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Purpose ist Propaganda: Interview mit Ingo Hamm über den Sinn von Arbeit

Der Wirt­schafts­psy­cho­lo­ge Prof. Dr. Ingo Hamm hat ein Pro­blem mit dem Pur­po­se, der uns heu­te an allen Ecken begeg­net. Er sagt, dass der Sinn bei der Arbeit nie im noblen Pur­po­se des Unter­neh­mens, son­dern immer nur im eige­nen Tun zu fin­den ist. Im Inter­view ver­rät er, inwie­fern Sinn eigent­lich das Gegen­teil von Pur­po­se ist und man vor Bene­fits nur war­nen kann.

Ingo Hamm spricht über das Thema Purpose am 20. Juni 2022 bei der NWX22 in der Elbphilharmonie Hamburg. Mehr unter nwx22.de.

Ingo Hamm spricht über das The­ma Pur­po­se am 20. Juni 2022 bei der NWX22 in der Elb­phil­har­mo­nie Ham­burg. Mehr unter nwx22.de.

OFFICE ROXX: Herr Professor Dr. Hamm, kaum ein Start-up traut sich noch, ohne einen Purpose wie „Making the world a better place“ zum Pitch anzutreten. Warum müssen heute alle Unternehmen die Welt retten?

Prof. Dr. Ingo Hamm: Vie­le HR-Ver­ant­wort­li­che und Füh­rungs­kräf­te ver­su­chen Ant­wor­ten zu geben, denn vie­le Men­schen suchen eine Erklä­rung, einen Sinn in etwas, das sie nicht mehr ganz ver­ste­hen und das sie nicht mehr wirk­lich mit Über­zeu­gung oder gar ger­ne machen: ihre Arbeit.

Auch wenn vie­le Unter­neh­men es viel­leicht gut mei­nen mit der Welt und ihren Ange­stell­ten – wenn man die voll­mun­di­gen Aus­sa­gen gedank­lich neben das stellt, was die Unter­neh­men tat­säch­lich pro­du­zie­ren und anbie­ten, drängt sich der Ver­dacht auf, dass deren Employ­er Bran­ding end­lich den Bereich der Fak­ten ver­las­sen hat und qua­si-reli­giö­se Heils­ver­spre­chen bietet.

Ihr Buch „Sinnlos glücklich“ will den heute an allen Ecken begegnenden Unternehmens-Purpose als Etikettenschwindel entlarven. Was ist denn das Problem mit diesem?

Man muss lei­der nüch­tern fest­stel­len, dass trotz Pur­po­se und vie­ler New-Work-Ver­spre­chun­gen vie­le Men­schen mit ihrer Arbeit unzu­frie­den sind und sich trotz ver­ord­ne­tem Unter­neh­mens­sinn ganz per­sön­lich sehr wohl die Sinn-Fra­ge stel­len. Des­halb woll­te ich der Sache auf den Grund gehen. Ich woll­te den Unsinn mit dem Sinn been­den. Mir geht es dabei nicht um „Bera­ter-Bashing“ oder „Cor­po­ra­te Fin­ger Poin­ting“. Ich will viel­mehr zei­gen: Die Ant­wort auf die Sinn­fra­ge ist längst gefun­den! Phi­lo­so­phie und Psy­cho­lo­gie haben längst her­aus­ge­fun­den, was Sinn macht.

Sinn ist also kein Benefit, mit dem man um Fachkräfte werben kann?

Nichts gegen Vor­ha­ben wie „Wir müs­sen das Kli­ma ret­ten!“ Doch die­ses heh­re Ziel wird ein Ein­zel­ner mit sei­ner Arbeit nie errei­chen kön­nen. Was dage­gen Sinn stif­tet, ist das, was er durch Anwen­dung sei­ner Kom­pe­tenz täg­lich sicht­bar bewir­ken kann.

Es gibt kei­nen funk­tio­nie­ren­den Sinn, wenn er, wie der Pur­po­se, von außen oder von oben vor­ge­ge­ben wird. Sinn lässt sich nicht ver­ord­nen. Man muss selbst sei­nen eige­nen Sinn fin­den, in der eige­nen Tätig­keit, durch das eige­ne, ganz kon­kre­te Tun. Sinn taugt also nicht zu Wer­be­zwe­cken. Ich wür­de eher sagen: Sinn ist Selbst­ver­ant­wor­tung, aber auch Chef­sa­che. Jeder Vor­ge­setz­te, der sei­ne Team­mit­glie­der schätzt, soll­te ihnen hel­fen, Sinn in ihrer Arbeit zu fin­den. Vie­le ver­wech­seln das mit „Moti­va­ti­on“, aber wenn ein Vor­ge­setz­ter sei­ne Team­mit­glie­der moti­vie­ren muss, stimmt etwas nicht. Dann hat er näm­lich vor­her schon die intrinsi­sche Moti­va­ti­on sei­ner Leu­te kaputt­ge­macht – oder sie war nie wirk­lich da.

Wäre es nicht am besten, wenn man Sinn in seiner Arbeit finden und das Unternehmen einen hehren Zweck verfolgen würde?

Ich hal­te es wie Vik­tor Frankl, der sag­te: „Sinn kann nicht gege­ben, son­dern muss gefun­den wer­den.“ Und zwar von jedem Men­schen selbst. Vor­sa­gen funk­tio­niert nicht. Wenn Men­schen, die ihren Sinn gefun­den haben, die­sen beschrei­ben, ist das immer sehr kon­kret und kom­pe­tenz­be­zo­gen, zum Bei­spiel: „Ich hel­fe Men­schen!“, „Ich beherr­sche das, was ich täg­lich tue.“, „Ich bewir­ke sicht­ba­re Ergeb­nis­se mit mei­ner Arbeit.“ Und in dem Sin­ne sind die Taten des Unter­neh­mens die Sum­me aller Taten der Mit­ar­bei­ten­den – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Richard David Precht plädiert in seinem neuen Buch „Freiheit für alle“ für den Übergang von der Arbeits- in eine Sinngesellschaft. Sie hätten es lieber umgekehrt – vom Purpose zurück zur Arbeit?

Ich bin über­zeugt, dass der Schlüs­sel zur Erfül­lung im Tun liegt, denn da kann man zei­gen, was man drauf­hat und wird glück­lich damit. Ich gebe Ihnen ein Bei­spiel für zwei völ­lig ver­schie­de­ne Sicht­wei­sen, was Men­schen antreibt. Antoi­ne de Saint-Exupéry sag­te mal: „Leh­re die Men­schen die Sehn­sucht nach dem wei­ten, end­lo­sen Meer.“ Klingt toll, als Kalen­der­spruch. Aber in der Rea­li­tät funk­tio­niert das nicht, weil Sehn­sucht, Uto­pie nicht dau­er­haft moti­viert. Der Polar­for­scher Ernest Shack­le­ton hin­ge­gen hat für sei­ne Expe­di­ti­on in einer Stel­len­an­zei­ge Beglei­ter gesucht mit den Wor­ten: „Män­ner für wag­hal­si­ge Rei­se gesucht. Gerin­ge Löh­ne, extre­me Käl­te. (...) Siche­re Heim­kehr unge­wiss. Ehre und Ruhm im Erfolgs­fal­le.“ Dar­auf­hin soll er 5.000 Bewer­ber gehabt haben. Weil es kon­kret ist, weil es das Tun anspricht, weil es an Kom­pe­ten­zen appelliert.

Purpose gehört zu New Work wie duzen und weiße Turnschuhe. Was halten Sie von dieser Bewegung?

New Work ist wich­tig, wenn es um die per­ma­nen­te kri­ti­sche Refle­xi­on von Arbeits­be­din­gun­gen, von Füh­rungs­sti­len, von Unter­neh­mens­kul­tu­ren geht – und zwar nicht nur aus Sicht des Wohl­erge­hens des Ein­zel­nen, son­dern auch der stän­di­gen Neu­erfin­dung von mensch­li­cher Pro­duk­ti­vi­tät und Krea­ti­vi­tät. Aber vie­le New-Work-Kon­zep­te erschei­nen mir neu­er­dings wie nahe­zu wahl­lo­se Köder im Teich der knap­pen Fach­kräf­te, nach dem Mot­to: „Alles mal anbie­ten, was Men­schen pri­vat bewegt.“

Aber das löst nicht die enor­men Her­aus­for­de­run­gen des Span­nungs­fel­des zwi­schen Beruf, Fami­lie und Selbst. New Work gibt häu­fig vor, alles mit­ein­an­der ver­bin­den zu kön­nen, aber real funk­tio­niert das sel­ten. Hier wäre mehr Ehr­lich­keit und vor allem Fokus­sie­rung sinnvoll.

In der griechischen Mythologie muss Sisyphos auf ewig einen Felsblock einen Berg hinaufwälzen, der kurz vor dem Gipfel immer wieder ins Tal gestoßen wird. Für Albert Camus und Sie sollen wir uns Sisyphos aber als glücklichen Menschen vorstellen. Das müssen Sie erklären.

Sisy­phos, der „sinn­los“ einen schwe­ren Stein rol­len muss, fin­det Sinn dar­in, weil er sich auf den Stein kon­zen­triert und nicht auf den Berg. Weil er kraft sei­ner Kom­pe­tenz ein Ergeb­nis erreicht. Wir müs­sen uns Sisy­phos als Ath­le­ten vor­stel­len, der über jeden Zen­ti­me­ter, den er den Stein zu stem­men in der Lage ist, Stolz emp­fin­det, sich ver­bes­sern möchte.

Und noch ein Aspekt gibt Sisy­phos Zuver­sicht: Er schert sich nicht um die Göt­ter, oder bes­ser noch: Er ver­gisst sie ob sei­ner Auf­ga­be. Über­tra­gen auf Arbeit: Wir den­ken Arbeit häu­fig zu sehr als belas­ten­de Neben­sa­che, ja als Stra­fe, wir sehen in Füh­rungs­kräf­ten oft die zor­ni­gen Göt­ter, die uns Schlech­tes wol­len. Dabei liegt das Glück in der eige­nen Exis­tenz und exis­ten­zi­el­len Erfah­rung am Fels­block selbst, in der Effek­ti­vi­tät der Bewe­gung und nicht in dem, was kom­men könnte.

Wie muss Arbeit konkret sein, damit sie als sinnstiftend gelten kann.

Die Wis­sen­schaft hat schon lan­ge her­aus­ge­fun­den, wel­che Arbeit Sinn macht. Äußerst nütz­lich ist zum Bei­spiel das „Job Cha­rac­te­ris­tics Model“ von Hack­man und Old­ham. Danach braucht es nur fünf Zuta­ten. Arbeit ist dann erfül­lend, wenn sie 1. viel­fäl­tig und 2. bedeut­sam, 3. von vor­ne bis hin­ten und 4. rela­tiv auto­nom aus­ge­führt wer­den kann sowie 5. Feed­back bietet.

Aber Ach­tung: Nach die­ser Defi­ni­ti­on kann man auch einen Job in der Waf­fen­pro­duk­ti­on als sinn­voll emp­fin­den. Eini­ges, was wir tun, kann durch­aus Sinn machen, aber unmo­ra­lisch sein. Ein sinn­vol­les Leben ist schön, doch erst ein sinn­vol­les und mora­li­sches Leben macht einen glück­li­chen und guten Men­schen aus uns.

Lassen sich Beschäftigte extrinsisch motivieren? Zu irgendetwas müssen doch die ganzen Benefits gut sein.

Zu vie­le äuße­re Anrei­ze, zum Bei­spiel mone­tä­rer Art, (zer)stören die intrinsi­sche Moti­va­ti­on, die eigent­li­che Sinn­ge­bung bei der Arbeit, die Erfül­lung in der kon­kre­ten Tätig­keit. Dazu gibt es erschüt­tern­de Stu­di­en, in denen zum Bei­spiel Kin­der Bil­der malen soll­ten. Die eine Grup­pe bekam dafür eine mate­ri­el­le Beloh­nung, die ande­re nicht. Die belohn­te Grup­pe woll­te nach eini­gen Durch­gän­gen ohne Beloh­nung gar nicht mehr malen. Die unbe­lohn­te Grup­pe mal­te mun­ter wei­ter: Die Beloh­nung hat­te die ers­te Grup­pe einer der belieb­tes­ten Tätig­kei­ten von Kin­dern beraubt. Weil nicht die Beloh­nung, son­dern die Tätig­keit an sich sinn­stif­tend ist! Ergo könn­te man mah­nen: Über­treibt es in Unter­neh­men nicht mit mone­tä­ren und mate­ri­el­len Anrei­zen! Lei­der kommt die­se War­nung für die meis­ten Unter­neh­men zu spät. Sie über­schüt­ten die Beleg­schaft förm­lich mit äuße­ren Anrei­zen und wun­dern sich, dass die Men­schen den­noch inner­lich kün­di­gen – denn sie kom­men nicht mehr zu dem, was sie ger­ne machen und schon immer gut konnten.

Vielen Dank.

Die Fra­gen stell­te Robert Nehring.

Ingo Hamm: „Sinnlos glücklich: Wie man auch ohne Purpose Erfüllung bei der Arbeit findet“, Vahlen 2021, 259 S., 26,90 €.

BUCHTIPP:

Ingo Hamm: „Sinn­los glück­lich: Wie man auch ohne Pur­po­se Erfül­lung bei der Arbeit fin­det*“, Vah­len 2021, 259 S., 26,90 €.

 

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