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Outside the Box #2: Plädoyer für den Raum

In sei­ner Kolum­ne spricht sich der Cowor­king-Exper­te Björn Budack ange­sichts der fort­schrei­ten­den Digi­ta­li­sie­rung für die Erhal­tung von Räu­men aus, sowohl quan­ti­ta­tiv als auch qualitativ.

Björn Budack ist seit über 20 Jahren im Bereich Bürovermietung tätig. Der Gründer der Kette „Kiez Büro Coworking“ agiert auch erfolgreich als Unternehmensberater. Abbildung: Dajana Lothert

Björn Budack ist seit über 20 Jah­ren im Bereich Büro­ver­mie­tung tätig. Der Grün­der der Ket­te „Kiez Büro Cowor­king“ agiert auch erfolg­reich als Unter­neh­mens­be­ra­ter. Abbil­dung: Daja­na Lothert

Die Ansa­ge von Kul­tur­staats­mi­nis­ter Wolf­ram Wei­mer, den Erwei­te­rungs­bau der Deut­schen Natio­nal­bi­blio­thek in Leip­zig zu stop­pen, hat nicht nur die Buch- und Biblio­theks­sze­ne bewegt, son­dern auch ein brei­tes Echo in den deut­schen Medi­en gefun­den. Sei­ne Begrün­dung, die Samm­lung kör­per­li­cher Medi­en­wer­ke bis weit in die Zukunft hin­ein sei nicht mehr zeit­ge­mäß, vor­ge­tra­gen von einem kon­ser­va­ti­ven Kul­tur­po­li­ti­ker, hat für Erstau­nen gesorgt.

Ver­mut­lich hat Wolf­gang Wei­mer hier eine etwas unüber­leg­te Kon­se­quenz sei­ner Vor­stel­lung von Digi­ta­li­sie­rung gelie­fert, die er auf der Leip­zi­ger Buch­mes­se ja auch bereits rela­ti­viert hat. Nun spricht er von einem „Mora­to­ri­um“ und man darf gespannt sein auf den wei­te­ren Ver­lauf der Debatte.

Die­ses Bei­spiel steht exem­pla­risch für die Fra­ge, wie wir Raum und sei­ne sozia­le Bedeu­tung wahr­neh­men. Wird er in der digi­ta­len Welt noch eine Rol­le spie­len? Ersetzt digi­ta­le Ver­füg­bar­keit auch die „Kör­per­lich­keit“ von Medi­en­wer­ken? Führt die Digi­ta­li­sie­rung zu einer Erwei­te­rung von Erleb­nis­mög­lich­kei­ten oder zu ihrer Verengung?

Der Titel die­ser Kolum­ne deu­tet die Ant­wort schon an: Plä­doy­er für den Raum! Das ist nicht ver­wun­der­lich, denn als Betrei­ber phy­si­scher Arbeits­or­te bin ich ver­ständ­li­cher­wei­se ein Ver­fech­ter rea­ler Begeg­nun­gen. Aber die Orte, an denen die­se Begeg­nun­gen statt­fin­den kön­nen, wer­den weni­ger. Tra­di­tio­nel­le Milieus ero­die­ren und mit ihnen auch die sie prä­gen­den Begeg­nungs­or­te. Die Infra­struk­tur wird dün­ner, sowohl in öffent­li­chen Ein­rich­tun­gen als auch im pri­va­ten Sek­tor: Die Anzahl der Biblio­the­ken, Schu­len, Schwimm­bä­der, Arzt­pra­xen, Bäcke­rei­en oder Knei­pen ist seit der Jahr­tau­send­wen­de zwi­schen 15 und bis über 20 Pro­zent zurückgegangen.

Sozia­le Begeg­nungs­or­te bie­ten Ori­en­tie­rung und Sicher­heit. Tele­me­di­zin ersetzt nicht den Arzt­be­such, Home­schoo­ling nicht den Klas­sen­raum, Home­of­fice nicht das Gespräch in der Kaf­fee­kü­che und die hei­mi­sche Bade­wan­ne nicht das Frei­bad. Als zusätz­li­che Optio­nen sind sie wün­schens­wert und erfül­len wich­ti­ge Funk­tio­nen: Home­schoo­ling und Tele­me­di­zin kön­nen in der Grip­pe­wel­le Anste­ckun­gen ver­hin­dern und Goog­le Books den leich­ten Zugriff auf Lite­ra­tur ermöglichen.

Für vie­le Men­schen aller­dings ist der Umzug der Grund­schu­le in die nächs­te Kreis­stadt oder die Insol­venz der Knei­pe ein als defi­zi­tär erleb­ter Schritt. Denn mit jedem Weg­fall eines Ortes wer­den auch sozia­le Bezie­hun­gen gekappt, die unse­rem Leben Struk­tur ver­lei­hen. Ins­be­son­de­re in der sich immer wei­ter glo­ba­li­sie­ren­den und digi­ta­li­sie­ren­den Welt, die sich zuneh­mend unse­rer Kon­trol­le und unse­rem Ver­ständ­nis ent­zieht, brau­chen wir kla­re Bezugs­punk­te. Einen sol­chen kann die ört­li­che Bäcke­rei bie­ten, aber nicht die Bestel­l­app auf dem Han­dy. Wir kön­nen ihn bei der ver­trau­ten Haus­ärz­tin fin­den, aber bei kei­ner „DiGA“ – schon die Abkür­zung für „Digi­ta­le Gesund­heits­an­wen­dung“ ver­mit­telt ein Höchst­maß an Distanz.

Wobei nicht allein die quan­ti­ta­ti­ve Men­ge den Aus­schlag gibt. Auch die Qua­li­tät der Orte ist ent­schei­dend für ein posi­ti­ves Erleb­nis, wie es die Phi­lo­so­phin Eva von Rede­cker in ihrem neu­en Buch beschreibt: „Es muss schön sein, wo sich alle tref­fen, damit die Angst vor Ver­las­sen­heit und Kon­troll­ver­lust wirk­lich aufhört.“

Bei­spie­le hier­für gibt es: Wun­der­schön restau­rier­te Bäder wie das Johan­nis­bad in Zwi­ckau oder das Hol­thus­en­bad in Ham­burg, der Haupt­bahn­hof in Leip­zig, aber auch moder­ne Bau­ten wie die Stadt­bi­blio­thek in Stutt­gart oder die Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek in Cott­bus sind „schö­ne Orte“, die zum Besuch einladen.

Ins­be­son­de­re Biblio­the­ken wer­den über ihre tra­di­tio­nel­le Funk­ti­on als Lese- und Stu­dier­räu­me immer mehr zu mul­ti­funk­tio­na­len Sozi­al­räu­men. In ihnen fin­den Work­shops und Kul­tur­ver­an­stal­tun­gen statt, sie haben Raum für Frei­zeit­ak­ti­vi­tä­ten und kon­zen­trier­tes Arbei­ten und bie­ten ins­ge­samt eine hohe Auf­ent­halts­qua­li­tät. Aber nicht nur im Gro­ßen, auch im Klei­nen soll­te der Fokus wie­der stär­ker auf Infra­struk­tur vor Ort gelegt wer­den: Die Arzt­pra­xis um die Ecke, das Frei­bad oder die Biblio­thek vor Ort, das Jugend­zen­trum im Kiez oder die Grund­schu­le für die Nach­bar­schaft. Nicht alles, aber vie­les ist poli­tisch steu­er­bar und soll­te mit höchst­mög­li­cher Anstren­gung erhal­ten oder, wo bereits ver­lo­ren, wie­der auf­ge­baut werden.

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