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Susanne Brandherm: Die Bauwende beginnt im Innenraum

„Nach­hal­tig­keit beginnt des­halb nicht mit der Mate­ri­al­aus­wahl, son­dern mit der Fra­ge: Was kön­nen wir erhal­ten?“ Das sagt Susan­ne Brand­herm, CEO von Brand­herm + Krumrey Inte­ri­or Archi­tec­tu­re. Sie erläu­tert in ihrem Gast­bei­trag, wel­che Rol­le die Innen­raum­ar­chi­tek­tur bei der Bau­wen­de spielt.

Susanne Brandherm, CEO Brandherm + Krumrey Interior Architecture (bki) und Vizepräsidentin des Bundes Deutscher Innenarchitektinnen und Innenarchitekten (bdia). Abbildung: Jörn Strojny

Susan­ne Brand­herm, CEO Brand­herm + Krumrey Inte­ri­or Archi­tec­tu­re (bki) und Vize­prä­si­den­tin des Bun­des Deut­scher Innen­ar­chi­tek­tin­nen und Innen­ar­chi­tek­ten (bdia). Abbil­dung: Jörn Strojny

Über die Bau­wen­de wird viel gespro­chen. Über die Bau­wen­de im Innen­raum dage­gen erstaun­lich wenig – obwohl genau dort täg­lich über Res­sour­cen, Lebens­dau­er und Nut­zung ent­schie­den wird. Dabei ist die Trans­for­ma­ti­on von Räu­men seit jeher Kern­kom­pe­tenz der Innen­ar­chi­tek­tur. Lan­ge bevor Begrif­fe wie Zir­ku­la­ri­tät oder Trans­for­ma­ti­on selbst­ver­ständ­lich wur­den, haben wir Bestehen­des wei­ter­ge­dacht, umge­nutzt und an neue Anfor­de­run­gen angepasst.

Nach­hal­tig­keit beginnt des­halb nicht mit der Mate­ri­al­aus­wahl, son­dern mit der Fra­ge: Was kön­nen wir erhal­ten? Wel­che Struk­tu­ren las­sen sich wei­ter­ent­wi­ckeln? Was muss tat­säch­lich neu ent­ste­hen? Bereits in der Pha­se Null, also noch vor dem eigent­li­chen Ent­wurf, wer­den ent­schei­den­de Wei­chen gestellt. Gemein­sam mit Fach­pla­nen­den ana­ly­sie­ren wir die vor­han­de­ne Bau­sub­stanz, prü­fen Raum­struk­tu­ren und suchen nach Poten­zia­len für Umnut­zung und Wie­der­ver­wen­dung. Den Bestand wei­ter­zu­ent­wi­ckeln ist oft nach­hal­ti­ger als Neu­es zu schaffen.

Gleich­zei­tig ist nach­hal­ti­ges Pla­nen kom­ple­xer gewor­den. Mate­ri­al­in­for­ma­tio­nen, Zer­ti­fi­ka­te und Pro­dukt­ver­spre­chen sind all­ge­gen­wär­tig. Doch wel­che Aus­sa­gen sind wirk­lich belast­bar? Wo endet Trans­pa­renz und wo beginnt Green­wa­shing? Ver­ant­wor­tungs­vol­les Pla­nen ver­langt heu­te nicht nur gestal­te­ri­sche Kom­pe­tenz, son­dern auch die Fähig­keit, Infor­ma­tio­nen kri­tisch zu hin­ter­fra­gen und ver­ant­wor­tungs­voll abzuwägen.

Nachhaltigkeit beginnt mit der Frage: Was können wir erhalten? Planung von bki für Bastei Lübbe. Abbildung: Maike Piorr

Nach­hal­tig­keit beginnt mit der Fra­ge: Was kön­nen wir erhal­ten? Pla­nung von bki für Bas­tei Lüb­be. Abbil­dung: Mai­ke Piorr

In unse­rem Büro haben wir Nach­hal­tig­keit bewusst als Kom­pe­tenz­feld eta­bliert. Schnell wur­de deut­lich: Nie­mand kann alle Facet­ten die­ses The­mas allein beherr­schen. Des­halb bün­deln wir Wis­sen im Team und arbei­ten inter­dis­zi­pli­när. Im Pro­jekt­all­tag lässt sich jedoch nicht jede Ent­schei­dung kon­se­quent auf Zir­ku­la­ri­tät aus­rich­ten. Ter­min­plä­ne, Bud­gets und indi­vi­du­el­le Anfor­de­run­gen ver­lan­gen Kom­pro­mis­se. Nach­hal­tig­keit ist des­halb kein Zustand der Per­fek­ti­on, son­dern ein kon­ti­nu­ier­li­cher Entwicklungsprozess.

Für mich bedeu­tet Green Office weit mehr als den Ein­satz öko­lo­gi­scher Mate­ria­li­en. Nach­hal­tig­keit zeigt sich eben­so in der Qua­li­tät eines Rau­mes. Gut gestal­te­te Arbeits­wel­ten blei­ben über vie­le Jah­re rele­vant, schaf­fen Iden­ti­tät und las­sen sich an ver­än­der­te Anfor­de­run­gen anpas­sen. Fle­xi­ble Grund­ris­se, modu­la­re Kon­zep­te und lang­fris­tig nutz­ba­re Räu­me ver­län­gern den Lebens­zy­klus eines Gebäu­des. Dar­in zeigt sich ihr öko­lo­gi­scher Mehrwert.

Eben­so wich­tig ist die Zusam­men­ar­beit mit den Bau­her­rin­nen und Bau­her­ren. Nach­hal­ti­ge Lösun­gen ent­ste­hen nur, wenn wirt­schaft­li­che, funk­tio­na­le und gestal­te­ri­sche Zie­le gemein­sam gedacht wer­den. Es geht nicht um abs­trak­te Ide­al­lö­sun­gen, son­dern um trag­fä­hi­ge Ant­wor­ten für den jewei­li­gen Ort und sei­ne Zukunft. Die Bau­wen­de beginnt des­halb nicht erst auf der Bau­stel­le. Sie beginnt dort, wo wir Bestehen­des neu den­ken, Qua­li­tät lang­fris­tig sichern und Räu­me gestal­ten, die sich ver­än­dern dür­fen. Jeder bewusst ent­wi­ckel­te Innen­raum ist ein Bei­trag zu einer nach­hal­ti­ge­ren Zukunft – und genau dar­in liegt die Ver­ant­wor­tung und die Stär­ke der Innenarchitektur.

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