Gut organ­isiert läuft vieles leichter. Nicht nur im Büro, find­et Dr. Alexan­dra Hilde­brandt. Dieses Mal erläutert sie, wie Zettel helfen kön­nen, die Ord­nung, Struk­tur und Kreativ­ität während des Arbeit­stags zu fördern.

Sortieren statt resignieren: Zettel gegen das äußere Chaos

Mit kleinen Zetteln lassen sich Arbeitss­chritte ein­teilen und organ­isieren. Foto: Pix­abay

Sortieren statt resignieren: Zettel gegen das äußere Chaos

Zu viele Zettel führen allerd­ings sehr schnell in organ­isatorisches Chaos. Foto: Pix­abay

Dem Chaos und der Unord­nung der Welt haben die Klu­gen schon immer eine eigene Logik ent­ge­genge­set­zt, die sie selb­st geschaf­fen haben: durch auswählen, sam­meln, zer­legen und neu zusam­men­fü­gen. Zahlre­iche Stu­di­en ver­weisen darauf, dass in unüber­sichtlichen und unsicheren Zeit­en für die Gen­er­a­tion Z (zwis­chen 1995 und 2010 geboren) die Konzen­tra­tion auf das Kleine und Mach­bare ein wichtiger Aspekt ihres Wertesys­tems ist. Viele junge Men­schen haben sog­ar den Beruf­swun­sch, Beamte zu wer­den. Das hat nicht nur mit dem Bedürf­nis nach Sicher­heit in ein­er kom­plex­er wer­den­den Wirk­lichkeit zu tun, son­dern auch mit der Sehn­sucht nach Über­sicht, Fokussierung und Aufgeräumtheit.

Vom Sortieren zum Zettelkasten

Es ist sich­er kein Zufall, dass der Sozi­ologe, Gesellschaft­s­the­o­retik­er und Ver­wal­tungsjurist Niklas Luh­mann (1927–1998) noch immer ein viel­ge­le­sen­er Autor ist. Auch junge Men­schen sind von ihm fasziniert und set­zten ihm in einem Comicbuch buch­stäblich sog­ar ein Denk-Mal. Luh­mann war ein sam­mel­nder Denker und denk­ender Samm­ler. Er begann in den 1950er Jahren einen Zettelka­s­ten aufzubauen, der zu einem ras­ant anwach­senden, dynamis­chen Kat­a­log mit einem Reg­is­ter wurde. Mith­il­fe manövrier­bar­er Zettel set­zte er unter­schiedliche Begriffe, The­o­rien und his­torische Doku­mente in Beziehung, ver­schob sie und arrang­ierte sie wieder neu. Am Ende umfasste der Kas­ten ins­ge­samt 90.000 Zettel.

Das zweite Gedächtnis

Klares Denken und Schreiben brauchen Struk­tur und Präzi­sion. Deshalb ist der Zettel für viele Men­schen auch im Dig­i­tal­isierungszeital­ter unverzicht­bar. Luh­manns Zettelka­s­ten („Zweitgedächt­nis”) über­raschte ihn immer wieder und brachte ihn auf neue Ideen. Was Luh­mann mod­ern und anziehend für die junge Gen­er­a­tion macht, ist sein Denken in Alter­na­tiv­en und Möglichkeit­en – und seine Erken­nt­nis, dass wir im Kom­plex­ität­szeital­ter über­raschende Struk­turverän­derun­gen verkraften müssen, die durch Zufälle aus­gelöst sind.

Ein weiterer Zettel-Schriftsteller

Ein Autor der Zettelkästen und Pio­nier des Com­put­ers war auch Wal­ter Kem­pows­ki (1929–2007). Über sein Zettel-Imperi­um schrieb Sabine Wolf, Lei­t­erin des Lit­er­at­u­rar­chivs in der Berlin­er Akademie der Kün­ste, ver­schiedene Beiträge. Sie beschäftigt sich darin unter anderem mit dem Zettelka­s­ten als Urform des Archivs: So verkün­dete Kem­pows­ki bere­its als Zehn­jähriger, dass er „Archiv” wer­den will. Damit ver­bun­den war der Wun­sch, Dinge zu erschließen, zu struk­turi­eren, zu bewahren und anderen zugänglich zu machen. Sabine Wolf ver­weist darauf, dass er schon als Schüler Lek­türelis­ten führte und Kinofilme auf Karteikarten verze­ich­nete.

Seine Verzettelungsmeth­o­d­en entwick­elte er stetig weit­er, indem er Tran­skrip­tio­nen von Ton­band­in­ter­views in Par­tikel zer­legte, einzelne Erzählpas­sagen auf Stich­wortzettel notierte und diese nach bes­timmten Schw­er­punk­ten in Karteikästen zusam­men­stellte. Auf diese Weise wurde die Vielfalt des Lebens in über­sichtliche For­men gebracht, neu struk­turi­ert und arrang­iert: Gerüst und Inspi­ra­tionsquelle zugle­ich. Er hin­ter­ließ Tausende von Karteikarten. Sabine Wolf betont die Absicht des Schrift­stellers, damit die Facetten der deutschen Geschichte des 20. Jahrhun­derts bess­er ver­ständlich machen zu wollen „und daraus — wom­öglich — zu ler­nen”.

Nachhaltige Nebensächlichkeiten

Büro­ma­te­ri­alien haben Wal­ter Kem­pows­ki schon immer fasziniert: „Ein sauber ange­spitzter Bleis­tift, ein Füllfeder­hal­ter mit gold­en­er Fed­er, Ord­ner, Notizbüch­er jed­er Art und Karteien.” Dafür begeis­tert sich auch die Clau­dia Sil­ber, Lei­t­erin Unternehmen­skom­mu­nika­tion bei der memo AG. Sie beze­ich­net sich selb­st als einen Men­schen, der Unter­la­gen zu erledigten Pro­jek­ten immer sofort ablegt „und zwar so, dass diese auch danach wieder auffind­bar sind. Unter­la­gen zu laufend­en Pro­jek­ten oder Doku­mente, auf die ich laufend Zugriff haben muss, sind bei mir nach The­ma abgelegt und zwar in zwei Ablage- und Sortier­box­en aus Holz.”

Das Kleine und Unschein­bare ist ihrer Ansicht nach nicht zu unter­schätzen im großen Chaos der Welt: „Selb­st mit Büroklam­mern lässt sich eine Brücke zum The­ma Ord­nung schla­gen – auch diese kleinen Dinge sor­gen dafür, etwas zusam­men­zuhal­ten und einzuord­nen.” Wer es nach­haltig mag, kann sie auch in run­der oder eck­iger Aus­führung aus FSC-zer­ti­fiziertem Holz kaufen. Das schein­bar Neben­säch­liche wird im Zeital­ter der Dig­i­tal­isierung beson­ders geschätzt, weil die Welt dadurch wieder greif­bar wird.

Lit­er­atur:

Clau­dia Silber/Alexandra Hilde­brandt: „Von Lebens­din­gen: Eine ver­ant­wor­tungsvolle Auswahl”, Ama­zon Media EU S.à r.l., Kin­dle Edi­tion.

Julian Müller/Ansgar Lorenz: „Niklas Luh­mann. Philoso­phie für Ein­steiger”, Wil­helm Fink Ver­lag, Pader­born, 2016.

Sabine Wolf: „Karteien sind auch nicht zu ver­acht­en. Wal­ter Kem­powskis ‚Zettel-Imperi­um’”. In: Heike Gfrereis/Ellen Strittmach­er (Hg.): „Zettelkästen. Maschi­nen der Phan­tasie”, Mar­bach­er Kat­a­log 66, Mar­bach am Neckar 2013, S. 77–83.

Sabine Wolf: „Auf­brüche in die Mod­erne”. In: Wolf­gang Trautwein/Julia Bern­hard (im Auf­trag der Akademie der Kün­ste): „Das Archiv der Akademie der Kün­ste”, Berlin 2013, S. 99–108.

Dr. Alexan­dra Hilde­brandt, Pub­lizistin, Wirtschaft­spsy­cholo­gin  und Nach­haltigkeit­sex­per­tin.

Twit­ter: @AHildebrandt70

Foto: Stef­fi Henn