Funk­tio­nen, um uns vor Anste­ckung zu schüt­zen. Abbil­dung: NE-1

Ich rech­ne mit dem Durch­bruch der Umwand­lung von Spra­che in Text bei gleich­zei­ti­gem Vor­marsch von Vide­os und Pod­casts als Infor­ma­ti­ons­me­di­en. KI wird vie­les und vie­le über­flüs­sig machen, aber auch gro­ße Pro­ble­me auf­wer­fen. Künst­li­che Intel­li­genz wird sich nicht als der befürch­te­te Job­kil­ler erwei­sen, son­dern die Jobs nur wei­ter ver­än­dern bzw. alter­na­ti­ve schaf­fen. Krea­tiv oder künst­lich? 2030 wird es kei­nes­wegs so sein, dass es für Men­schen nur noch schöp­fe­ri­sche Tätig­kei­ten geben wird und den Rest die KI übernimmt.

Geschäfts­da­ten lagern 2030 fast aus­schließ­lich in der Cloud. Unter­neh­mens­soft­ware wird man kaum noch kau­fen, fast nur noch abon­nie­ren kön­nen. Pan­ora­ma­dis­plays mit Dia­go­na­len von mehr als 30 Zoll sind die neu­en Stan­dard­mo­ni­to­re. Smart Glas­ses, intel­li­gen­te Bril­len, die das Gese­he­ne um ein­ge­spiel­te Infor­ma­tio­nen erwei­tern, wer­den ihnen noch immer nicht den Rang abge­lau­fen haben. Viel­leicht gibt es 2030 sogar Hel­me, in die alle Smart­pho­ne-Funk­tio­nen wie Dis­play, Kame­ra, Mikro und Laut­spre­cher inte­griert sind und durch das Tra­gen wirk­sam vor Infek­tio­nen schüt­zen. Ohne Zwang wird sie aber nie­mand auf­set­zen wollen.

The Human Office

Die Digi­ta­li­sie­rung oder das Smart Office hat in der Büro­ar­beits­welt, wie bereits erwähnt, eine gro­ße Fle­xi­bi­li­tät mög­lich gemacht. Office-Worker kön­nen ihre Arbeit heu­te – mit Nena – irgend­wie, irgend­wo, irgend­wann machen. Digi­ta­li­sie­rung und Fle­xi­bi­li­sie­rung haben die Büro­welt aber auch in einen Zustand ver­setzt, der VUKA genannt wird. Er ist gekenn­zeich­net durch Vola­ti­li­tät (Unbe­stän­dig­keit), Unsi­cher­heit, Kom­ple­xi­tät und Ambi­gui­tät (Mehr­deu­tig­keit). Kurz: Alles wird schnel­ler und schwieriger.

2030 könnte die Büroarbeit digitaler, menschengerechter, ökologisch nachhaltiger und gesünder sein als heute. Abbildung: Freepik

2030 könn­te die Büro­ar­beit digi­ta­ler, men­schen­ge­rech­ter, öko­lo­gisch nach­hal­ti­ger und gesün­der sein als heu­te. Abbil­dung: Freepik

Mit die­sen Ent­wick­lun­gen ein­her­ge­hend hat sich in den 2010er-Jah­ren etwas ent­wi­ckelt, das wir heu­te New Work nen­nen. Auch der zuneh­men­de Fach­kräf­te­man­gel, der Arbeit­ge­ber im soge­nann­ten War for Talents zu noch nie dage­we­se­nen Frei­hei­ten für die Beschäf­tig­ten zwingt, hat zu die­ser Ent­wick­lung bei­getra­gen. Ursprüng­lich wur­de unter New Work ein Arbeits­kon­zept des Sozi­al­phi­lo­so­phen Frith­jof Berg­mann aus den 1970ern ver­stan­den. Es beinhal­tet ein Drit­tel Erwerbs­ar­beit, ein Drit­tel Selbst­ver­sor­gung mit klu­gem Kon­sum­ver­hal­ten sowie – am wich­tigs­ten – ein Drit­tel Arbeit, »die man wirk­lich, wirk­lich will«. Heu­te steht New Work eher für eine unab­hän­gi­ge Denk­wei­se und für zeit­ge­mä­ße Arbeits­me­tho­den. New Work ist wesent­lich hier­ar­chie­frei, abtei­lungs­über­grei­fend und agil.

New Worker lie­ben Social Media, Remo­te-Working, Pur­po­se, Diver­si­ty, Quo­ten­re­ge­lung, Feel­good-Manage­ment, Empa­thie, Nach­hal­tig­keit, Annehm­lich­kei­ten, Vier-Tage-Wochen, Sab­ba­ti­cals, Duzen, Bar­camps, Tisch­ki­cker, Snea­ker und New-Work-Pod­casts. Sie has­sen Silo-Den­ken, Fest­an­stel­lung, Nine-to-five, Chefs, E-Mails und Kra­wat­ten. Man­ches wirkt infan­til, naiv, selbst­über­schät­zend, und wenn man New-Work-Exper­ten auf New-Work-Fes­ti­vals über New Work spre­chen hört, kling das manch­mal wie No Work. Den­noch hat die­se neue Arbeits­kul­tur not­wen­di­ge und wert­vol­le Ant­wor­ten auf die Fra­gen unse­rer neu­en Zeit entwickelt.

Zen­tral für New Work ist ein neu­es Bewusst­sein für den Men­schen sowie des­sen Bedürf­nis­se und Wün­sche. Der New Worker lebt nicht, um zu arbei­ten. Vor allem wenn er zur Genera­ti­on Y gehört, sucht er aus, für wen er (eine Wei­le) arbei­ten möch­te – sofern das eige­ne Start-up noch war­ten kann. Vie­len New Workern hilft dabei, dass sie sich dies sogar buch­stäb­lich leis­ten kön­nen. Zu New Work gehört aller­dings auch viel Selbst­ver­ant­wor­tung. Wer sei­ne eige­ne Füh­rungs­kraft sein will oder muss, benö­tigt ein hohes Maß an Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on. Gefragt ist außer­dem »Intra­pre­neurs­hip«, also stets auch unter­neh­me­risch mitzudenken.

Der Trend zu einer neu­en, human­zen­trier­ten, men­schen­ge­rech­te­ren Arbeit im Büro, wie ich sie mei­ne, müss­te wahr­schein­lich The New More Human(e) Office oder ähn­lich hei­ßen. Ich nen­ne ihn kurz The Human Office. Dabei ist mir jedoch wich­tig, dass er von den vor­ma­li­gen Huma­ni­sie­run­gen der Arbeits­welt unter­schie­den wird, die meist von Staat, Gewerk­schaf­ten, Unfall­ver­si­che­rern initi­iert und getra­gen wur­den. Zum Human Office gehört aller­dings noch mehr als nur New Work.

Mit New Work haben sich auch New Pla­ces of Work her­aus­ge­bil­det, neue Arbeits­or­te. Sie wer­den Third Pla­ces genannt: Cowor­king-Spaces sowie Orte wie Cafés, Hotels und Zug­ab­tei­le, an denen zuneh­mend gear­bei­tet wird. Vom Fir­men­bü­ro (Second Place) ver­la­gert sich die Arbeit auch immer mehr nach Hau­se, ins Home-Office (First Place). Eine Ent­wick­lung, die aller­dings erst wäh­rend der Coro­na-Pan­de­mie so rich­tig an Fahrt auf­ge­nom­men hat.

Zugleich sind New Works­paces ent­stan­den, neue Arbeits­räu­me bzw. Büro­for­men. Auch hier steht der Mensch mit sei­nen Bedürf­nis­sen mehr im Mit­tel­punkt als je zuvor. In moder­nen Büro­land­schaf­ten geht es neben der Fle­xi­bi­li­tät vor allem um Kom­mu­ni­ka­ti­ons­för­de­rung und Wohl­be­fin­den. Die Küche wird oft zu einem Café, das als zen­tra­ler Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ort fun­giert. Mit­tel­zo­nen wer­den mit Soft-Sea­ting-Möbeln zu Wohl­fühl­oa­sen ver­wohn­zim­mert. Bei den Büro­for­men hat sich (end­lich) ein Wan­del vom Open Space zum Mul­tis­pace voll­zo­gen. Letz­te­rer ist die Basis für das heu­te ange­sag­te Acti­vi­ty-Based-Working, bei dem für jede Tätig­keit der pas­sen­de Arbeits­be­reich bereit­steht. In die­sem Kon­zept wer­den auch wie­der mehr Rück­zugs­räu­me bedacht.

Der New Work­place, der neue Arbeits­platz, ist digi­tal, fle­xi­bel und mobil. Im Fir­men­bü­ro ist er digi­tal ver­netzt mit Moni­tor, Ein­ga­be­ge­rä­ten, Cloud­ser­ver, Loka­li­sie­rungs­sys­tem, Kli­ma­steue­rung etc. (Smart Office). Stuhl, Tisch und IT-Peri­phe­rie kön­nen von meh­re­ren Per­so­nen genutzt wer­den (Desk-Sharing). In sei­ner Basis­ver­si­on – als Note­book mit Smart­pho­ne – ist er ein mobi­ler, vir­tu­el­ler (Remote-)Arbeitsplatz.


„2030 wird die Büro­ar­beits­welt men­schen­ge­rech­ter sein.
Es wird mehr Gleich­be­rech­ti­gung, weni­ger Bos­sing und mehr Pur­po­se in den Unter­neh­men geben.“

Dr. Robert Nehring, Chef­re­dak­teur OFFICE ROXX


Im Zuge der genann­ten Ent­wick­lun­gen sind auch immer mehr New Com­pa­nys ent­stan­den, die soge­nann­ten Start-ups. Jun­ge Unter­neh­men mit inno­va­ti­ven Geschäfts­ideen und gro­ßem Wachs­tums­po­ten­zi­al gab es natür­lich schon immer: Auch Robert Bosch und Wer­ner von Sie­mens haben wel­che gegrün­det. Aber das betont digi­ta­le, ska­lier­ba­re, dis­rup­ti­ve Stre­ben nach Ein­hör­nig­keit, ver­bun­den mit einer viel­fäl­ti­gen Finan­zie­rungs­kul­tur aus Ven­tures, Inku­ba­to­ren, Acce­le­ra­to­ren und Crowd­sour­cing-Platt­for­men, hebt die moder­nen Jung­un­ter­neh­men auf ein neu­es Level.

Obwohl es – wie Jochen Kalka in sei­nem Buch »Die Start­Up-Lüge« von 2019 schreibt – hier­zu­lan­de 99 Pro­zent aller Start-ups auf­grund aus­blei­ben­der Finan­zie­rung gar nicht schaf­fen, ein ech­tes Start­up zu wer­den, 90 Pro­zent der Start-ups (mit Finan­zie­rung) schei­tern und 80 Pro­zent nicht ein­mal die ers­ten drei Jah­re über­le­ben, ist um sie ein beträcht­li­cher Hype mit teil­wei­se schwin­del­erre­gen­den Finan­zie­run­gen ent­stan­den. New Work sowie die Nut­zung von neu­en Arbeits­or­ten, Arbeits­räu­men und Arbeits­plät­zen gehö­ren qua­si zur DNA von Start-ups. Sie arbei­ten meist unkon­ven­tio­nell, digi­tal, hier­ar­chie­frei, und es lässt sich ein Hang zu Agi­li­tät, Cowor­king-Spaces und Möbeln aus Euro­palet­ten attestieren.

Schließ­lich gibt es auch eine New Genera­ti­on, die den Büro­ar­beits­markt betre­ten hat: die Genera­ti­on Y. Die soge­nann­ten Digi­tal Nati­ves oder Mill­en­ni­als (*1981–1995) ver­kör­pern die neue Büro­ar­beit gera­de­zu. Glei­ches gilt bereits für die jün­ge­ren Post­mill­en­ni­als der Genera­ti­on Z (*1996–2009). Im Gegen­satz zur Genera­ti­on X (*1966– 1980), der E-Mail-Genera­ti­on, und den Baby­boo­mern (*1956–1965), der Tele­fon­ge­nera­ti­on, fühlt sich die Genera­ti­on Y hin­sicht­lich der beruf­li­chen Medi­en­nut­zung bei Instant-Mes­sen­gern, Social Media und You­tube zu Hause.

Gebur­ten­rück­gang, Fach­kräf­te­man­gel, die fort­schrei­ten­de Digi­ta­li­sie­rung und eine pro­spe­rie­ren­de Wirt­schaft haben dazu geführt, der Genera­ti­on Y den roten Tep­pich aus­zu­rol­len. Weil die Mill­en­ni­als heiß begehrt sind, wur­den ihnen schon wah­re Wun­der­din­ge ange­dich­tet. Sie sei­en zum Bei­spiel die Sinn­su­cher (Y im Sin­ne von why) und Selbst­ver­wirk­li­cher, und Fir­men müss­ten schon eine Men­ge bie­ten, um im War for Talents eine Chan­ce auf die­se 24-Stun­den-am-Tag-Onliner haben zu wol­len. Dies sind T-Shirts, die man sich natür­lich gern anzieht. Vie­le Y-ler haben es auch getan und sind bis­lang meist gut damit gefah­ren. Aber immer öfter brö­ckelt das Bild die­ser heroi­sier­ten Genera­ti­on unter den Anfor­de­run­gen der Rea­li­tät. Die Aus­wir­kun­gen der Coro­na-Kri­se könn­ten zu einem wei­te­ren Zurecht­rü­cken der Maß­stä­be führen.

Die neue, huma­ne Büro­ar­beit, bei der die Bedürf­nis­se des Office-Workers unter ande­rem durch mehr Frei­heit, Teil­ha­be und Demo­kra­tie eine neue, grö­ße­re Wert­schät­zung erfah­ren, bie­tet eine Fül­le von Chan­cen. Die neu­en Mög­lich­kei­ten konn­ten das Arbei­ten und bereits vie­le Geschäfts­mo­del­le grund­le­gend ver­än­dern. Sie haben sich aber auch schon oft in neue Not­wen­dig­kei­ten bzw. neue Anfor­de­run­gen ver­wan­delt. Damit die schö­ne neue Büro­welt ihr Ver­spre­chen eines Bes­se­ren ein­lö­sen kann, muss sie auch ihre Her­aus­for­de­run­gen meis­tern. Zu die­sen gehö­ren wie­der vor allem die bereits im Zusam­men­hang mit dem Smart Office genann­ten Aspek­te Pro­duk­ti­vi­tät, Gesund­heit und Work-Life-Balance.

Das neue Arbei­ten hat samt sei­ner neu­en Arbeits­um­ge­bun­gen und Arbeits­mit­tel gro­ßes Poten­zi­al, uns pro­duk­ti­ver zu machen. In vie­len Unter­neh­men war und ist jedoch zunächst weni­ger Pro­duk­ti­vi­tät die Fol­ge. Denn New Work führt falsch ver­stan­den schnell zu mehr Work­shop als Work, mehr Mee­ting als Machen, mehr Schein als Sein. Die Infor­ma­ti­ons­flut (ins­be­son­de­re durch Social Media), die Ablen­kun­gen in Home-Offices und Cowor­king-Spaces sowie akus­ti­sche und visu­el­le Stö­run­gen in offe­nen, kom­mu­ni­ka­ti­ons­för­dern­den Räum­lich­kei­ten von Fir­men­bü­ros sor­gen per­ma­nent für Arbeits­un­ter­bre­chun­gen. So bleibt für kon­zen­trier­te Arbeit, bei den meis­ten die »eigent­li­che« Arbeit, oft­mals zu wenig Zeit.

Das neue Arbei­ten bewirkt auch neue Beein­träch­ti­gun­gen der Gesund­heit, ohne tra­di­tio­nel­le wie Rücken­schmer­zen und Kurz­sich­tig­keit zurück­ge­hen zu las­sen. Vor allem psy­chi­sche Lei­den sind auf dem Vor­marsch. Was zum Bei­spiel gern beschö­ni­gend Mul­ti­tas­king genannt wird, führt in Wahr­heit oft zu nega­ti­vem Stress. Häu­fig wird ver­sucht, sin­ken­de Pro­duk­ti­vi­tät zunächst mit Mehr­ar­beit aus­zu­glei­chen. Feh­len­des Abschal­ten und aus­blei­ben­de Erho­lung füh­ren aber zu gro­ßer Erschöp­fung. Am Ende grei­fen immer mehr Office-Worker zu Medi­ka­men­ten, um ihre Arbeit zu schaffen.

Der Abschied vom Fei­er­abend hat in der Regel auch nega­ti­ve Fol­gen für die Work-Life-Balan­ce. Aller­dings gilt die­ses Kon­zept längst als über­holt. Es ist einem Work-Life-Blen­ding bzw. einer Work-Life-Inte­gra­ti­on gewi­chen, in dem oder der die Gren­zen zwi­schen Pri­vat- und Arbeits­le­ben ver­schwim­men. Das Feh­len von Erho­lung, Abstand, Muße wirkt sich über kurz oder lang nega­tiv auf die Arbeit und erst recht auf das Pri­vat­le­ben aus.

Totgesagte leben länger: Auch 2030 wird die Zukunft der Wirtschaft Ergebnis von Wissens- bzw. Büroarbeit sein.

Tot­ge­sag­te leben län­ger: Auch 2030 wird die Zukunft der Wirt­schaft Ergeb­nis von Wis­sens- bzw. Büro­ar­beit sein.

2030 wer­den wohl die meis­ten weit­ge­hend »neu« arbei­ten. Die Büro­ar­beits­welt ist dann mensch­li­cher. Es wird mehr Gleich­be­rech­ti­gung, weni­ger Bos­sing und mehr Pur­po­se in den Unter­neh­men geben. Die Unter­neh­men wer­den sich mehr als heu­te nach den Mit­ar­bei­tern rich­ten. Vor­aus­ge­gan­gen sein wird dem aller­dings eine Gegen­be­we­gung zum rei­nen, frei­en, bedürf­nis­ori­en­tier­ten New-Work-Modell, ein »Zurück zur Arbeit«. Viel­leicht muss kri­sen­be­dingt sehr kurz­fris­tig wie­der in die Hän­de gespuckt wer­den, am Ende sogar mal ein Yogakurs im Head­quar­ter des Kon­zerns aus­fal­len. Viel­leicht wird auch end­lich ein Impf­stoff gegen Mee­tingi­tis ent­wi­ckelt. Wir wer­den die Arbeits­kul­tur 2030 aber nicht mehr New Work nen­nen. Der Begriff hat schon in den letz­ten Jah­ren an Glanz ver­lo­ren. Auf­grund blau­äu­gi­ger Inter­pre­ta­tio­nen des Modells wird immer häu­fi­ger Kri­tik an ihm geübt.

Home-Office und Cowor­king-Spaces in Wohn­ort­nä­he wer­den sich als fes­te Arbeits­or­te neben dem Fir­men­bü­ro eta­bliert haben. Letz­te­re wird es wei­ter­hin geben, genau­so wie Büro­tür­me. Eine all­ge­mei­ne Anwe­sen­heits­pflicht, wie sie heu­te noch bei vie­len exis­tiert, wird für Fir­men­bü­ros nicht mehr bestehen. Hier jedoch einen Platz zu bekom­men, wird 2030 zuneh­mend zum Pri­vi­leg. Denn es wird weit weni­ger Fest­an­ge­stell­te geben als heu­te, und im Gegen­satz zu den Free­lan­cern wer­den nur jene einen Anspruch auf eine regel­mä­ßi­ge Nut­zung haben. Die Heim­ar­beits­plät­ze wer­den im Gegen­satz zu heu­te tech­nisch und ergo­no­misch gut aus­ge­stat­tet sein. Dazu wird nicht nur 5G bei­tra­gen, son­dern auch, dass künf­tig bereits bei der Wahl und Aus­stat­tung der Woh­nung ein Arbeits­be­reich mit­ge­dacht wird. Beim Cowor­king wer­den sich (abschließ­ba­re) Pri­va­te Offices und Ser­viced Offices (Orte, an denen Unter­neh­men kurz­fris­tig Räu­me und Ser­vices wie Tele­fon­dienst und Sekre­ta­ri­at anmie­ten kön­nen) gegen­über dem authen­ti­schen Cowor­king durch­ge­setzt haben, bei dem alle an gro­ßen Tischen sit­zen und sich unter­ein­an­der austauschen.

In den Fir­men­bü­ros wer­den die Works­paces 2030 anders aus­se­hen als heu­te. Bestim­men­der Trend wird auf gro­ßen Büro­flä­chen dann die Rück­kehr der Zel­len sein. Als Ein­zel- bzw. Kom­bi­bü­ros wer­den sol­che ent­lang der Fens­ter­fas­sa­den um einen zen­tra­len Bereich her­um errich­tet. Die Mit­te gleicht einem leben­di­gen Markt­platz mit Cafés. Die­se »Ago­ra« bie­tet Raum für Event, Bespre­chung und Pau­se. So wird klar getrennt zwi­schen Berei­chen für kon­zen­trier­te (Allein-)Arbeit und für Kom­mu­ni­ka­ti­on. Auf­grund der akus­ti­schen und visu­el­len Stö­run­gen sowie der hohen Anste­ckungs­ge­fahr wer­den 2030 kaum noch Zwei- bzw. Mehr­per­so­nen­bü­ros geplant. Auch das gemein­sa­me Arbei­ten wech­seln­der Mit­ar­bei­ter an Hot­des­king-Ben­ches wird dann längst der Ver­gan­gen­heit angehören.

Es wird drei wesent­li­che Nut­zungs­ar­ten für die Büro­ein­hei­ten geben: Fixed Offices (ein­zel­nen Mit­ar­bei­tern fest zuge­wie­se­ne Büros), Sharing-Offices (die ande­ren Mit­ar­bei­ter tei­len sich einen Anteil der Büros) und Hotel­ling-Offices für Gäs­te, Kun­den, Dienst­leis­ter sowie für Start-ups und Ein­hei­mi­sche. Mit den Hotel­ling-Offices wer­den Cowor­king-Spaces als Ser­viced Offices in die Büro­flä­che und damit in die Unter­neh­men integriert.

Im Gegen­satz zu den Cubicles, den zum Bei­spiel in den USA belieb­ten Office-Boxen mit etwa 1,50 m Brei­te, Höhe und Tie­fe, und zu Raum-in-Raum-Lösun­gen, den soge­nann­ten Glas­kä­fi­gen, wer­den Ein­zel- bzw. Kom­bi­bü­ros eine Renais­sance erfah­ren, aller­dings mit weit­ge­hend fle­xi­bler Nut­zung. Nen­nen darf man die »neue« Büro­form dann sicher­lich nicht mehr so, genau­so wenig wie heu­te den Open Space ein Groß­raum­bü­ro. In jedem Fal­le wird man 2030 dem Umstand bes­ser gerecht wer­den, dass es nicht nur extro­ver­tier­te Men­schen gibt, son­dern auch intro­ver­tier­te, die am bes­ten bei Stil­le vorankommen.

An die Stel­le vie­ler Geschäfts­rei­sen wer­den 2030 Video-Calls getre­ten sein. Im Gan­zen wird die Anzahl der Busi­ness-Trips gegen­über der Vor-Coro­na-Zeit nur um etwa 25 Pro­zent gesun­ken sein. Aber die Gele­gen­hei­ten für sol­che Rei­sen wer­den auch wei­ter zuge­nom­men haben.

Der Kern eines – dann bereits fast jeden – Arbeits­plat­zes wird ein mobi­les Device sein. Als Vir­tu­al Work­place greift es fast aus­schließ­lich auf die Cloud zu. Viel­leicht sind Note­book und Smart­pho­ne bis dahin gänz­lich zum Tablet ver­schmol­zen. Gern wei­se ich hier auch noch ein­mal auf die – nicht ganz ernst gemein­te – Idee des Helms hin. Büro­ein­rich­tung und -aus­stat­tung wer­den 2030 bereits zu fast 25 Pro­zent nur noch gemie­tet statt gekauft. Wie bei heu­ti­gen Han­dy­ta­ri­fen mit Mobil­te­le­fon wer­den Möbel und Hard­ware regel­mä­ßig durch neue Lösun­gen ersetzt.

In zehn Jah­ren wird sich der Fokus in Sachen New Com­pa­nys von Start-ups auf soge­nann­te Sca­le-ups ver­la­gert haben, auf stark und kon­ti­nu­ier­lich wach­sen­de Unter­neh­men, die einen Mehr­wert für Gesell­schaft und Wirt­schaft bie­ten. Inves­tiert wird dann mehr in Fir­men mit einem erfolg­rei­chen Geschäfts­mo­dell, das sich erwei­tern lässt, als in Jung­un­ter­neh­men, die noch auf der Suche nach einem Geschäfts­mo­dell für ihre Idee sind.

Die Genera­ti­on Z wird 2030 die Arbeits­welt als New­co­mer ergän­zen. Die zu die­sem Zeit­punkt 21- bis 34-Jäh­ri­gen wer­den dann weni­ger hofiert als die Genera­ti­on Y in die­sem Alter. Aber auch ihnen wird man ganz neue Gewohn­hei­ten und Ansich­ten zuschrei­ben, die die Arbeits­welt künf­tig prä­gen sollen.


„2030 wird die öko­lo­gi­sche Nach­hal­tig­keit end­lich vom Trend zur Selbst­ver­ständ­lich­keit gewor­den sein. Die Welt wird ihre Kli­ma­zie­le aller­dings wie­der nicht erreicht haben.“

Dr. Robert Nehring, Chef­re­dak­teur OFFICE ROXX


So zumin­dest stel­le ich mir unse­re Büro­welt in zehn Jah­ren vor. Es wäre aller­dings zu wün­schen, dass die neue, mensch­li­che­re Büro­ar­beit nicht aus­schließ­lich das Ich in den Mit­tel­punkt stellt. Denn damit sie gelingt, muss man heu­te wie mor­gen sei­ne Fil­ter­bub­ble ver­las­sen und sich auf ande­re und ande­res ein­stel­len können.

Im huma­ne­ren Büro des Jah­res 2030 wer­den auch die Aspek­te Gesund­heit und öko­lo­gi­sche Nach­hal­tig­keit eine Auf­wer­tung erfah­ren haben. Auf­grund der beson­de­ren Bedeu­tung die­ser The­men wid­me ich ihnen eige­ne Kapitel.

The Green Office

Im Pri­vat­be­reich ist die öko­lo­gi­sche Nach­hal­tig­keit längst ange­kom­men. Zuneh­mend for­dern aber auch Office-Worker mehr Nach­hal­tig­keit von ihren Arbeit­ge­bern. Eine reprä­sen­ta­ti­ve Stu­die von One­Poll im Auf­trag von Viking zeig­te Anfang 2020, dass es 84 Pro­zent der Büro­be­schäf­tig­ten in Deutsch­land gern sehen wür­den, wenn ihr Arbeit­ge­ber mehr für den Umwelt­schutz täte als bis­her. 58 Pro­zent behaup­te­ten, moti­vier­ter und 56 Pro­zent pro­duk­ti­ver zu sein, wenn ihr Unter­neh­men kli­ma­neu­tral wäre.

Selbst wenn wir von der Visi­on vom papier­lo­sen Büro noch ein gutes Stück ent­fernt sind, wird in vie­len Büros immer mehr zum Umwelt­schutz bei­getra­gen. Neben dem Strom­spa­ren und dem Redu­zie­ren von Geschäfts­rei­sen zählt dazu bei­spiels­wei­se auch die Beschaf­fung »grü­nen« Büro­be­darfs: Recy­cling­pa­pier, bio­ba­sier­te Schreib­ge­rä­te, nach­füll­ba­re Patro­nen, kom­pos­tier­ba­re Kaf­fee­kap­seln. Außer­dem wer­den zuneh­mend lang­le­bi­ge Lösun­gen aus recy­cel­ten oder wenigs­tens recy­cel­ba­ren Bestand­tei­len nach­ge­fragt. Bei Tech­nik und Mobi­li­ar sinkt die Scheu vor Gebrauch­tem (Stich­wort Refur­bish­ment). Und (wie­der­ver­wen­den­des) Mie­ten wird zum neu­en Kaufen.

Vie­le Her­stel­ler von Büro­lö­sun­gen haben die Zei­chen der Zeit längst erkannt und agie­ren bereits ent­spre­chend. Über das Erfül­len der Umwelt­ma­nage­ment-Norm ISO 14001 hin­aus las­sen sie sich mit dem Blau­en Engel, mit TCO, FSC, Crad­le to Crad­le, Euro­pean Level und Ähn­li­chem zer­ti­fi­zie­ren. Micro­soft hat 2020 ange­kün­digt, spä­tes­tens 2030 der Atmo­sphä­re mehr CO2 ent­zie­hen zu wol­len, als in sie zu ent­las­sen. Apple hat sich ver­pflich­tet, in den nächs­ten zehn Jah­ren samt Zulie­fer­ket­te kli­ma­neu­tral zu wer­den. Die Dau­phin Human Design Group, Her­stel­ler von Büro­mö­beln, will ihre Stüh­le in Deutsch­land künf­tig ohne Kar­tons aus­lie­fern. Längst gibt es Möbel aus recy­cel­ten PET-Fla­schen, Boden­be­lä­ge aus alten Fischer­net­zen und der­glei­chen mehr. Eini­ge Her­stel­ler haben auch bereits begon­nen, den CO2-Abdruck ihrer Lösun­gen offen aus­zu­wei­sen und zu kompensieren.

2030 wird die öko­lo­gi­sche Nach­hal­tig­keit vom Pop-up- und Mega­trend end­lich zur Selbst­ver­ständ­lich­keit gewor­den sein. Die Welt wird ihre Kli­ma­zie­le zwar wie­der nicht erreicht haben. Aber als Fol­ge von Kri­sen und Kli­ma­wan­del wer­den Zwang und Frei­wil­lig­keit Hand in Hand gehen. Geschäfts­rei­sen und Pen­del­ver­kehr wer­den dank Web­mee­tings und -kon­fe­ren­zen sowie dezen­tra­ler Remo­te-Arbeit abge­nom­men haben. Office-IT und Rechen­zen­tren wer­den genau wie Beleuch­tung und Kli­ma­ti­sie­rung sehr viel ener­gie­ef­fi­zi­en­ter arbei­ten als heu­te. Büro­tech­nik und Büro­mö­bel müs­sen sich im Stoff­kreis­lauf bewei­sen. Sie wer­den sich zumin­dest in Euro­pa kom­plett in wie­der­ver­wert­ba­re Tei­le zer­le­gen las­sen müs­sen. Die Wie­der­ver­wer­tung bzw. die Kreis­lauf­wirt­schaft wird durch den Trend zum Mie­ten und zum Gebrauch­ten unterstützt.

Die Nach­fra­ge nach papier­ba­sier­tem Büro­be­darf wird stark gesun­ken sein, ohne dass die Visi­on vom papier­lo­sen Büro Wirk­lich­keit gewor­den wäre. E-Rech­nung und E-Signing wer­den sich weit­ge­hend durch­ge­setzt haben. Hin­ter­her­hin­ken wer­den in Deutsch­land aber wei­ter­hin die Behör­den. End­lich wer­den es alle Finanz­äm­ter erlaubt haben, dass Rech­nun­gen nicht mehr über zehn Jah­re in Papier­form auf­ge­ho­ben wer­den müs­sen. Aber noch immer wer­den sie Brie­fe ver­schi­cken sowie allen Erns­tes E-Mails aus­dru­cken und abhef­ten. Mit noch mehr Neid wer­den wir dann zum Bei­spiel nach Nor­we­gen schau­en, wo Behör­den ihre Bür­ger schon heu­te nichts mehr fra­gen dür­fen, was sie schon wis­sen, und zuste­hen­de Leis­tun­gen ein­fach antrag­los überweisen.

Öko­strom aus erneu­er­ba­ren Ener­gien wie Son­ne, Wind und Was­ser wird Stan­dard sein. Schon auf­grund der gerin­ge­ren Ent­fer­nun­gen wird das Fahr­rad mehr genutzt. Es wird mehr E-Autos geben, aber mit »grü­nem« Was­ser­stoff ange­trie­be­ne Pkw wer­den das nächs­te gro­ße Ding sein. Auto­ma­ti­sier­te Gebäu­de­über­wa­chun­gen, die zum Bei­spiel unnö­ti­ges Hei­zen und Küh­len ver­mei­den, wer­den Ener­gie ein­spa­ren hel­fen. Der CO2-Abdruck von Büro­pro­duk­ten wird sau­ber aus­ge­wie­sen – viel­leicht wie in Ener­gie­ef­fi­zi­enz­klas­sen auf Moni­to­ren – und kompensiert.

The Healthy Office

Schließ­lich das The­ma Gesund­heit. Auch die­ses wird 2030 eine wich­ti­ge Rol­le für Büros und die Büro­ar­beit spie­len. Schon heu­te ist die Gesund­heit bei uns Mega­trend. Im Febru­ar 2020 lan­de­te sie zum Bei­spiel auf Platz eins des seit 2009 regel­mä­ßig erho­be­nen Wer­te-Index-Ran­kings von Kan­t­ar TNS.

2030 kommt in Bezug auf die Gesund­heit der Office-Worker vor allem hin­sicht­lich Ernäh­rung und Hygie­ne eine Ver­bes­se­rung auf uns zu.

Schni­po (Schnit­zel mit Pom­mes) und Haxn (Schweins­ha­xe) wer­den kaum noch auf dem Spei­se­plan der Kan­ti­nen ste­hen, der Fleisch­ver­zehr wird gene­rell wei­ter zurück­ge­gan­gen sein. Im Office wird wei­ter­hin ges­nackt wer­den. Aber Scho­ko­la­de und Tor­te wer­den Obst, Nüs­sen und Fit­ness­rie­geln gewi­chen sein sowie süße Limo­na­den stil­lem Wasser.

Nach­dem vie­le Schreib­ti­sche in offe­nen Raum­land­schaf­ten wäh­rend und nach der Coro­na-Zeit wei­ter aus­ein­an­der­ge­stellt wur­den, wird der Abstand zwi­schen ihnen bis 2030 wie­der abge­nom­men haben. Dafür wer­den sie – wo sie dann über­haupt noch in offe­nen Berei­chen ste­hen – bes­ser abge­schirmt sein als heu­te: durch Auf­bau­ten und sepa­ra­te Trenn­wän­de, die nicht nur vor akus­ti­schen und visu­el­len Stö­run­gen, son­dern auch vor Infek­tio­nen schüt­zen. Der in Ver­ruf gera­te­ne Hand­schlag wird in zehn Jah­ren deut­lich weni­ger gege­ben als vor Covid-19. Und es wird kon­kre­te Not­fall­plä­ne für Pan­de­mien geben.

Bild­schirm­ar­beit wird bis 2030 nicht abneh­men, trotz Sprach­steue­rung und Live-Tran­skrip­ti­on in Text. Aller­dings wird ver­bes­ser­ten Augen­schon­mo­di mehr Auf­merk­sam­keit zukom­men, so wie viel­fach schon jetzt Blau­licht­fil­ter zur Stan­dard­ein­stel­lung gehö­ren. Bei übli­chen Seh­hil­fen wer­den Blau­licht­fil­ter so selbst­ver­ständ­lich sein wie heu­te der UV-Schutz bei Son­nen­bril­len. Aug­men­ted und Vir­tu­al Rea­li­ty wer­den sich deut­lich wei­ter­ent­wi­ckelt haben. Das Pro­blem des VR-Schwin­dels (Moti­on Sick­ness) wird gelöst sein. Jedoch bedeu­tet die zuneh­men­de Nut­zung die­ser Tech­ni­ken auch eine gro­ße Belas­tung für Augen und Wahr­neh­mung, wel­che eine neue Her­aus­for­de­rung für unse­re Gesund­heit dar­stel­len wird.

In neun Jah­ren wer­den wir zwar, so fürch­te ich, das Ende der Ergo­no­mie in Büro & Co. erle­ben. Die Ent­wick­lung dahin scheint längst ein­ge­läu­tet. Dafür wer­den Office-Worker aber zum Bei­spiel mat­te, augen­scho­nen­de, grö­ße­re Dis­plays ein­fach des­halb haben wol­len, weil sie an die­sen bes­ser arbei­ten kön­nen. Richt­li­ni­en und Regel­wer­ke wer­den für ihre Ent­schei­dung nicht mehr aus­schlag­ge­bend sein.

In der Frei­zeit, oder was dann davon übrig geblie­ben ist, wer­den wir uns 2030 im Schnitt mehr bewe­gen. Der Selbst­ver­mes­sung mit­hil­fe von Smart­wat­ches sei Dank. Bei der Büro­ar­beit wird es aber nur eine gering­fü­gi­ge Ver­bes­se­rung geben. Zwar wird sich der Anteil von Sitz-Steh-Tischen wei­ter erhöht haben. Die ange­mes­se­ne Nut­zung wird auf­grund über­mäch­ti­ger Arbeits­fül­le aber wei­ter­hin ver­nach­läs­sigt wer­den. Schreib­ti­scher­go­me­ter und -lauf­bän­der wer­den sich noch immer nicht durch­ge­setzt haben.


„Die Bedeu­tung der Büro­ar­beit wird wei­ter zunehmen.
Das Büro wird nicht ster­ben. Auch in Zukunft wird unse­re Zukunft an Orten ent­schie­den, die als Büro genutzt werden.“

Dr. Robert Nehring, Chef­re­dak­teur OFFICE ROXX


Der Stress des Office-Workers wird nicht weni­ger gewor­den sein. Wir wer­den noch immer in einer VUKA-Welt leben – mit einer schwer zu bewäl­ti­gen­den Infor­ma­ti­ons­flut. Wir mögen heu­te so schnell wie noch nie arbei­ten. Wir wer­den aber auch nie wie­der so lang­sam sein wie heu­te. Ent­spre­chen­des gilt für die Men­ge der Infor­ma­tio­nen, die wir auf­neh­men. Die Arbeit wird eben­falls nicht weni­ger gewor­den sein, obwohl wir dies auf­grund des tech­ni­schen Fort­schritts und des­sen Erleich­te­run­gen immer wie­der glau­ben möchten.

All dies wird auch unse­re Work-Life-Balan­ce zu spü­ren bekom­men. Die Gren­zen wer­den sich wei­test­ge­hend auf­ge­löst haben. Pri­va­te Bezie­hun­gen wer­den dann noch stär­ker als heu­te auch beruf­lich nütz­lich sein müssen.

Zum Schluss

Aktu­ell fragt sich, was anders wer­den könn­te, wenn unse­re Büro­welt aus ihrem künst­li­chen Coro­na-Koma erwacht. Wird uns das Virus mit Gewalt in ein neu­es Zeit­al­ter kata­pul­tiert haben? Wer­den wir einen ordent­li­chen Vor­ge­schmack dar­auf bekom­men haben, was digi­tal, mensch­lich, öko­lo­gisch und gesund­heit­lich viel­leicht längst not­wen­dig war? Man­ches deu­tet dar­auf hin.

In den ers­ten Wochen der Coro­na-Kri­se behaup­te­ten vie­le Exper­ten, nichts wer­de jemals wie­der sein wie vor der Pan­de­mie. Als nach zwei, drei Mona­ten weit­ge­hen­de Locke­run­gen zum Shut­down erfolgt sind, ent­stand jedoch der Ein­druck, dass die­se Ein­schät­zung über­eilt gewe­sen sein könn­te. Viel­leicht wird ja alles genau wie vor­her, nur etwas schlech­ter – oder bes­ser. Die Ten­denz geht zu Letzterem.

Bis 2030 rech­ne ich im Gan­zen zwar »nur« mit einer Ver­än­de­rung unse­rer Büro­ar­beits­welt um durch­schnitt­lich etwa 15 Pro­zent. Die Bedeu­tung der Büro­ar­beit wird aber genau wie der Anteil der Büro­be­schäf­tig­ten am Arbeits­markt wei­ter stei­gen. Das Büro wird nicht ster­ben. Auch in Zukunft wird unse­re Zukunft an Orten ent­schie­den, die als Büro genutzt werden.

Bis 2030 wird die Digi­ta­li­sie­rung der Büro­ar­beits­welt wei­ter vor­an­schrei­ten. Huma­ni­sie­rung, öko­lo­gi­sche Nach­hal­tig­keit und Gesund­heit soll­ten die­se Ent­wick­lung beglei­ten. Dar­auf müs­sen alle Betei­lig­ten ach­ten. Die Chan­cen auf eine Ver­bes­se­rung der Büro­ar­beit sind sehr groß, die Her­aus­for­de­run­gen jedoch nicht gering. Um unse­re Zukunft zu meis­tern, soll­ten wir aus­gie­bi­gen Gebrauch vom gesun­den Men­schen­ver­stand machen.

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Anmerkung

Bei die­sem Bei­trag han­delt es sich nur um eine Kurz­fas­sung. Der bei­na­he drei Mal so lan­ge Ursprungs­text ist par­al­lel zum Sam­mel­band OFFICE PIONEERS als E-Book mit dem Titel »Office 2030. Zur Zukunft der Büro­ar­beit« erschie­nen.


PRIMA VIER Nehring Verlag GmbH

  • Medi­en, Initia­ti­ven und Events für den Bereich Büro & Co.
  • Gegrün­det: 1996
  • Stand­ort: Berlin
  • OFFICE-ROXX.DE

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„OFFICE PIONEERS: Aus­bli­cke auf das Büro 2030. Visio­nen. Chan­cen. Her­aus­for­de­run­gen.“, Robert Nehring (Hg.), PRIMA VIER Nehring Ver­lag, 2., aktua­li­sier­te Auf­la­ge, Ber­lin 2021, 208 S., DIN A4, 49,90 € (E-Book 39,90 €).

Erhält­lich unter: OFFICE-PIONEERS.DE

Literatur

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