Wir spra­chen mit Ste­fan Schul­ze-Her­mann, Vor­stands­vor­sit­zen­der der Stif­tung Deut­scher Nach­hal­tig­keits­preis e. V., über die Bedeu­tung von Design und Nach­hal­tig­keit sowie den gera­de ins Leben geru­fe­nen Deut­schen Nach­hal­tig­keits­preis Design.

Im Interview: Stefan Schulze-Hausmann, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis e. V. Abbildung: Frank Fendler

Im Inter­view: Ste­fan Schul­ze-Haus­mann, Vor­stands­vor­sit­zen­der der Stif­tung Deut­scher Nach­hal­tig­keits­preis e. V. Abbil­dung: Frank Fend­ler

OFFICE ROXX: Nachhaltigkeit ist in aller Munde. Springen Sie mit dem neuen Deutschen Nachhaltigkeitspreis Design (DNP Design) auf einen Trend auf?

Ste­fan Schul­ze-Haus­mann: Im Gegen­teil! Der Deut­sche Nach­hal­tig­keits­preis prä­miert 2020 zum 13. Mal bei­spiel­haf­te Nach­hal­tig­keit in Wirt­schaft, Kom­mu­nen und For­schung. In die­ser Zeit ist er in ver­schie­de­ne rele­van­te Rich­tun­gen gewach­sen. Mit dem neu­en Preis für Design tra­gen wir dem Umstand Rech­nung, dass Desi­gner und ihre Arbeit eine immer wich­ti­ge­re Rol­le spie­len, wenn es um Trans­for­ma­ti­on geht.

Der Fokus des Deutschen Nachhaltigkeitspreis Design liegt auf nachhaltigen Produkten und Projekten – was unterscheidet den Preis von bisherigen Design-Awards?

Die bekann­ten Awards fokus­sie­ren Design haupt­säch­lich im Sin­ne von Form­ge­bung und funk­tio­na­ler Ästhe­tik. Bei uns kommt es neben der Gestal­tung auf den wirk­sa­men Bei­trag zur Trans­for­ma­ti­on zu mehr Nach­hal­tig­keit an. Von die­ser Sei­te kom­men wir, das ist der Kern unse­rer Arbeit und unse­rer Mis­si­on. Wir suchen nach­hal­ti­ges, ver­ant­wor­tungs­vol­les Design, das gesell­schaft­li­che Pro­ble­me durch öko­lo­gi­sche und sozia­le Inno­va­tio­nen löst. Noch ein Unter­schied: Neben aktu­el­len Ent­wür­fen prä­mie­ren wir „Iko­nen“. Pro­duk­te, die län­ger als fünf Jah­re auf dem Markt sind und Wer­te wie Lang­le­big­keit, Zeit­lo­sig­keit und Hal­tung ver­kör­pern und gan­ze Bran­chen inspi­rie­ren. Wir stel­len die Fra­ge, inwie­fern Nach­hal­tig­keit bei der Ent­wick­lung die­ser Pro­duk­te mit­ge­dacht wur­de bzw. sich gera­de in deren Halt­bar­keit und Begehrt­heit über Jahr­zehn­te mani­fes­tiert. Hin­zu kommt der Bereich „Visio­nen“, hier wün­schen wir uns Kon­zep­te für eine nach­hal­ti­ge Zukunft. Wir las­sen noch so revo­lu­tio­nä­re Ideen zum Wett­be­werb zu und hof­fen auf Inspi­ra­ti­on! Stu­die­ren­de zah­len des­we­gen kei­ne Teil­nah­me­ge­bühr.

Welche Rolle spielen Designer für ein nachhaltigeres Leben?

Nach­hal­ti­ges Design hat das Poten­zi­al, die Lebens­wei­se und die Hal­tung der Men­schen zu ver­än­dern. Die Desi­gner beein­flus­sen zu einem ganz frü­hen Zeit­punkt die Ent­schei­dung, aus wel­chem Mate­ri­al her­ge­stellt wird und inwie­fern das Pro­dukt nach Lebens­en­de dank bspw. recy­cel­ba­rer Mate­ria­li­en wie­der dem Kreis­lauf zuge­führt wer­den kann, wel­che Lie­fer­ket­ten eine Rol­le spie­len sol­len, wie Nut­zer mit dem Pro­dukt umge­hen und vie­les mehr. Inso­fern haben Gestal­ter eine wahn­sin­ni­ge Power. Auf der ande­ren Sei­te ste­hen sie in ihren Unter­neh­men oder Auf­trags­ver­hält­nis­sen oft unter Druck – unter Kos­ten­druck, Zeit­druck oder Inno­va­ti­ons­druck – der ihnen nach­hal­ti­ge Alter­na­ti­ven ver­schließt. Unser Ziel ist es, die Desi­gner zu ermu­ti­gen, Nach­hal­tig­keit früh und beherzt mit­zu­den­ken und ihnen ande­rer­seits den Rücken gegen­über dem Auf­trag­ge­ber oder im Unter­neh­men zu stär­ken. Wir wol­len einen Bei­trag leis­ten, der allen Akteu­ren klar­macht, wor­auf es wirk­lich ankommt: Die Trans­for­ma­ti­on zu gestal­ten, dem Wan­del in allen Pro­dukt­wel­ten eine Form zu geben.

Was macht ein Produkt oder ein Konzept zum idealen Beitrag für den DNP Design?

Es muss glei­cher­ma­ßen durch gestal­te­ri­sche Qua­li­tät und die Ein­hal­tung kla­rer Nach­hal­tig­keits­kri­te­ri­en über­zeu­gen. Wir suchen Lösun­gen, die ech­te Trans­for­ma­ti­on in Rich­tung Nach­hal­tig­keit bedeu­ten. Dabei fokus­sie­ren wir die Fel­der, in denen beson­de­re Anstren­gun­gen und mehr Inno­va­tio­nen am drin­gends­ten benö­tigt wer­den. Die­se „Trans­for­ma­ti­ons­fel­der“ gel­ten für alle Wett­be­wer­be. Sie lei­ten sich aus der Agen­da 2030 der Ver­ein­ten Natio­nen und aus der Nach­hal­tig­keits­stra­te­gie der Bun­des­re­gie­rung ab. Hier geht es um Kli­ma, Res­sour­cen, Bio­di­ver­si­tät, Fair­ness und eine gerech­te­re Gesell­schaft. Die Fra­ge ist also immer: Inwie­fern nützt die ein­ge­reich­te Lösung dem Kli­ma, hilft sie gegen Res­sour­cen­knapp­heit, wel­chen Bei­trag leis­tet sie zum Natur­schutz? Auf wel­che Wei­se schafft sie Vor­tei­le im sozia­len Sek­tor? Vor­aus­set­zung ist, dass das Pro­dukt bzw. die Lösung in Deutsch­land auf dem Markt ist oder eine deut­sche Markt­ein­füh­rung geplant ist. Bewer­ben kön­nen sich Unter­neh­men jeder Grö­ße, Gestal­ter inner­halb und außer­halb von Agen­tu­ren sowie Stu­die­ren­de und Start-ups.

Wo und wie passen Themen wie Gesundheit oder Landwirtschaft zu einem Designpreis?

Design im Sin­ne von „Gestal­tung“ kommt in allen Lebens­be­rei­chen vor. Auch in der Land­wirt­schaft wer­den Pro­zes­se gestal­tet und Dienst­leis­tun­gen erfun­den, die zum Bei­spiel Bio­di­ver­si­tät schüt­zen. Hier stellt sich auch die Fra­ge, wie die land­wirt­schaft­li­che Pro­duk­ti­on gestal­tet wer­den muss, um die Welt­be­völ­ke­rung zu ernäh­ren, ohne ihre eige­nen Pro­duk­ti­ons­grund­la­gen zu zer­stö­ren. In allen Bedürf­nis­fel­dern arbei­ten Men­schen inten­siv an nach­hal­ti­gen Lösun­gen. Die wol­len wir errei­chen und ihnen eine Büh­ne bie­ten. Wir wol­len sie hono­rie­ren, moti­vie­ren und ihnen die Chan­ce bie­ten, ihren Erfolg durch Bekannt­heit zu stei­gern.

Wer bewertet, was nachhaltiges Design ist? Welche Kriterien legen Sie hier an?

Wir arbei­ten in allen Wett­be­wer­ben mit mehr­stu­fi­gen Bewer­tungs­ver­fah­ren, die wir mit Exper­ten ent­wi­ckeln. Für den Design­preis haben wir vor allem mit Part­nern aus dem Hoch­schul­be­reich zusam­men­ge­ar­bei­tet und inter­dis­zi­pli­nä­re Work­shops mit Desi­gnex­per­ten durch­ge­führt. Die Kri­te­ri­en, die unser Assess­ment-Team anlegt, spie­geln die genann­ten Trans­for­ma­ti­ons­fel­der wider. Nach dem Assess­ment wer­den die bes­ten Ein­rei­chun­gen nomi­niert. Das letz­te Wort hat die Jury des DNP Design. Wir sind sehr stolz dar­auf, dass Spe­zia­lis­ten aus allen Berei­chen des Designs und der Nach­hal­tig­keit zuge­sagt haben. Dar­un­ter erfolg­rei­che Pro­dukt- und Indus­trie­de­si­gner wie Kon­stan­tin Grcic, Ste­fan Diez, Sebas­ti­an Her­kner und Wer­ner Aiss­lin­ger, der Smart-Erfin­der Johann Tom­for­de und der Trend-Rese­ar­cher der Vitra Inter­na­tio­nal AG Rapha­el Gie­l­gen. Der Vor­stand des Sus­tainab­le Design Cen­ter e. V. Prof. Sebas­ti­an Feucht ist eben­so an Bord wie Crad­le-to-Crad­le-Papst Prof. Dr. Micha­el Braun­gart, Adri­en­ne Goe­h­ler, ehe­ma­li­ge Sena­to­rin für Wis­sen­schaft, For­schung, Kul­tur in Ber­lin und Prof. Maja Göpel, Gene­ral­se­kre­tä­rin des Wis­sen­schaft­li­chen Bei­rats der Bun­des­re­gie­rung Glo­ba­le Umwelt­ver­än­de­run­gen (WBGU).

Die Sieger werden im Rahmen einer glamourösen Gala geehrt. Passt das mit der Idee der Nachhaltigkeit zusammen?

Gla­mou­rös nein, das klingt wie unech­ter Glanz. Wir wol­len, dass Erfolg aus­strahlt und die Köp­fe dahin­ter gese­hen wer­den. Die prä­mier­ten Leis­tun­gen ver­die­nen Wert­schät­zung – und dazu gehört auch, dass man sie fei­ert. Natür­lich müs­sen wir an uns hohe Maß­stä­be anle­gen, das ist bei Events eine gro­ße Her­aus­for­de­rung. Wir wol­len von Beginn an „Deutsch­lands grüns­te Gala“ sein und rich­ten Kon­gress und Preis­ver­lei­hung kli­ma­neu­tral aus. Sämt­li­che orga­ni­sa­to­ri­sche Schrit­te ste­hen auf dem Prüf­stand – hin­sicht­lich Umwelt­schutz, Ener­gie- und Res­sour­cen­ef­fi­zi­enz, sinn­vol­ler Logis­tik und sozia­ler Stan­dards. Auch auf Details kommt es an: Das Cate­ring ist vegan/vegetarisch, auf der Büh­ne wird ener­gie­spa­ren­de Beleuch­tung ver­wen­det, die Büh­nen­ver­klei­dung besteht zu gro­ßen Tei­len aus recy­cel­ten PET-Fla­schen. Unver­meid­li­che CO2-Emis­sio­nen, auch die Anrei­sen der Gäs­te, wer­den kom­pen­siert. Gala und Nach­hal­tig­keit kön­nen gut zusam­men­pas­sen.

Die Bundesregierung ist Ihr Partner – welche Rolle spielt sie?

Den DNP kön­nen wir als Stif­tungs­ver­ein nur in Zusam­men­ar­beit mit star­ken Part­nern ver­ge­ben. Dazu zäh­len kom­mu­na­len Spit­zen­ver­bän­de, Wirt­schafts­ver­ei­ni­gun­gen, Unter­neh­men, zivil­ge­sell­schaft­li­che Orga­ni­sa­tio­nen, For­schungs­ein­rich­tun­gen und eben auch die Bun­des­re­gie­rung. Sie ist von Anfang an – seit 13 Jah­ren – an Bord. Insti­tu­tio­nen der Bun­des­re­gie­rung fun­gie­ren als Rat­ge­ber, tre­ten aber auch för­dernd auf. Unser For­schungs­preis wird zum Bei­spiel vom Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Bil­dung und For­schung ver­ge­ben. Die Bun­des­re­gie­rung hat ein Inter­es­se dar­an, ihre Nach­hal­tig­keits­stra­te­gie zu erklä­ren und über Nach­hal­tig­keit zu infor­mie­ren. Dazu nutzt sie unse­re Platt­for­men. Inso­fern han­delt es sich um ein Geben und Neh­men.

Wie finanziert sich der DNP Design?

Die Finan­zie­rung steht auf zwei Stand­bei­nen: Zum einen soll sich der DNP Design durch Teil­nah­me­bei­trä­ge hof­fent­lich zahl­rei­cher Bewer­ber finan­zie­ren. Die­se Bei­trä­ge haben wir nach Unter­neh­mens­grö­ße gestaf­felt, um die Hür­de zur Teil­nah­me mög­lichst nied­rig zu gestal­ten. Zum ande­ren kön­nen erfolg­rei­che Teil­neh­mer das Zei­chen des DNP Design lizen­zie­ren, mit dem sie gegen­über Kun­den, Sta­ke­hol­dern und Part­nern in der Lie­fer­ket­te die Nach­hal­tig­keit ihres Pro­duk­tes doku­men­tie­ren kön­nen. Für eini­ge Bewer­ber ist die Teil­nah­me kom­plett kos­ten­frei, um auch Stu­die­ren­den, jun­gen Desi­gnern und Start-ups die Chan­ce zum Mit­ma­chen zu geben.

Bis wann kann man sich bewer­ben?

Die Bewer­bungs­pha­se läuft noch bis zum 15. Juni 2020. Desi­gner, Unter­neh­men, Stu­die­ren­de und Start-ups, die sich mit nach­hal­ti­gen Pro­duk­ten, Dienst­leis­tun­gen und sons­ti­gen Lösun­gen beschäf­ti­gen, kön­nen die­se direkt hier ein­rei­chen.

Vie­len Dank.