Gutes Beneh­men hat vie­le Gesich­ter. Die Publi­zis­tin Dr. Alex­an­dra Hil­de­brandt beschäf­tigt sich mit ver­schie­de­nen For­men von Höf­lich­keit, der Kunst des Kom­mu­ni­zie­rens und der Bedeu­tung von inne­ren Wer­ten.

Höflichkeit

Zuhö­ren und Freund­lich­keit sind zwei maß­geb­li­che Bestand­tei­le der Höf­lich­keit. Foto: Pixabay

Je mehr Ver­ant­wor­tung in der Gesell­schaft abge­ge­ben wird, des­to mehr ver­stärkt sich das mensch­li­che Bedürf­nis nach einer per­sön­li­chen Hal­tung, die es zu bewah­ren gilt, und die sich in gutem Beneh­men zeigt. Dazu gehört bei­spiels­wei­se, Men­schen im Gespräch anzu­bli­cken, sich auf sie zu kon­zen­trie­ren und ihnen zuzu­hö­ren.

Gutes Benehmen und Höflichkeit sind nur teilweise erlernbar

Das mana­ger maga­zin berich­te­te in der März-Aus­ga­be 2016, dass 60 bis 70 Pro­zent des Ver­hal­tens unse­rer Vor­stän­de erlern­bar sei­en – den Rest wür­den die Gene bestim­men. Bevor Oli­ver Bäte, der auf­grund sei­nes Bera­tungs­we­ges als „Homo mck­in­sey­en­sis“ bezeich­net wur­de, Vor­stands­vor­sit­zen­der der Alli­anz wur­de, übte er die Kunst des Zuhö­rens und pauk­te Kom­mu­ni­ka­ti­ons­rou­ti­nen. Doch lässt sich gutes Beneh­men büf­feln wie Schul­vo­ka­beln? Kommt gutes Beneh­men nicht zuerst von innen? Men­schen erken­nen sehr schnell, ob Ges­ten antrai­niert oder echt sind. Manch­mal ver­hilft schon ein Blick in den Spie­gel zu neu­en Erkennt­nis­sen.

Bei der Kommunikation das Ego zurückstellen

„Viel­leicht haben wir des­halb zwei Ohren und nur einen Mund, damit wir uns erin­nern, dass wir zwei­mal so viel zuhö­ren soll­ten als selbst zu spre­chen“, schreibt der Neu­rom­erchan­di­sing-Exper­te Bert Mar­tin Ohne­mül­ler in sei­nem per­sön­li­chen Erfah­rungs- und Erleb­nis­be­richt. Indem er Ergeb­nis­se der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­schung auf­greift, iden­ti­fi­ziert er die drei wesent­li­chen Ele­men­te gelun­ge­ner Unter­neh­mens- und Lebens­füh­rung: Lead. Speak. Inspi­re. Es ist erwie­sen, dass das Resul­tat der eige­nen Kom­mu­ni­ka­ti­on grund­le­gend durch die inne­re Hal­tung bestimmt wird: Wie wir auf ande­re zuge­hen oder uns auf den ande­ren Gesprächs­part­ner aus­rich­ten. Auch hier spielt das Ego-The­ma hin­ein: Geht es dar­um, selbst im hells­ten Licht zu strah­len, oder dar­um, „durch wert­frei­es Zuhö­ren ein kla­res Ver­ständ­nis für den ande­ren zu errei­chen und um den gemein­sa­men Kon­sens“?

Reden ist Silber, Zuhören Gold

Das Buch von Ohne­mül­ler ist außer­dem ein Plä­doy­er für das empa­thi­sche Zuhö­ren, das Wert­schät­zung dem ande­ren gegen­über zum Aus­druck bringt. Die Fähig­keit, bewusst zuzu­hö­ren oder ande­re aus­spre­chen zu las­sen, ist uns viel­fach abhan­den­ge­kom­men. Damit ver­bun­den ist wach­sen­der per­sön­li­cher Stress. Die Zah­len der Bur­nouts stei­gen und las­sen sich unter ande­rem dar­auf zurück­füh­ren, dass immer weni­ger Men­schen ihr Leben als ein gelin­gen­des begrei­fen. Geduld, Refle­xi­on, gutes Beneh­men und eine bewuss­te Lebens­ge­stal­tung schei­nen vor die­sem Hin­ter­grund die neu­en Kar­di­nal­tu­gen­den zu wer­den – auch im Manage­ment. Ver­bun­den sind die­se The­men mit dem stei­gen­den Inter­es­se an Acht­sam­keit.

Vom Wert der Höflichkeit und guter Manieren

Was wirk­lich zählt, sind inne­re Wer­te, die ein abs­trak­tes The­ma wie Nach­hal­tig­keit zu einem per­sön­li­chen wer­den las­sen. Die­se Ent­wick­lung deu­te­te sich vor etwa zehn Jah­ren an, als das Buch “Manie­ren” von Asfa-Wos­sen Asse­ra­te erschien. Ein Best­sel­ler, in dem er den Knig­ge in die Gegen­wart trans­fe­rier­te und sich auf eine neue und zeit­ge­mä­ße Eti­ket­te kon­zen­trier­te. Asse­ra­te zeigt, dass die Deut­schen ein bedeu­ten­des kul­tu­rel­les Kom­pen­di­um besit­zen. Nach dem Mot­to: „Schaut her, hier sind all die­se Wer­te. Beschäf­tigt euch damit und reicht sie an die nächs­te Genera­ti­on wei­ter.“ Für ihn sind sie der ästhe­ti­sche Aus­druck der Moral, das Par­füm, mit dem wir zei­gen, dass wir nicht stin­ken: „Manie­ren sind die Kin­der der Moral und die Enkel­kin­der der Reli­gi­on.“ Sie drü­cken nicht nur Mensch­wer­dungs­ak­te, son­dern auch eine tie­fe Sym­bo­lik von Nach­hal­tig­keit aus. Wenn Asse­ra­te gefragt wird, was man denn davon habe, wenn man sich gut beneh­me, ant­wor­tet er: “Ver­such es doch ein­fach mal. Ich wet­te mit dir, dass du an dem Abend, an dem du einem Men­schen etwas Gutes getan hast, bes­ser schla­fen kannst.”

Lite­ra­tur:

Asfa-Wos­sen Asse­ra­te: „Manie­ren.“ Deut­scher Taschen­buch Ver­lag GmbH & Co. KG, Mün­chen 2005.

Bert Mar­tin Ohne­mül­ler: „Lead. Speak. Inspi­re. Ein per­sön­li­cher Erfah­rungs- und Erleb­nis­be­richt über die drei wesent­li­chen Ele­men­te gelun­ge­ner Unter­neh­mens- und Lebens­füh­rung.“ Neu­rom­erchan­di­sin­ggroup, Frank­furt a. M. 2016.

Alex­an­dra Hil­de­brandt: „Manie­ren 21.0: War­um gutes Beneh­men heu­te wie­der salon­fä­hig ist.“ Ama­zon Media EU  S.à r.l. Kind­le Edi­ti­on 2017.

Dr. Alex­an­dra Hil­de­brandt, Publi­zis­tin, Wirt­schafts­psy­cho­lo­gin und Nach­hal­tig­keits­ex­per­tin.

Twitter.com: @AHildebrandt70

(Foto: Stef­fi Henn)