Wir machen alles selbst. Das wuss­te schon Kant. Heu­te bleibt Kun­den aber häu­fig auch gar kei­ne ande­re Wahl. Ein Kom­men­tar des Jour­na­lis­ten Ulrich Tex­ter.

Die Pfade der modernen Business-Kommunikation sind verschlungen. Abbildung: Webaroo/Unsplash

Die Pfa­de der moder­nen Busi­ness-Kom­mu­ni­ka­ti­on sind ver­schlun­gen. Abbil­dung: Webaroo/Unsplash

Ich gebe es zu, ich bin ein­fach gestrickt: zwei links, zwei rechts. Wobei mir links immer an liebs­ten war, auch das gebe ich zu, aber das tut hier nichts zur Sache. Man­che Vor­lie­ben behält man sein Leben lang. Geor­ge Best zum Bei­spiel gab viel Geld für Alko­hol, Frau­en und schnel­le Autos aus, den Rest ver­prass­te er.

Manchmal muss man es auch einfach zugeben

Bei schnel­len Autos habe ich nie mit­ge­macht. Ich glau­be nach wie vor, kei­ner kann aus sei­ner Haut, ob Fuß­ball­spie­ler oder Bun­des­kanz­le­rin. Das führt zu Kon­flik­ten, ist aber kein Grund zum Ver­zwei­feln. Wer zum Bei­spiel als Pro­mi­nen­ter öffent­lich auf die Knie fällt, hat gute Chan­cen auf Nach­sicht. Das ken­ne ich. Ich fal­le auch mühe­los vor mei­ner Frau auf die Knie, wenn ich ein Ziel ver­fol­ge. Und wenn wir ehr­lich sind, wis­sen wir doch alle, dass der Mensch nichts so sehr liebt wie Asche auf dem Haupt der ande­ren. Und sich zudem bei nichts so groß­ar­tig fühlt, wie wenn er die Asche run­ter­pus­ten darf. Da sind wir alle gleich. Das Gedächt­nis ist kurz, die Fuß­ball-WM weit weg und die Gorch Fock im Tro­cken­dock. Ich bin in guter Gesell­schaft aller „Zuge­ber“.

Wird man zu dem, der man nie werden wollte?

Die Ara­ber sagen, dass im Buch des Lebens alles vor­ge­zeich­net sei und wir ledig­lich einer bereits vor­han­de­nen, für uns unsicht­ba­ren und unbe­kann­ten Erzäh­lung zur Erfül­lung ver­hel­fen müs­sen. Das klingt depri­mie­rend. Läuft am Ende alles dar­auf hin­aus, dass wir nicht Regis­seu­re, son­dern Hand­lan­ger unse­res Lebens sind? Die­se Welt­sicht ist ver­mut­lich inak­zep­ta­bel. Mir ist das egal. Psy­cho­lo­gen und Neu­ro­wis­sen­schaft­ler spen­den uns immer­hin etwas Hoff­nung. Sie sagen, dass wir unse­rem Schick­sal trotz Kind­heit und Misch­po­ke eine ande­re Rich­tung geben kön­nen. Inzwi­schen hilft uns beim Rich­tungs­wech­sel eine gan­ze Arma­da von Per­sön­lich­keits­ent­wick­lern, damit wir so wer­den, wie wir viel­leicht nie wer­den woll­ten, aber wer­den soll­ten, um das Gefühl zu gewin­nen, end­lich ange­kom­men zu sein.

Man wird nicht weiser, man wird älter

Ich den­ke da ego­is­tisch: Sol­len die doch an sich arbei­ten, ich arbei­te ungern an mir. Ich weiß ein­fach nicht, was am Ende her­aus­kommt. Außer­dem bin ich skep­tisch, was mei­ne cha­rak­ter­li­che Plas­ti­zi­tät anbe­langt. Immer häu­fi­ger sto­ße ich an mei­ne Gren­zen. Die Dis­kus­si­on um die geschlech­ter­ge­rech­te Spra­che mit dem Gen­der­stern­chen erreich­te mich natür­lich auch, zuerst in Form des Pro­gramm­hef­tes für das Ber­li­ner Jazz­fest 2018. Ich stol­per­te von Sei­te zu Sei­te, gab mir aber echt Mühe – es war eine Tor­tur. Nicht dass ich das Gerings­te gegen Jazzer*innen hät­te. Eini­ge von ihnen sind ganz wun­der­bar. Das mei­ne ich so, wirk­lich. Es war nichts zu machen. „Man wird nicht wei­ser, man wird älter“, sag­te Mario Adorf dem Spie­gel. Ich befürch­te, ich den­ke wie Adorf.

Keine Wahl zwischen Tweed und Jeans

Ich gebe auch zu, dass ich old­school bin. Viel­leicht war ich das schon immer. Gescha­det hat mir das nicht. Ich füh­le mich gesund. Ich mag zum Bei­spiel Cord­ho­sen. Jeans­ho­sen, in denen Trä­ger ste­cken, die in mir den Ver­dacht wecken, sie sei­en inkon­ti­nent und bräuch­ten augen­blick­lich Bea­tes Pfle­ge­dienst, lösen bei mir eher eine Abwehr­re­ak­ti­on aus. Das gilt auch für Jog­ging­ho­sen. Außer­dem schät­ze ich Tweed, noch so etwas Alt­mo­di­sches. War­um, weiß ich nicht, viel­leicht weil das ein­fach zu Eng­land gehört und ich mir Euro­pa ohne Eng­land nicht vor­stel­len kann. Ver­mut­lich ist es zur­zeit auch das ein­zig Schät­zens­wer­te, was von der Insel kommt, sieht man von Bar­bour Wachs­ja­cken ab.

Was die Technik aus uns macht

Das klingt alles anti­quiert und antik, aber bis dato war ich mit mir im Rei­nen – bis vor weni­gen Wochen. Dass ich auf ein­mal ein Mario-Adorf-Gefühl von „Älter-nicht-wei­ser-wer­den“ ver­spür­te und mich wie Japans Ten­no Hiro­hi­to fühl­te, der frei­wil­lig abdank­te, ver­dan­ke ich nicht Ara­bern, Hosen, Tweed und alt­mo­di­schen Vor­lie­ben. Es war ein Anruf, der mich ins intel­lek­tu­el­le Strau­cheln brach­te. Ich gebe auch ger­ne zu, dass der Anruf nur bestä­tig­te, was ich schon seit lan­gem ver­mu­tet hat­te: Die Tech­nik macht uns zu Skla­ven. Wer das Glück hat, über­haupt noch jemand in einem Unter­neh­men zu erwi­schen, bekommt immer öfter zu hören: Schrei­ben Sie doch eine E-Mail! Ver­brau­cher hat man damit schon an den Rand des Ner­ven­zu­sam­men­bruchs getrie­ben, ich bin nicht weit davon ent­fernt.

Ich muss die Arbeit selbst machen

Mei­nen Glau­ben an die prak­ti­sche Ver­nunft habe ich jeden­falls ver­lo­ren. In Momen­ten sol­cher unschätz­ba­rer Emp­feh­lun­gen wün­sche ich mir Zei­ten her­bei, in denen unter Andro­hung von Stra­fe allen Mit­ar­bei­tern unter­sagt wor­den wäre, alles zu unter­las­sen, was den direk­ten Kon­takt mit Kun­den ver­mei­den oder stö­ren könn­te. Die­ses Den­ken ist vor­bei. Heu­te darf ich mich über Custo­mer Centri­ci­ty freu­en und die Arbeit selbst machen. Aber viel­leicht ist der Gedan­ke, dass E-Mails immer häu­fi­ger ihren Zweck ver­feh­len, auch zu rück­stän­dig, um zu erken­nen, dass rund 848 Mil­li­ar­den E-Mails, die 2018 ver­sen­det wor­den sind, ja irgend­ei­nen Sinn erge­ben haben müs­sen. Ich für mei­nen Teil glau­be eher, sie klau­en mir immer häu­fi­ger Zeit. Das gebe ich unum­wun­den zu.