Pro­fes­sor Mark Rea vom Ligh­t­ing Rese­arch Cen­ter in New York erforscht die bio­rhyth­mi­schen und psy­cho­lo­gi­schen Wir­kun­gen von Licht auf den Men­schen. Wir haben ihn nach Schluss­fol­ge­run­gen für den Büro­be­reich befragt.

Mark Rea, Ph. D., Pro­fes­sor für Archi­tek­tur und Kogni­ti­ons­wis­sen­schaft, Rens­sela­er Poly­tech­nic Insti­tu­te, Ligh­t­ing Rese­arch Cener (LRC).

OFFICE ROXX: Wie lautet die Formel für gute Bürobeleuchtung?

Mark Rea: Aus­ge­wo­gen­heit zwi­schen meh­re­ren Design­zie­len – Ästhe­tik, Kos­ten, Ener­gie­kenn­zah­len, Zuver­läs­sig­keit und ein­fa­che Kon­trol­le – und die Steue­rung von beglei­ten­den Aspek­ten wie Fla­ckern, Farb­wie­der­ga­be, zir­ka­dia­ne Regu­lie­rung und Wach­sam­keit. Die­se Neben­as­pek­te gewin­nen bei den Kun­den an Bedeu­tung und der Umgang mit ihnen erfor­dert ein aus­ge­feil­tes Ver­ständ­nis von visu­el­len und nicht-visu­el­len Wir­kun­gen von Licht und damit eine hohe Desi­gnagi­li­tät. Die Her­aus­for­de­rung für Desi­gner heu­te besteht dar­in, zu wis­sen, was wirk­lich wich­tig ist, im Gegen­satz zu dem, was ein Hype und unwich­tig ist. Das Lesen, gefolgt von einer offe­nen Dis­kus­si­on zwi­schen allen Betei­lig­ten, ist für die Ent­wick­lung die­ses dif­fe­ren­zier­ten Ver­ständ­nis­ses uner­läss­lich.

Kann Bürobeleuchtung die Produktivität der Büroangestellten steigern? Und wenn ja, wie?

Ja – mach das Licht an, wir sehen es, mach es aus, wir sehen es nicht! In die­sem Fall wirkt sich die Beleuch­tung direkt auf die Pro­duk­ti­vi­tät aus.  Meis­tens beein­flusst die Beleuch­tung die Pro­duk­ti­vi­tät jedoch indi­rekt. Dunk­le Raum­be­leuch­tung kann die Sicht­bar­keit von Flach­bild­schir­men ver­bes­sern und trägt so zur Pro­duk­ti­vi­tät bei. Dämm­ri­ges Licht wäh­rend des Tages erzeugt aber auch Schläf­rig­keit und scha­det der Pro­duk­ti­vi­tät. Gene­rell müs­sen wir ver­ste­hen, dass die nicht-visu­el­len Effek­te von Beleuch­tung, die Syn­chro­ni­sa­ti­on mit der inne­ren Uhr und Wach­sam­keit indi­rekt die Fähig­keit einer Per­son beein­flus­sen, zuver­läs­sig zu arbei­ten. Ganz ein­fach: Wir alle brau­chen tags­über hel­les Licht und nachts dämm­ri­ges Licht, um die­se nicht-visu­el­len Reak­tio­nen zu unter­stüt­zen, was wie­der­um unse­re Pro­duk­ti­vi­tät beein­träch­ti­gen kann. Natür­lich soll­te dies ohne Blen­dung oder Beein­träch­ti­gung der Sicht erfol­gen.

Im Hinblick auf Human Centric Lighting wird oft von blauem Licht gesprochen. Ist es sinnvoll, sich so stark auf das Thema blaues Licht zu konzentrieren?

Ja, kurz­wel­li­ges (auch blau­es) Licht ist sehr wich­tig für visu­el­le und nicht-visu­el­le Reak­tio­nen auf unse­re Licht­um­ge­bung. Farb­se­hen, Hel­lig­keits­wahr­neh­mung und zir­ka­dia­ne Regu­lie­rung hän­gen alle von kur­zen Wel­len­län­gen ab. Aber unse­re Beleuch­tungs­stan­dards und -emp­feh­lun­gen benach­tei­li­gen sys­te­ma­tisch Beleuch­tungs­sys­te­me, die kur­ze Wel­len­län­gen bie­ten. Die pho­to­pi­sche Licht­aus­beu­te­funk­ti­on [V(λ)], die allen Beleuch­tungs­emp­feh­lun­gen und Licht­aus­beu­te-Stan­dards zugrun­de liegt, basiert auf nur zwei der drei Zap­fen-Licht­re­zep­to­ren – der drit­te, kurz­wel­li­ge, emp­find­li­che Zap­fen wird völ­lig igno­riert. Auch hier hängt fast alles, was wir mit „guter“ Beleuch­tung errei­chen wol­len, von der Bereit­stel­lung eines kom­plet­ten Licht­spek­trums ab. Als Bran­che soll­ten wir auf­hö­ren, uns aus­schließ­lich auf das spek­tral ver­zerr­te V(λ) zu ver­las­sen.

Wie wichtig ist es angesichts des zirkadianen Rhythmus der Büroangestellten, nicht nur die Bürobeleuchtung, sondern auch das Licht von Displays zu berücksichtigen?

Stö­run­gen des zir­ka­dia­nen Rhyth­mus kön­nen zu aku­ten und chro­ni­schen Erkran­kun­gen wie schlech­tem Schlaf oder Brust­krebs füh­ren. Das zir­ka­dia­ne Entrain­ment hängt von der hel­len Licht­ein­wir­kung am Tag und dem dämm­ri­gen Licht oder der Dun­kel­heit bei Nacht ab, d. h. von einem robus­ten 24-Stun­den-Zyklus von Licht und Dun­kel­heit. Elek­tri­sche Beleuch­tung und selbst­leuch­ten­de Dis­plays in Büros und Woh­nun­gen ver­fla­chen die Ampli­tu­de die­ses natür­li­chen, robus­ten Hell-Dun­kel-Zyklus, was die zir­ka­dia­ne Syn­chro­ni­sa­ti­on erschwert. Der bes­te Rat­schlag ist, tags­über jeden Tag nach drau­ßen zu gehen und das iPad lan­ge vor dem Schla­fen­ge­hen aus­zu­schal­ten.

Und wer dazu nicht fähig ist?

Für die­je­ni­gen von uns, die die­sem ein­fa­chen Rezept nicht fol­gen kön­nen, ist sicher­zu­stel­len, dass der Tages­ar­beits­platz für min­des­tens zwei Stun­den hohe Licht­wer­te am Auge (nicht an der Arbeits­flä­che) – 300 bis 400 Lux am Auge – bie­tet. Die­se Licht­wer­te sind höher als bei den meis­ten selbst­leuch­ten­den Dis­plays und oft höher als bei Decken­leuch­ten allein – für ein gutes Design kann es not­wen­dig sein, eine sepa­ra­te Licht­schicht am Arbeits­platz zu defi­nie­ren, die die­se rela­tiv hohen Licht­wer­te am Auge lie­fert.  Und natür­lich nachts soll­te man dem iPad fern­blei­ben.

Vie­len Dank für das Gespräch