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Zettel und Geist: Zur Geschichte des Notierens

In sei­nem Buch „Notiz­zet­tel“ geht der Medi­en­wis­sen­schaft­ler Hek­tor Haar­köt­ter der Pra­xis des Notie­rens auf den Grund. Dabei erkun­det er die Struk­tu­ren unse­res Den­kens. Von Paul Sviha­lek.

Hektor Haarkötter: „Notizzettel: Denken und Schreiben im 21. Jahrhundert“, 592 Seiten, S. Fischer, 28 €.

Hek­tor Haar­köt­ter: „Notiz­zet­tel: Den­ken und Schrei­ben im 21. Jahr­hun­dert“, 592 Sei­ten, S. Fischer, 28 €.

Auch im Zeit­al­ter von Smart­pho­ne und Cloud sieht man an vie­len Moni­to­ren noch Notiz­zet­tel kle­ben. Ihre Ver­fas­ser befin­den sich damit in bes­ter Gesell­schaft. Mit nie­mand Gerin­ge­rem als Leo­nar­do da Vin­ci ist der Notiz­zet­tel zum Bei­spiel in die Welt gekom­men. So sieht es zumin­dest der Medi­en­wis­sen­schaft­ler Hek­tor Haar­köt­ter. Das Renais­sance-Genie da Vin­ci hin­ter­ließ ein Kon­vo­lut von über 10.000 hand­ge­schrie­be­nen Zet­teln. Da Vin­cis Geburt fällt wie die Ent­ste­hung des Notiz­zet­tels mit der Erfin­dung des Buch­drucks zusam­men. Wie Haar­köt­ter in sei­nem neu­en Buch dar­legt, macht es erst ab die­sem Zeit­punkt Sinn, das Hand­ge­schrie­be­ne als pri­va­tes Pro­to­me­di­um von gedruck­ten, für die Öffent­lich­keit bestimm­ten Medi­en zu unterscheiden.

Schreiben ohne Empfänger

Neben da Vin­ci ist es vor allem die Notiz­pra­xis des 500 Jah­re spä­ter leben­den Sprach­phi­lo­so­phen Lud­wig Witt­gen­stein, dem der Buch­au­tor sich wid­met. 30.000 Zet­tel bil­den den Nach­lass die­ser Geis­tes­grö­ße. Eine Gemein­sam­keit ver­bin­det Witt­gen­stein und da Vin­ci: Sie ver­schlüs­seln vie­le ihrer Auf­zeich­nun­gen. Haar­köt­ter sieht dies als gestei­ger­ten Aus­druck dafür, dass Zet­tel und Notiz­bü­cher stets pri­va­te Medi­en in einer pri­va­ten Spra­che sind. Einer Codie­rung bedür­fe es dafür aber gar nicht. Er nennt dies Kom­mu­ni­kant ohne Kom­mu­ni­kat: Indem ich notie­re, erzeu­ge ich etwas, was aus­sieht wie ein Stück­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on. Es kom­mu­ni­ziert jedoch mit niemandem.

Strukturen des Denkens

Statt­des­sen ist die Funk­ti­on der Zet­tel eine ande­re. Beim hand­schrift­li­chen Notie­ren ist unser Den­ken ganz bei sich. Denn die­ses funk­tio­niert eben­falls über­ein­an­der­ge­schich­tet, ver­schränkt und unab­ge­schlos­sen. Der Zet­tel ist daher das ide­al­ty­pi­sche Medi­um für unse­ren Geist. Durch Noti­zen wird unser Denkap­pa­rat exter­na­li­siert und erwei­tert. So kön­nen wir mit Abstand und neu­er Per­spek­ti­ve auf unse­re Gedan­ken bli­cken. Erstaun­lich ist, dass Noti­zen laut Haar­köt­ter weni­ger dem Erin­nern die­nen als viel­mehr dem Ver­ges­sen. Indem sie geis­ti­gen Raum für neue Res­sour­cen schaf­fen, för­dern sie unse­re Krea­ti­vi­tät. Sie die­nen dem schöp­fe­ri­schen Cha­os und sogar einem kon­struk­ti­ven Ver­lust des Überblicks.

Hier fin­det sich die viel­leicht ein­zi­ge Schwä­che von Haar­köt­ters bemer­kens­wer­tem Buch: Der Autor scheint der Unord­nung und dem Ver­lust des Über­blicks etwas zu posi­tiv gegen­über ein­ge­stellt zu sein. Da Vin­ci hat auf­grund die­ser Umstän­de nie sein Vor­ha­ben ver­wirk­li­chen kön­nen, ein Buch zu rea­li­sie­ren. Witt­gen­steins stets neu über­schich­ten­des Notie­ren sei Ursa­che dafür gewe­sen, dass die­ser nach sei­nem 60-sei­ti­gen-Trak­tat nichts mehr ver­öf­fent­lich­te. Die Risi­ken des „Ver­zet­telns“ wir­ken bei Haar­köt­ter etwas ver­harm­lost. Man wünsch­te, er hät­te die Vor­zü­ge eines aus­ge­wo­ge­nen Ver­hält­nis­ses zwi­schen über­la­ger­tem und linea­rem Schrei­ben, offe­ner und abge­schlos­se­ner Form beleuch­tet. Denn in der Lage zu sein, die eige­nen Noti­zen zu einem abge­schlos­se­nen Werk zusam­men­zu­füh­ren, wie es ihm selbst mit sei­nem 592-sei­ti­gen Buch gran­di­os gelun­gen ist, kann letzt­lich nur von Vor­teil sein.

Notiz und Netz

Wie ver­hält es sich nun mit der Notiz im digi­ta­len Zeit­al­ter? Das Inter­net mit sei­ner Hyper­text­struk­tur sieht Haar­köt­ter zwar als gigan­ti­sche Ska­lie­rung eines Zet­tel­kas­tens, dem digi­ta­len Notie­ren steht er jedoch recht skep­tisch gegen­über. So wer­de gegen­wär­tig mehr denn je auf Zet­tel und in Hef­te gekrit­zelt, weil wir die Ver­fü­gung über unser Inners­tes nicht ans Sili­con Val­ley abge­ben wol­len. Zudem brau­che der Zet­tel kei­ne Steck­do­se, er sei immer les­bar und sei­ne Zukunft damit gesi­chert. Soll­te es ihm doch mal an den Kra­gen gehen, dann nur, weil ein wei­te­rer Vor­teil des Medi­ums zum Tra­gen kom­me: Hand­ge­schrie­be­nes las­se sich ohne Daten­spu­ren ver­nich­ten. So habe etwa Face­book-Chef Mark Zucker­berg sei­ne Plä­ne in zahl­rei­che Notiz­bü­cher notiert. Im Zuge eines Gerichts­ver­fah­rens warf er sie dann ein­fach ins Feuer.

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