Video­kon­fe­ren­zen boo­men. Auf Dau­er kön­nen sie aber ein Gefühl von Abge­schla­gen­heit und Lee­re hin­ter­las­sen. André Spi­cer, Pro­fes­sor für Orga­ni­sa­ti­ons­ver­hal­ten, beschreibt eine neue psy­chi­sche Erkran­kung: Zoom-Müdig­keit.

Videokonferenzen können als stressfördernd empfunden werden. Abbildung: Pexels

Video­kon­fe­ren­zen kön­nen als stress­för­dernd emp­fun­den wer­den. Abbil­dung: Pexels

Wenn wir mit­ein­an­der über den Bild­schirm inter­agie­ren, ver­pas­sen wir vie­le Hin­wei­se, die wir wäh­rend eines Gesprächs im wirk­li­chen Leben erhal­ten wür­den. Die­se zusätz­li­chen Infor­ma­tio­nen hel­fen unse­rem Gehirn jedoch, das Gesche­hen zu ver­ste­hen. Wenn die­se Infor­ma­tio­nen feh­len, muss unser Gehirn stär­ker arbei­ten, um zu ver­ste­hen, was pas­siert. Das ist in man­chen Fäl­len sehr von Nach­teil. Wenn die Lei­tung gestört ist, kön­nen sich Vor­ur­tei­le ver­stär­ken. Schon eine Sekun­de Ver­zö­ge­rung kann uns den­ken las­sen, dass die Men­schen am ande­ren Ende der Lei­tung weni­ger freund­lich sind. Ein Expe­ri­ment hat erge­ben, dass Men­schen bei nied­ri­ger Video­qua­li­tät viel vor­sich­ti­ger kom­mu­ni­zie­ren.

Stressfaktor Video

Video­mee­tings kön­nen auch emo­tio­nal sehr anstren­gend sein. Einer Stu­die zufol­ge fühl­ten sich Dol­met­scher, die Fern­über­set­zun­gen anfer­tig­ten, ent­frem­det. Eine merk­wür­di­ge Eigen­art von Video­kon­fe­ren­zen liegt dar­in, dass wir unser Spie­gel­bild sehen. Das kann dazu füh­ren, dass wir uns befan­gen und weni­ger sicher in unse­ren Inter­ak­tio­nen füh­len. Wir geben uns viel­leicht mehr Mühe, aber wir emp­fin­den es auch als stres­si­ger.

Die Ver­brei­tung von Video­kon­fe­ren­zen kann auch eine ver­zwei­fel­te Suche nach Aner­ken­nung aus­lö­sen. Eine Ana­ly­se von Remo­te-Mit­ar­bei­tern ergab, dass die­je­ni­gen, die in einem abge­le­ge­nen Ort arbei­ten, die­se Situa­ti­on oft als eine Form des Exils erle­ben. Die­se Mit­ar­bei­ter füh­len sich über­se­hen und ver­su­chen alles, um sicht­bar zu wer­den. Sie suchen nach inter­es­san­tem Mate­ri­al und Anek­do­ten, sie über­neh­men zusätz­li­che Auf­ga­ben, von denen sie hof­fen, dass die­se die Auf­merk­sam­keit ihrer Mana­ger auf sich zie­hen.

Zoom-Müdigkeit entgegenwirken

Es gibt eini­ge rela­tiv ein­fa­che Din­ge, die Sie tun kön­nen, damit Video­kon­fe­ren­zen weni­ger ermü­dend wer­den. Ver­mei­den Sie Mul­ti­tas­king wäh­rend eines Video­an­rufs, um Ihre kogni­ti­ve Arbeits­be­las­tung zu ver­rin­gern und Ihre Auf­merk­sam­keit zu för­dern. Machen Sie zwi­schen den Anru­fen eine Pau­se und ent­fer­nen Sie sich vom Bild­schirm, damit Sie Zeit zum Nach­den­ken, zur Neu­grup­pie­rung und zur Erho­lung haben. Wenn Sie Ihr Selbst­bild wäh­rend einer Video­kon­fe­renz ver­ber­gen, kön­nen Sie sich weni­ger gehemmt füh­len und sich mehr auf das kon­zen­trie­ren, was ande­re sagen.

Es gibt auch ande­re Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mög­lich­kei­ten als Video­an­ru­fe. Text­nach­rich­ten, E-Mails und Tele­fon­an­ru­fe könn­ten die bes­se­re Wahl sein. In einer Stu­die wur­de zum Bei­spiel fest­ge­stellt, dass die Teil­neh­mer bei einem rei­nen Sprach­an­ruf eini­ge Infor­ma­tio­nen genau­er über­mit­tel­ten als bei einem Video­an­ruf. Es gibt auch Fäl­le, in denen der Ver­zicht auf Kom­mu­ni­ka­ti­on am bes­ten funk­tio­niert. Ein kürz­lich durch­ge­führ­tes Expe­ri­ment ergab, dass Teams, die ein Puz­zle still­schwei­gend gemein­sam lös­ten, dazu neig­ten, die­je­ni­gen zu über­tref­fen, die wäh­rend der Arbeit spra­chen. Manch­mal ist es am bes­ten, ein­fach die Stil­le zu akzep­tie­ren.

André Spicer. Abbildung: Marc Schlossman

Abbil­dung: Marc Schloss­man

André Spicer,

Pro­fes­sor für Orga­ni­sa­ti­ons­ver­hal­ten,
Cass Busi­ness School,
Uni­ver­si­ty of Lon­don.
cass.city.ac.uk

 

 

Die­ser Bei­trag wur­de zuerst auf The Con­ver­sa­ti­on (theconversation.com) ver­öf­fent­licht.