Künstliche Intelligenz eröffnet dem Dokumentenmanagement neue Wege, um Zeit und Ressourcen einzusparen. Jens Büscher, Gründer und CEO von Amagno, erläutert die mit KI verbundenen Chancen und Herausforderungen und wirft einen Blick auf die E-Rechnungspflicht sowie das papierlose Büro.
OFFICE ROXX: Herr Büscher, welche Probleme löst Amagno?
Jens Büscher: Amagno als digitales Dokumentenmanagement-System (DMS) hat als Ziel die Ersparnis von Zeit und menschlichen Ressourcen angesichts der ständig wachsenden Aufgaben im administrativen Bereich. Aufwändige Suchen, manuelle Ablage und händisches Abtippen von Daten gehören mit unserem DMS der Vergangenheit an. Mehr als 30.000 Anwender nutzen Amagno für schnelle, transparente, digitale Geschäftsprozesse, zum Beispiel in Vertrieb, Personalwesen, Einkauf und Qualitätsmanagement.
Seit wann ist Amagno am Markt und wie hat sich das Unternehmen entwickelt?
Amagno wurde 2010 gegründet. Wir haben uns vom klassischen DMS-Anbieter zu einem Cloud-first-Unternehmen entwickelt und 2024 die ersten KI-Funktionen unter dem Namen Amagno.AI bereitgestellt. Unser Wachstumskurs hat uns beispielsweise von 2,7 Millionen Euro Umsatz im Jahr 2021 auf 3,5 Millionen Euro in 2024 gebracht, aktuell haben wir 41 Mitarbeitende.
Was verbirgt sich hinter Amagno.AI?
Amagno.AI ist eine optionale Zusatzfunktion von Amagno in der Cloud. Dokumente lassen sich damit in natürlicher Sprache befragen, Daten erkennen und repetitive Aufgaben durch KI-Agenten erledigen. Dahinter stehen drei Kernkomponenten: Autopilot, Chat und Automate. Der Autopilot erkennt bei jedem importierten Dokument die Dokumentart, den Absender, das Datum und bei Rechnungen auch die buchungsrelevanten Daten inklusive Positionszeilen. Und das ohne vorheriges Antrainieren auf bestimmte Belegtypen. Das funktioniert, weil das Sprachmodell dank IDP-Technologie (Intelligent Document Processing) ein Verständnis für nahezu jede Dokumentstruktur mitbringt.
Der Chat erlaubt es Mitarbeitenden, sich unter den individuellen Berechtigungen direkt mit dem Inhalt des Dokumentenbestands zu unterhalten. Zum Beispiel mit der Frage: „Welche offenen Rechnungen der Firma XY liegen über 10.000 Euro vor?“ Darauf liefert das Tool eine konkrete Antwort mit Quellenangabe. Automate als aktuell wichtigste Funktion von Amagno.AI ermöglicht es, wiederkehrende Prüf- und Erkennungsaufgaben als Regeln in natürlicher Sprache zu hinterlegen, statt sie zu programmieren.
Wie funktioniert das konkret?
Nehmen wir eine Eingangsrechnung als Beispiel: Sie kommt bei uns im System an – egal, ob als E-Rechnung, PDF oder Scan. Der Autopilot erkennt automatisch, dass es sich um eine Rechnung handelt, liest Absender, Datum und alle buchungsrelevanten Daten inklusive Positionszeilen aus. Für wiederkehrende Prüfungen wird mit Automate eine Regel in natürlicher Sprache festgelegt, etwa: „Gib’ ‚Ja‘ zurück, wenn die Rechnung gemäß §14 UStG korrekt ist“ – das folgt einem No-Code-Prinzip, man formuliert die Aufgabe als Text, nicht als Skript. Technisch läuft das alles über eine RAG-Architektur (Retrieval-Augmented-Generation) innerhalb unseres DMS: Die Daten werden mit dem Sprachmodell verknüpft, verlassen aber nie die EU. Damit ist sowohl der Datenschutz als auch die GoBD-Konformität gewährleistet, die für jede Dokumenten- und Rechnungsverarbeitung ohnehin gilt.

Amagno-Insights: die neue Büroküche des Unternehmens am Standort in Oldenburg – direkt am Hafen. Abbildung: Amagno
Halluziniert Ihre KI?
Ausnahmslos jede KI, die auf Sprachmodellen basiert, halluziniert. Wer etwas anderes behauptet, versteht die technologischen Grundlagen nicht. Sprachmodelle arbeiten mathematisch mit Wahrscheinlichkeiten, nicht wie eine klassische Volltextsuche, die exakte Begriffe findet. Das, was wir Halluzinieren nennen, ist der Preis dafür, dass eine KI überhaupt in der Lage ist, aus großen Datenmengen eine zusammenhängende Antwort zu formulieren. Und es ist gleichzeitig ihre größte Schwäche.
Hinzu kommt: Jedes Modell arbeitet mit einem begrenzten Kontextfenster. Bei einem Unternehmen mit 30 Millionen Rechnungen kann eine KI schlicht nicht alle Daten gleichzeitig verarbeiten, um etwa eine Umsatzabfrage über 20 Jahre exakt zu beantworten. Da KI-Systeme aber grundsätzlich darauf ausgelegt sind, immer eine Antwort zu liefern, entsteht das Risiko von Falschaussagen.
Bei Amagno reduzieren wir dieses Risiko mit gezielten Maßnahmen: Semantic Ranker sorgen dafür, dass die relevantesten Dokumente zur jeweiligen Frage zusammengestellt werden, statt nur nach oberflächlichen Kennzahlen zu filtern. Zusätzlich lässt sich über Prompting und Modellparameter steuern, wie genau eine Antwort ausfallen soll.
Was kommt mit der E-Rechnung auf die Unternehmen zu?
Ab Anfang 2027 betrifft die Versandpflicht zunächst größere Unternehmen, ab 2028 dann fast alle. E-Rechnungen kommen nicht aus dem DMS, sondern aus dem ERP und anderen vorgelagerten Systemen. Wir beobachten aber ein wachsendes Problem von der Empfängerseite her: Viele E-Rechnungen kommen fehlerhaft an, enthalten zum Beispiel leere Pflichtfelder, falsch befüllte Felder oder sogar defekte XML-Dateien. Deshalb bauen wir in unserem nächsten Release eine interne Validierung ein: Ein Prüfprotokoll zeigt klar an, ob eine eingehende E-Rechnung tatsächlich rechtskonform ist. Damit können Unternehmen entscheiden, ob sie eine fehlerhafte Rechnung zurückweisen und den Rechnungssteller zur Korrektur auffordern.
Welchen Beitrag leisten Ihre Lösungen zum Klimaschutz?
Unsere älteren Berechnungen zu Papier-, Wasser- und Energieverbrauch klassischer Aktenverwaltung sowie zum CO2-Ausstoß durch Papiertransport gelten in ihrer Grundaussage nach wie vor: Die Digitalisierung des Dokumentenmanagements spart nachweislich Ressourcen. Nun kommt aber KI ins Spiel. Hochleistungsrechenzentren sind enorme Energieverbraucher, und der KI-Boom hat die Klimabilanz vieler Hyperscaler spürbar verschlechtert. Das betrifft auch uns: Je mehr wir KI in unsere Produkte integrieren, desto mehr steht diesem Nutzen ein höherer Energieverbrauch gegenüber. Unsere ehrliche Einschätzung ist daher: Die Papierseite der Rechnung bleibt positiv, die KI-Seite muss neu und kritischer bewertet werden als noch vor dem KI-Boom. Eine seriöse Gesamtbilanz dazu steht derzeit branchenweit noch aus.
Wann, meinen Sie, wird das papierlose Büro Realität?
Es gibt nach wie vor eine ganze Reihe von Dokumenten, die aus rechtlichen Gründen im Original in Papierform aufbewahrt werden müssen. Solange der Staat hier keine rechtssichere, durchgängig digitale Aufbewahrungspflicht schafft, wird es das vollständig papierlose Büro nicht geben.
Vielen Dank.
Die Fragen stellte Christian Marx.






























































