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Räume, die wirken: Ästhetik als Haltung

Der New-Work-Exper­te André Hund buch­sta­biert in sei­ner dies­jäh­ri­gen Kolum­ne den Begriff „Räu­me“ durch. Hier geht es um das Ä wie Ästhe­tik. Gezeigt wird, dass ästhe­tisch gestal­te­te Räu­me weit mehr sind als ein­fach nur schön.

André Hund ist Wirtschaftsjurist und kennt die Büromöbelbranche aus dem Effeff. In seiner Kolumne thematisiert der selbstständige Coach und Berater und New Work Facilitator bei der work different Training & Consulting GmbH Leadership-Themen vor dem Hintergrund des neuen Arbeitens.

André Hund ist Wirt­schafts­ju­rist und kennt die Büro­mö­bel­bran­che aus dem Eff­eff. In sei­ner Kolum­ne the­ma­ti­siert der selbst­stän­di­ge Coach und Bera­ter und New Work Faci­li­ta­tor bei der work dif­fe­rent Trai­ning & Con­sul­ting GmbH Lea­der­ship-The­men vor dem Hin­ter­grund des neu­en Arbeitens.

Wir (er)schaffen Räu­me. Die­se Räu­me wir­ken dann spä­ter auf uns zurück. Sie machen etwas mit uns. Sie prä­gen uns und unser Ver­hal­ten. Das wuss­te schon der bri­ti­sche Pre­mier­mi­nis­ter Win­s­ton Chur­chill, als er sich 1943 dafür aus­sprach, die 1941 zer­stör­ten Räum­lich­kei­ten des bri­ti­schen Unter­hau­ses in ihrer berühm­ten kon­fron­ta­ti­ven Anord­nung wie­der aufzubauen.

Dies­mal geht es um die Ästhe­tik von Räu­men. Der Aus­druck „Ästhe­tik“ stammt von dem Begriff „Ais­the­sis“ ab, der bei den Alten Grie­chen so viel wie sinn­li­che Wahr­neh­mung oder Emp­fin­dung bedeu­te­te. Seit dem 18. Jahr­hun­dert steht ästhe­tisch „nur“ noch für schön, stim­mig oder anspre­chend. Die Phi­lo­so­phie wid­met der Ästhe­tik ein eige­nes Fach­ge­biet. Hier geht es um die Fra­ge, wie Din­ge auf unser Emp­fin­den wir­ken, egal, ob sie „schön“, düs­ter“ oder „häss­lich“ sind.

Ästhe­tik wird im Kon­text von Räu­men und Arbeit oft als „nice to have“ miss­ver­stan­den. Als Ober­flä­chen­k­os­me­tik. Als letz­ter Schritt, wenn alles ande­re erle­digt ist. Ähn­lich wie beim The­ma Akus­tik, könn­te man ätzend und pole­misch ergän­zen. Doch genau das greift zu kurz. Ästhe­tik ist kein Zusatz­pro­dukt. Sie ist Aus­druck des­sen, wie wir Arbeit den­ken. Und wie wir die Räu­me, in denen wir arbei­ten, ent­spre­chend gestalten.

Ich könn­te jetzt wie­der mit dem Bau­haus um die Ecke kom­men. Aber las­sen wir das für den Moment. Ästhe­tik ist kei­ne Wahr­heit, son­dern eine Ent­schei­dung. Egal ob Bau­haus, Bru­ta­lis­mus, Mini­ma­lis­mus, Jugend­stil, Post­mo­der­ne oder Wabi Sabi.

Zurück zu den Räu­men. Heu­te ste­hen wir erneut an einem ent­schei­den­den Punkt. Arbeit ist flui­der gewor­den, ver­teil­ter, räum­lich weni­ger greif­bar. Umso mehr gewin­nen phy­si­sche Orte an Bedeu­tung, an denen Ästhe­tik sicht­bar wird. Da Büros kei­ne Pflichtor­te mehr sind, müs­sen sie etwas anbie­ten: Ori­en­tie­rung. Iden­ti­tät. Resonanz.

Und hier kommt unse­re klas­si­sche Ästhe­tik ins Spiel. Sie ist mehr als guter Geschmack. Sie ist ein Ord­nungs­prin­zip. Sie ent­schei­det dar­über, was im Raum sicht­bar wird – und was nicht. Was betont wird. Und was ver­schwin­det. Ein Raum vol­ler grau­er Tische sen­det ande­re Signa­le als ein Raum, der Mate­ria­li­en, Far­ben und Licht bewusst ein­setzt. Und natür­lich Pflanzen.

Der­art gestal­te­te Räu­me beein­flus­sen, ob wir uns als Teil von etwas füh­len oder als aus­tausch­ba­re Funk­ti­on. Ob wir uns zei­gen oder zurück­zie­hen. Ob wir uns kon­zen­trie­ren kön­nen oder per­ma­nent abge­lenkt sind. Ästhe­tik lenkt Auf­merk­sam­keit – und steu­ert damit Verhalten.

Es geht nicht (nur) um Schön­heit. Es geht nicht dar­um, ob der Raum Design­prei­se erhält oder ob er Applaus auf Insta­gram ern­tet. Son­dern um Stim­mig­keit. Um Kohä­renz zwi­schen dem, was ein Unter­neh­men sein will – und dem, was der Raum erzählt.

Vie­le Orga­ni­sa­tio­nen spre­chen heu­te von Kul­tur. Von Ver­trau­en, Eigen­ver­ant­wor­tung, Zusam­men­ar­beit. Doch ihre Räu­me erzäh­len oft noch eine ande­re Geschich­te: Kon­trol­le, Stan­dar­di­sie­rung, Gleich­för­mig­keit. Die­se Dis­kre­panz bleibt nicht fol­gen­los. Men­schen spü­ren sie – auch wenn sie sie nicht immer benen­nen können.

Des­halb ist Ästhe­tik immer auch eine Füh­rungs­fra­ge. Wer Räu­me gestal­tet, trifft Ent­schei­dun­gen über Sicht­bar­keit, über Hier­ar­chie, über Nähe und Distanz. Über das, was mög­lich ist – und das, was unwahr­schein­lich bleibt.

Inter­es­san­ter­wei­se ent­steht gute Ästhe­tik sel­ten durch Maxi­mie­rung. Nicht durch mehr Far­ben, mehr Möbel, mehr Ideen. Son­dern durch Reduk­ti­on. Durch das bewuss­te Weg­las­sen. Durch die Fra­ge: Was braucht die­ser Raum wirk­lich, um sei­ne Wir­kung zu ent­fal­ten? Dafür muss aber auch klar sein, wel­che Auf­ga­be er erfül­len soll.

Viel­leicht liegt genau dar­in ihre größ­te Kraft: Ästhe­tik zwingt zur Ent­schei­dung. Zur Klar­heit. Und damit letzt­lich zur Aus­ein­an­der­set­zung mit der eige­nen Haltung.

Denn am Ende ist jeder Raum ein State­ment. Nicht dar­über, wie schön wir es haben wol­len. Son­dern dar­über, wie wir wahr­neh­men und arbei­ten wollen.

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