Teil 1: Sei­ne Ent­ste­hung

Auch wenn heu­te manch einer sein Smart­pho­ne für ein kom­plet­tes Büro hält, ohne Tisch ist gute Büro­ar­beit nicht vor­stell­bar. Der His­to­ri­ker und Buch­au­tor Hajo Eick­hoff erzählt die Kul­tur­ge­schich­te die­ses Möbels.

Der Kai­ser­thron von Karl dem Gro­ßen im Aache­ner Dom. Foto: Heri­bert Pohl/Wikimedia Com­mons

Christ­li­cher Altar. Foto: Gun­nar Bach Pedersen/Wikimedia Com­mons

Ohne den Tisch gäbe es kei­ne moder­ne Welt. Wie soll­te der Mensch arbei­ten und wie spei­sen? Wie sähen Schu­len und Cafés aus? Und gäbe es Flug­zeu­ge und Büros? Wie hät­te sich der Mensch dis­zi­pli­niert und wel­che Hal­tung näh­me er vor dem Com­pu­ter – den es gar nicht geben wür­de – ein?

Tische sind Möbel. Ihr Wesen ist eine waa­ge­rech­te, durch ein Gestell vom Boden abge­ho­be­ne Ebe­ne. Der Mensch hat vier Möbel erfun­den: Tisch, Schrank, Stuhl und Bett. Möbel sind Varia­tio­nen der Hori­zon­ta­len, die sich durch ihre Grö­ße und ihre Distanz zum Erd­bo­den unter­schei­den. Die kul­ti­vie­ren­de Kraft der Möbel liegt in ihrer Wir­kung auf Mus­keln und Sin­nes­or­ga­ne, die das Emp­fin­den, Den­ken und Ver­hal­ten prä­gen. Etap­pen vom Erd­bo­den zum heu­ti­gen Tisch sind Fell, Tep­pich, Tablett und nie­de­rer Tisch.

Die Geburt des Tisches

Zu Jägern und Samm­lern pas­sen kei­ne Tische. Da sie stän­dig zu Fuß unter­wegs sind, beginnt die Geschich­te des Tisches erst mit der Sess­haft­wer­dung und der Erfin­dung des Hau­ses. Ent­stan­den ist der Tisch zusam­men mit dem Stuhl aus dem Opfer­stein, auf dem Men­schen zum Zweck der Besänf­ti­gung der Göt­ter getö­tet wur­den. Mit der Idee, anstel­le eines Men­schen ein Tier zu töten, zer­fällt der Opfer­stein in die bei­den Ele­men­te Altar (Opfer­tisch) und Thron (Opfer­stuhl). Der Tisch wird die Basis für das Tier, der Thron das Gestell für einen Men­schen, der zwar ver­schont und mit Macht aus­ge­stat­tet, aber gewalt­sam gesetzt wird. Im Ver­lauf ihrer Geschich­te haben sich Altar und Thron unab­hän­gig von­ein­an­der ent­wi­ckelt, doch um 1500 wur­den sie in Euro­pa zu Tisch und Stuhl umge­stal­tet und zu einer kom­pak­ten Dis­zi­pli­nie­rungs-Ein­heit ver­bun­den.

Das grie­chi­sche Thea­ter

Im All­tags­le­ben der Anti­ke spie­len Tische eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le. Sie sind ledig­lich Objek­te für beson­de­re Anläs­se. Das Wort Tisch lei­tet sich vom grie­chi­schen Wort dis­kos ab, weil Tische bei den Grie­chen rund wie eine Wurf­schei­be waren.

Das grie­chi­sche Thea­ter ist ein Fest zu Ehren des Got­tes Dio­ny­sos. Im Zen­trum der Büh­ne steht der Dio­ny­sos-Altar – die Thy­me­le. Auf die­sen setzt sich ein Schau­spie­ler und bie­tet sich als Opfer dar. In der Thy­me­le sind Tisch, Stuhl und Altar ver­eint.

Der Tisch der Chris­ten

Die Chris­ten set­zen den Opfer­brauch fort. Beim lie­gen­den Spei­sen an nie­de­ren Tischen nut­zen sie die Zusam­men­künf­te als Dan­kes­fest (Eucha­ris­tie) und als Fest der Lie­be (Aga­pe). Immer wie­der wird das Spei­sen durch das Vor­le­sen hei­li­ger Tex­te und das Seg­nen der Spei­sen durch die Ältes­ten unter­bro­chen, die sich nach und nach von den Jün­ge­ren und den Frau­en abset­zen, bis sie die Zusam­men­künf­te auf den Sonntagmor­gen ver­le­gen und Aga­pe und Eucha­ris­tie getrennt zele­brie­ren. Damit heben sie die Ein­heit des gemein­sa­men abend­li­chen Spei­sens auf, wenn auch der Name Abend­mahl für den mor­gend­li­chen Got­tes­dienst bei­be­hal­ten wird. Die Distanz von Kle­rus und Lai­en offen­bart sich in den frü­hen Kir­chen durch die enor­me Län­ge des Mit­tel­schif­fes, das einen Pro­zes­si­ons­weg hin zum Tisch eröff­net. Der Opfer­tisch über­brückt die extre­me Span­ne zwi­schen Gemein­de und Kle­rus und macht den Tisch (Altar) zur kul­ti­schen Mit­te der Chris­ten­heit.

Auch Mythen und das könig­li­che Hof­le­ben set­zen die Funk­ti­on des Tisches als Basis für die Opfer­ga­ben fort. In der Artus­sa­ge ver­sam­melt der run­de Tisch die Rit­ter, bei Fest­ta­gen am Hof ver­sam­meln recht­ecki­ge Tische die Adli­gen. Der König sitzt am Kopf­en­de oder in der Mit­te der Längs­sei­te. Die Rän­ge nah­men zu bei­den Sei­ten ab. Die Instanz, die für ei­nen geord­ne­ten Ablauf an der vor­neh­men Speiseta­fel sorgt – das Zuwei­sen der Plät­ze und das Kre­den­zen der Spei­sen und Geträn­ke – ist der Truch­sess, des­sen Arbeit ein Höchst­maß an Ein­füh­lung er­fordert, da die Plät­ze dem Rang der Per­so­nen zuge­ord­net sind.

In mit­tel­al­ter­li­chen Häu­sern gibt es kei­ne Tische. Nur die aus zwei Holz­bö­cken und einer Tür bestehen­de Tafel, die rasch auf­ge­stellt und nach dem Spei­sen wie­der auf­ge­ho­ben wird.