Ein Gespräch über die Hand- und Unter­schrift

Stirbt das Schrei­ben von Hand aus? Was sagt eine Unter­schrift über mich aus? Die­se und wei­te­re Fra­gen stell­ten wir Susan­ne Doren­dorff vom Euro­päi­schen Insti­tut für Hand­schrift und Phi­lo­gra­phie.

Susan­ne Doren­dorff ist Crea­ti­ve Direc­tor, Dozen­tin und Phi­lo­gra­phin, Euro­päi­sches Insti­tut für Hand­schrift und Phi­lo­gra­phie. www.europhi.de

„Die Hand­schrift wird nie­mals aus­ster­ben“, ist sich Susan­ne Doren­dorff sicher. Foto: Ste­fa­nie Salzer-Deckert/pixelio.de

Feder oder teu­rer Füll­fe­der­hal­ter – das Schreib­ge­rät allein macht kei­ne bes­se­re Schrift und kei­ne cha­ris­ma­ti­sche Unter­schrift, sagt die Phi­lo­gra­phin Doren­dorff. Foto: Rai­ner Sturm/pixelio.de

OFFICE ROXX: Frau Doren­dorff, Sie sind Phi­lo­gra­phin. Was dür­fen wir uns dar­un­ter vor­stel­len?
Susan­ne Doren­dorff: Mei­ne Pro­fes­si­on ist die inter­kul­tu­rel­le Bewe­gungs­tech­nik Schrei­ben. Es liegt in der Natur der Sache, dass Hand­schrift eine eigen­stän­di­ge Kate­go­rie ist, die weder zur Typo- noch zur Kal­li­gra­fie gehört. Schrei­ben bringt die exklu­sivs­te Schrift­art der Welt her­vor: die Hand­schrift. Die Schrift der Hand ist das authen­tisch-spon­ta­ne Ergeb­nis des Denk­pro­zes­ses. Sie ist die gra­fi­sche Lebens­spur des Men­schen. Hand­schrift ist die ein­zi­ge Schrift in Bewe­gung. Der Fach­be­griff für Hand­schrift lau­tet „Phi­lo­gra­phie“ (Phi­lo: die Lie­be zum … – gra­phie: schrei­ben) – davon abge­lei­tet ist mei­ne Berufs­be­zeich­nung Phi­lo­gra­phin die logi­sche Fol­ge.

Wel­che Rol­le spie­len der Akt des Unter­schrei­bens und die Unter­schrift im Geschäfts­le­ben?
Die Unter­schrift hat hohes, sug­ges­ti­ves Macht­po­ten­zi­al, das Sou­ve­rä­ni­tät und Klas­se demons­trie­ren kann. Wer sich jedoch mit sei­ner Unter­schrift nicht hun­dert­pro­zen­tig iden­ti­fi­ziert, emp­fin­det ein Per­sön­lich­keits­de­fi­zit. Die­ses schlägt sich als „ver­un­si­cher­te Schreib­tech­nik“ nie­der. Ent­spre­chend schwach fällt die Wir­kung der Unter­schrift aus.

Was sagt eine Unter­schrift über eine Per­son aus? Gibt es die per­fek­te Unter­schrift oder soll­te sie ein­fach zum jewei­li­gen Cha­rak­ter pas­sen?
So ein­fach ist es nicht. Denn wer beur­teilt, ob eine Unter­schrift „passt“ oder nicht? Im Gegen­satz zur sino­ja­pa­ni­schen Kul­tur wird bei uns in der Schu­le nicht gelehrt, wie man von Anfang an eine selbst­be­wuss­te Schreib­tech­nik ent­wi­ckeln kann. Des­halb darf es nie­mand wun­dern, dass selbst deut­sche Füh­rungs­kräf­te ver­un­si­chert sind, wenn sie in Kon­fe­ren­zen Japa­nern, Indern und Chi­ne­sen gegen­über­sit­zen. Deren Schreib­kul­tur ist ja bekannt­lich die anspruchs­volls­te der Welt. Eine Unter­schrift ist dann per­fekt, wenn der Schrei­ben­de sich mit ihr wohl­fühlt. Je nach Natu­rell und beruf­li­cher Posi­ti­on des Eig­ners soll­te sie dyna­misch, raum­grei­fend und mar­kant sein oder eher hei­ter und leicht – aber immer cha­ris­ma­tisch. Das lässt sich unter mei­ner Anlei­tung trai­nie­ren. Über den per­sön­li­chen Cha­rak­ter des Men­schen sagt die Hand­schrift defi­ni­tiv nichts aus. Da kann ich alle Schrei­ber beru­hi­gen.

Sie spra­chen es eben an: Sie geben Nach­hil­fe in Sachen Unter­schrift. Wer gehört zu Ihren Kun­den?
Ich gebe kei­ne Nach­hil­fe. Denn das wür­de ja bedeu­ten, dass mei­ne Kli­en­ten in der Schu­le nicht auf­ge­passt hät­ten. Das Gegen­teil ist der Fall. Sie trau­en sich nicht, weil es ihnen nicht erklärt wur­de. Es fühl­te sich nie­mand zustän­dig. Das Ver­sa­gen liegt hier also ein­deu­tig bei der Schul­po­li­tik. Zu mei­nen Kli­en­ten gehö­ren Füh­rungs­kräf­te aller Bran­chen: Poli­ti­ker, Juris­ten, Mana­ger, Immo­bi­li­en­agen­ten und ande­re Men­schen, die viel schrei­ben. Sie erzäh­len mir oft, wie ver­let­zend und dis­kri­mi­nie­rend sie es emp­fin­den, dass ihnen ein wesent­li­cher Teil ihrer Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung vor­ent­hal­ten wur­de, den sie nun nach­jus­tie­ren müs­sen.

Von der Unter- zur Hand­schrift. In man­chen Län­dern wird bereits dar­über dis­ku­tiert, in der Schu­le das hand­schrift­li­che Schrei­ben durch Tablet und Co. zu erset­zen. Was hal­ten Sie davon?
Wer genau hin­schaut, erkennt in die­sen Kam­pa­gnen die kom­mer­zi­el­le Hand­schrift der Com­pu­ter-Com­mu­ni­ty. Natür­lich sind auch Schu­len gewis­sen wirt­schaft­li­chen Inter­es­sen aus­ge­lie­fert. Wenn Micro­soft & Co. Kin­der­gär­ten und Grund­schu­len mit PCs aus­stat­ten, geschieht dies ja nicht aus Nächs­ten­lie­be! Übri­gens: Seit vie­len Jah­ren wird auch auf Tablets mit der eige­nen Hand­schrift geschrie­ben – und war­um? Weil die Hand­schrift die schnells­te Schreib­tech­nik ist.

Wird die Hand­schrift frü­her oder spä­ter aus­ster­ben oder wird sie in Zei­ten der zuneh­men­den Digi­ta­li­sie­rung sogar wich­ti­ger?
„Es gibt Wich­ti­ge­res, als Kin­dern Schrei­ben bei­zu­brin­gen!“ lau­tet seit 1969 die offi­zi­el­le Begrün­dung für redu­zier­ten Deutsch­un­ter­richt. Mit Digi­ta­li­sie­rung hat das nichts zu tun. Das Her­bei­re­den des Hand­schrift-Aus­ster­bens hat ande­re Grün­de. Es klappt aber nicht. Weil Eltern dar­auf bestehen, dass ihre Kin­der des Schrei­bens mäch­tig sind. So ist das Schrei­ben – nach dem Mot­to: „Schreibst du schon – oder druckst du noch?“ – inzwi­schen zu einem Bil­dungs-Sta­tus­sym­bol mutiert.

Die Hand­schrift wird nie­mals aus­ster­ben. Denn zum schnel­len Notie­ren mit der Hand benö­tigt man nur Stift und Papier. Mehr nicht. Kei­nen Akku, kei­ne Steck­do­se und auch kei­ne „nach­wach­sen­de“ Ener­gie irgend­wel­cher Art. Selbst wenn es Com­pu­ter gibt, die das „Schreib-Den­ken“ mani­pu­lie­ren kön­nen, wird sich immer die archai­sche Kraft intel­li­gen­ter Men­schen durch­set­zen. Sie brach­te vor 500 Jah­ren die schnel­le Ste­no­gra­fie und die „Schrift der Gelehr­ten“ – die Schreib­schrift – her­vor. Sie hat das Digi­ta­li­sie­ren nicht erfun­den, um sich selbst intel­lek­tu­ell zu „ent­ker­nen“. Der Chip im Gehirn mag eine Idee aus Sili­con Val­ley sein. In der Rea­li­tät ist sie welt­fremd.

Schrei­ben Män­ner und Frau­en ver­schie­den? Falls ja, was sagt das aus?
Die Hand­schrif­ten von Jun­gen und Mäd­chen unter­schei­den sich nach der Puber­tät nicht mehr so von­ein­an­der, dass sie sich mit Sicher­heit gen­der­mä­ßig typi­sie­ren lie­ßen.

Gehört zu einer aus­sa­ge­kräf­ti­gen Hand­schrift ein hoch­wer­ti­ges Schreib­ge­rät?
Wer gern schreibt, legt Wert auf anspruchs­vol­le Schreib­uten­si­li­en. Denn das per­fek­te Schreib­ge­rät sti­mu­liert das Selbst­wert­ge­fühl und damit den Aus­druck der Hand­schrift. Dies alles aber nur, wenn der Schrei­ben­de sich mit sei­ner Hand­schrift iden­ti­fi­ziert. Das Schreib­ge­rät allein macht kei­ne bes­se­re Schrift und kei­ne cha­ris­ma­ti­sche Unter­schrift. Dar­um kann die per­sön­li­che Bera­tung durch mich unter Umstän­den erfolgs­ent­schei­dend sein.

Vie­len Dank für das Gespräch.

Die Fra­gen stell­te Chris­toph Schnei­der.