Macht künstliche Intelligenz (KI) die Menschen überflüssig? Nein, sagt Barbara Liebermeister, Leiterin des Instituts für Führungskultur im digitalen Zeitalter (IFIDZ) in Wiesbaden. Sie nennt elf Gründe, warum der Mensch in der Arbeitswelt auch zukünftig wichtig bleiben wird.

Wir sind kreativ, suchen nach Erkenntnis und entscheiden frei – der Mensch hat der KI einiges voraus. Abbildung: Vitaly Gariev, Unsplash
Wenn KI immer mehr (Teil-)Aufgaben übernimmt, stellt sich die Frage: Welche Funktion haben wir Menschen – mittel- und langfristig – eigentlich noch im Zusammenleben und in der Arbeitswelt?
Welche Aufgaben bleiben für uns? Die Antwort lautet: eine ganze Menge. Denn das, was uns als Menschen auszeichnet, lässt sich nicht einfach programmieren.
#1 Wir suchen Erkenntnis
KI sucht nicht nach Wahrheit, sie verarbeitet Informationen. Menschen hingegen sind von Neugier getrieben und wollen die Welt sowie sich selbst verstehen. Dieses Streben nach Erkenntnis geht über Daten hinaus, denn wir wollen Sinn, Zusammenhang und Bedeutung erfassen. Nur wir stellen Fragen wie: „Warum?” und „Was bedeutet das für mich, für uns, für die Welt?” KI liefert Antworten,
doch nur der Mensch sucht nach Erkenntnis.
#2 Wir fühlen
KI kann Emotionen erkennen, aber sie kann keine erleben. Ein Mensch spürt, wenn etwas kippt: im Gespräch, im Raum, im Miteinander. Diese feinen Antennen, dieses Gespür für Zwischentöne und Atmosphären, sind unverwechselbar menschlich. Wir sind Resonanzkörper, keine reinen Sensoren.
#3 Wir reflektieren
(Selbst-)Reflexion ist keine Rechenleistung. Nur wir Menschen sind in der Lage, unsere Gedanken, Gefühle und Handlungen bewusst zu beleuchten und uns somit zu verändern. KI kann Reflexion lediglich simulieren. Wir Menschen können uns selbst, unser Denken und unser Handeln hinterfragen und daran wachsen.
#4 Wir haben Bewusstsein
KI kennt nur Daten. Wir Menschen hingegen erleben Bedeutung. Der tiefste Unterschied liegt in unserem Ich-Bewusstsein, also dem Wissen darüber, wer und was wir sind. Bewusstsein ist kein
Produkt von Trainingsdaten, sondern von Erfahrung und Existenz.
#5 Wir sind kreativ
Wir beherrschen nicht nur Copy and Paste, sondern können auch wirklich Neues erschaffen. Menschen sind in der Lage, Kunst, Ideen und Utopien zu erschaffen. KI kann nur kombinieren, nachbauen und variieren. Der Mensch hingegen kann visionieren, träumen und radikal neu denken. Innovation entsteht aus Mut, Imagination und dem Sprung ins Unbekannte, nicht aus Rechenleistung
#6 Wir entscheiden frei
Algorithmen folgen Logik. Und wir Menschen? Wir treffen manchmal Entscheidungen jenseits der Vernunft, beispielsweise aus Überzeugung, aus Liebe oder aufgrund unserer Haltung. Unsere Willensfreiheit macht uns unberechenbar. Und genau darin liegt unser Potenzial.
#7 Wir haben Werte
KI kennt weder Ethik noch Werte. Sie folgt Regeln und optimiert Prozesse. Menschen hingegen wägen ab, übernehmen Verantwortung, stehen für etwas ein, sagen Nein oder Ja – aus Gründen, die kein Algorithmus je erfassen kann. Ein Wertebewusstsein ist nicht programmierbar.
#8 Wir sind ambivalent
Während KI schwarz oder weiß denkt, bewegen wir uns in Grauzonen. Wir ertragen Spannungen, Ambivalenzen und Unsicherheiten und können anderen Menschen in diesen Situationen Orientierung und Halt geben. Ambiguitätstoleranz ist keine Fehlfunktion, sondern eine unserer Stärken.
#9 Wir haben Intuition
Noch bevor unser Verstand etwas analysiert, weiß oft schon etwas in uns, was richtig ist. Diese tief in uns verwurzelte Intelligenz, die aus Erfahrung, Körperwahrnehmung und Gefühl gespeist wird, bleibt für künstliche Intelligenz ein Mysterium. Sie ist jedoch oft unser bester Kompass.
#10 Wir entwickeln Sinn
KI erkennt Muster. Der Mensch hingegen sucht nach Bedeutung. Wir fragen nach dem Warum – nicht nur in Bezug auf Prozesse, sondern auf das Leben selbst. Sinnstiftung, Orientierung und die Beschäftigung mit Existenzfragen sind zutiefst menschlich.
#10 Wir verbinden uns
Kein KI-System der Welt kann das ersetzen, was oft zwischen Menschen entsteht: Vertrauen, Nähe und ein Gefühl der Verbundenheit. Wir brauchen Resonanz, um zu wachsen, zu führen und zu leben. Beziehung ist keine Datenverbindung, sondern Begegnung.
Fazit: Der Mensch führt
Die Herausforderung, vor der wir stehen, lautet nicht, mit Maschinen bzw. KI-Systemen Schritt zu halten, sondern das Menschliche mutig zu verkörpern, es sichtbar und erfahrbar zu machen – im alltäglichen Miteinander, bei der Zusammenarbeit oder beim Führen. Nur wenn wir die Technik nicht als Konkurrenz, sondern als Werkzeug verstehen, können wir sie sinnvoll und angstfrei nutzen. So schaffen wir die Freiräume, die nötig sind, um das zu sein, was uns als Menschen ausmacht und uns von Maschinen und Algorithmen unterscheidet.
![]() Abbildung: Barbara Liebermeister Barbara Liebermeister, Gründerin & Leiterin,
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