Sich Essen lie­fern las­sen? Frü­her taten das die Groß­el­tern und es hieß Essen auf Rädern. Heu­te ist es hip. Mit unter­schied­li­chen Geschäfts­mo­del­len buh­len Bestell-Start-ups um neue Kun­den, etwa um hung­ri­ge Groß­städ­ter wäh­rend der Mit­tags­pau­se. Dr. Sebas­ti­an Klöß ist dem Phä­no­men nach­ge­gan­gen.

Foodora und Deliveroo bringen das Essen mit eigenen Kurierfahrern vom Restaurant zum Kunden.

Foo­do­ra und Deli­ver­oo brin­gen das Essen mit eige­nen Kurier­fah­rern vom Restau­rant zum Kun­den.

Komplettes Pausenmahl statt trockener Stulle. Foto: Pixabay

Kom­plet­tes Pau­sen­mahl statt tro­cke­ner Stul­le. Foto: Pixabay

Bestelldienste für das Mittagessen

Bestell­diens­te für das Mit­tag­essen

Sieht lecker aus: eines der Gerichte von Eatclever.

Sieht lecker aus: eines der Gerich­te von Eat­cle­ver.

„Schwei­ne­bra­ten mit Nudeln, dazu eine Stern­chen­sup­pe und Wackel­pud­ding mit Vanil­le­tun­ke“ – das war eines der ers­ten ver­brief­ten Essen-auf-Rädern-Gerich­te aus den frü­hen 1960er Jah­ren. Damit hat das Ange­bot heu­ti­ger Lie­fer­dien­te nichts mehr zu tun, und es muss nicht ein­mal unbe­dingt der Lie­fer­klas­si­ker Piz­za sein, was der Essens­bo­te vor­bei­bringt. Inzwi­schen gibt es fast kein Gericht, das nicht gelie­fert wird. Vor­aus­ge­setzt, man wohnt in einer Groß­stadt, denn auf dem Land nimmt die Aus­wahl rapi­de ab. Gut also, wer ein Büro im Her­zen einer Metro­po­le hat. Der kann ein­fach sein Smart­pho­ne zücken, auf kuli­na­ri­sche Streif­zü­ge gehen und Spei­sen wie „Qui­noa Salat mit Ruco­la & Hähn­chen“ oder „Devil’s Soup“ ordern. Piz­za natür­lich auch.

Drei­ein­halb Kate­go­ri­en las­sen sich bei den Diens­ten, die essen­be­stel­len­de groß­städ­ti­sche Büro­tä­ti­ge ver­sor­gen, unter­schei­den.

Kategorie 1: Vermittler

Gibt man in der App oder auf der Web­sei­te von rei­nen Ver­mitt­lern sei­ne Adres­se ein, wer­den Restau­rants in der Nähe ange­zeigt, die über einen eige­nen Lie­fer­ser­vice ver­fü­gen. Nach Essens­vor­lie­ben gefil­tert, aus­ge­wählt und auf Wunsch bezahlt wird per App des Diens­tes. Gekocht und gelie­fert wird von den Part­ner­re­stau­rants. So funk­tio­niert eine Bestel­lung bei­spiels­wei­se bei Lie­fer­held, Lie­fe­r­an­do oder Pizza.de (wo – anders als es der Name nahe­legt – nicht nur Piz­ze­ri­en zu fin­den sind, son­dern zum Bei­spiel auch Bur­ger King oder Sub­way). Die­se Art Lie­fer­diens­te ist in Deutsch­land am flä­chen­de­ckends­ten ver­brei­tet.

Eine Unter­ka­te­go­rie „andert­halb“ bil­det Eat­cle­ver. Das ist eigent­lich eben­falls ein rei­ner Lie­fer­dienst, aber einer, der zusam­men mit Part­ner­re­stau­rants und Ernäh­rungs­wis­sen­schaft­lern eige­ne Rezep­te ent­wi­ckelt hat. Wer bei Eat­cle­ver bestellt, wählt daher nur zwi­schen Gerich­ten, nicht zwi­schen Restau­rants. Dafür kann er nach Kate­go­ri­en wie „Low-Carb“ oder „High-Pro­te­in“ fil­tern und die Nähr­wert­an­ga­ben des Wunsch­essens che­cken.

Kategorie 2: Lieferer

Ech­te Essens­lie­fer­diens­te bil­den die Kate­go­rie zwei. Vor allem zwei Anbie­ter sind der­zeit in Groß­städ­ten mas­siv auf Kun­den­jagd und ver­su­chen, sich gegen­sei­tig aus­zu­ste­chen: Deli­ver­oo und Foo­do­ra. Die bei­den ver­mit­teln nicht nur Restau­rants, son­dern haben auch eige­ne Flot­ten von meist radeln­den Boten, die das Wunsch­essen ins Büro brin­gen. Dadurch kann auch bei klei­ne­ren Restau­rants ohne eige­nen Lie­fer­ser­vice bestellt wer­den. Bis auf das Kochen wickeln Deli­ver­oo und Foo­do­ra das kom­plet­te Pro­ce­de­re ab. Sogar das Trink­geld gibt man dem Fah­rer per App. Der Haupt­un­ter­schied zwi­schen Deli­ver­oo und Foo­do­ra ist – ihre Far­be: Tür­kis ver­sus Pink. Bei bei­den gibt es einen Min­dest­be­stell­wert von meist zwölf Euro, bei bei­den fal­len Lie­fer­ge­büh­ren an, die (abhän­gig vom Bestell­ort) im Bereich von 2,50 bis 2,90 Euro lie­gen. Und bei­de kämp­fen wäh­rend der Haupt­be­stell­zei­ten immer mal wie­der damit, das Essen in der ver­spro­che­nen Zeit zu lie­fern.

Kategorie 3: Vorbesteller

Ganz ohne Lie­fe­rung funk­tio­niert ein neu­er Bestell­ser­vice – Kate­go­rie drei. Der Hung­ri­ge wählt bei­spiels­wei­se bei Lun­chio vom Büro aus per Web­site oder App ein Restau­rant aus, ent­schei­det sich für ein Gericht, gibt an, wann er im Restau­rant essen möch­te, und bezahlt gleich online. Zur ange­ge­be­nen Zeit ist für ihn ein Tisch im Restau­rant reser­viert und das Essen zube­rei­tet. Nach dem Mahl kann er ein­fach gehen, denn bezahlt ist schon. Damit klappt ein rich­ti­ger Restau­rant­be­such in einer 30-minü­ti­gen Mit­tags­pau­se. Posi­ti­ve Neben­ef­fek­te: Man bewegt sich auf dem Weg zum Restau­rant wenigs­tens mal ein biss­chen und es ent­fällt das öko­lo­gisch bedenk­li­che Ver­pa­ckungs­ma­te­ri­al.

Angebote für Unternehmen

Wäh­rend Essen auf Rädern etwas für Senio­ren und der Piz­za­bo­te für pri­va­te Film- und Spie­le­aben­de ist, zie­len die neu­en Bestell­diens­te mit spe­zi­el­len Fir­men­pro­gram­men zusätz­lich auf eine Geschäfts­kun­den­k­li­en­tel. Bei­spiel Lun­chio: Unter­neh­men kön­nen ihren Mit­ar­bei­tern dort ein Essens­bud­get zur Ver­fü­gung stel­len. Da das als steu­er­frei­er Zuschuss für Mahl­zei­ten gilt, spa­ren Fir­men Lohn­ne­ben­kos­ten (jähr­lich bis zu 1.364 Euro pro Mit­ar­bei­ter), und Mit­ar­bei­ter bekom­men pro Tag bis zu 6,20 Euro steu­er­frei zusätz­lich. In der Pra­xis läuft das so, dass Mit­ar­bei­ter von ihrem Arbeit­ge­ber digi­ta­le Essens­mar­ken erhal­ten, die sie beim Bestel­len online ein­lö­sen.

Foo­do­ra hat eben­falls ein Ange­bot für Geschäfts­kun­den. Arbeit­ge­ber kön­nen für jeden Ange­stell­ten einen Bud­get­rah­men fest­le­gen und ange­ben, zu wel­chen Uhr­zei­ten über den Fir­men­ac­count bestellt wer­den darf. Wählt der Mit­ar­bei­ter ein teu­re­res Essen aus, kann er die Dif­fe­renz selbst bar­geld­los beglei­chen, oder meh­re­re Kol­le­gen legen ihre Bud­gets zusam­men. Die Arbeit­ge­ber erhal­ten von Foo­do­ra eine Rech­nung sowie Berich­te zu den Bestel­lun­gen, wahl­wei­se für jeden Mit­ar­bei­ter, für Abtei­lun­gen, Fir­men­stand­or­te oder Pro­jek­te. Ähn­li­che Pro­gram­me bie­ten Deli­ver­oo und Lie­fe­r­an­do.

Das Aber …

Die neu­en Alter­na­ti­ven zur selbst­mit­ge­brach­ten Stul­le oder zum Bäcker um die Ecke haben durch­aus ihren Reiz – aber auch ihre Schat­ten­sei­ten. Der Deut­sche Hotel- und Gast­stät­ten­ver­band (DEHOGA) warnt bereits davor, dass sich die Restau­rants in eine ähn­li­che Abhän­gig­keit bege­ben, wie es die Hotels gegen­über den Online­bu­chungs­por­ta­len bereits getan haben. Restau­rants müs­sen den Bestell­dienst­leis­tern bei­spiels­wei­se Pro­vi­sio­nen für jedes bestell­te Gericht bezah­len, über Foo­do­ra heißt es immer wie­der, die­se lie­ge bei hap­pi­gen 30 Pro­zent. Das Ess­ver­gnü­gen trü­ben kön­nen außer­dem Berich­te über die selbst­stän­di­gen Kurier­fah­rer der Unter­neh­men. Häu­fig ist das ein Kno­chen­job, bei dem das Arbeits­werk­zeug (Fahr­rad und Smart­pho­ne) selbst gekauft und repa­riert wer­den muss. Ein wei­te­res Man­ko des gelie­fer­ten Essens ist der Müll­berg, den es pro­du­ziert. Jedes Gericht ist in Ein­weg­be­häl­tern aus Kunst­stoff, Alu oder Papier ver­packt, die nach der Mit­tags­pau­se im Müll lan­den müs­sen. Der gute alte Por­zel­lan­tel­ler wäre da bes­ser.

Bleibt noch der Gesund­heits­as­pekt. Aus­ge­wo­gen ist das bestell­te Essen sicher­lich in den meis­ten Fäl­len. Doch wenn das Essen ins Büro gebracht wird, geht der Büro­ar­bei­ter nicht zum Essen – sprich: Er bewegt sich noch weni­ger. Ob es auch am dich­ten Lie­fer­ser­vice­netz in Ber­lin liegt, dass laut dem Report „Wie gesund lebt Deutsch­land?“ der Deut­schen Kran­ken­ver­si­che­rung die Ber­li­ner mit knapp neun Stun­den täg­lich im Bun­des­ver­gleich am meis­ten Zeit im Sit­zen ver­brin­gen?