Geräuschunterdrückende Kopfhörer liegen im Trend. Als hippe Werkzeuge des hybriden Arbeitens sind sie aus Großraumbüros kaum mehr wegzudenken. Doch bei zu hoher Lautstärke bergen die Geräte Risiken fürs Gehör. Der TÜV-Verband gibt Tipps zum Thema „Lärmschutz” am Büroarbeitsplatz.
Bei Kopfhörern mit Active-Noise-Cancelling(ANC)-Technik werden über eingespielte Gegenschallwellen die Umgebungsgeräusche minimiert. Das hilft nicht nur in Flugzeugen oder in der Bahn, auch in Großraumbüros schotten sich immer mehr Beschäftigte mit den geräuschunterdrückenden Kopfhörern ab. Allerdings kann die vermehrte Kopfhörernutzung Gesundheitsrisiken auslösen – und sie droht, geltende Arbeitsschutzvorschriften auszuhebeln.
Unternehmen stehen in der Pflicht, einschlägige Normen und Regelwerke, wie die Lärm- und Vibrationsarbeitsschutzverordnung einzuhalten. Darin sind klare Anforderungen an Raumakustik, Nachhallzeiten und maximale Lautstärken am Arbeitsplatz enthalten. So empfiehlt die Technische Regel für Arbeitsstätten zum Thema Lärm (ASR A3.7) bei Konferenzräumen und Großraumbüros Höchstwerte von 35 bzw. 45 Dezibel – das ist noch etwas leiser als ein normales Gespräch. Vor allem geht es dabei um die bauliche Gestaltung.
Alles für die Konzentration: Vorteile und Nachteile
Allerdings empfinden viele Beschäftigte die Geräuschkulisse in Mehrpersonen- oder Großraumbüros als störend. Optisch ähneln Noise-Cancelling-Kopfhörer als Over-Ear-Variante den unter die EU-Verordnung für Persönliche Schutzausrüstungen fallenden Kapselgehörschützern, wie diese zum Beispiel im Straßenbau eingesetzt werden. Noise-Cancelling-Kopfhörer sind jedoch keine Schutzausrüstung. Sie können das subjektive Wohlbefinden steigern, indem sie irrelevante Gespräche oder das Tastaturklappern des Nachbarn ausblenden. Studien zufolge können sie helfen, sich besser zu konzentrieren – aber eben nur, solange nicht unbewusst die Kopfhörerlautstärke hochgedreht und damit die Dezibel-Empfehlungen der Technischen Regel deutlich überschritten werden. Ein weiterer Punkt: Bei Dauernutzung kann die Geräuschunterdrückung bei manchen Menschen Schwindel, Druckgefühl oder leichte Übelkeit auslösen.
Entscheidend ist, dass Musik oder Geräusche nicht zu laut abgespielt werden. Funktionen wie eine elektronische Lautstärkebegrenzung (Automatic-Volume-Limiter-System) sind in vielen Kopfhörer-Modellen integriert oder können über mobile Endgeräte wie Smartphones eingestellt werden. Neben den Auswirkungen auf das Hörvermögen gibt es erste Berichte darüber, dass bei einer dauerhaften Verwendung von Noise-Cancelling das Gehirn die Möglichkeit verliert, zwischen verschiedenen Geräuschen zu unterscheiden und diese nach ihrer Relevanz richtig einzuordnen. Auch ist die Gefahr der sozialen Isolation zu bedenken, wenn pausenlos abschottende Kopfhörer getragen werden. Fast alle Modelle bieten einen Transparenzmodus, bei dem Nutzer zumindest abgeschwächt auch noch Umgebungsgeräusche wahrnehmen können. Faustregel: Jede Stunde für fünf bis zehn Minuten auf die Kopfhörer verzichten.
Maßnahmenkatalog: Von Hörtest bis Sound-Maskierung
Eine Möglichkeit für Unternehmen, diesen Trend zu begleiten, ist das Angebot regelmäßiger Hörtests. Dabei können zu hohe Wiedergabepegel zu Tinnitus oder dauerhaften Hörschäden führen. Bauliche und organisatorische Maßnahmen können dazu beitragen, mehr Ruhe zu schaffen für konzentrationsintensive Tätigkeiten. Mit Meetingzonen, die mit schallabsorbierenden Wandelementen wie Filz oder Akustikpaneelen ausgestattet sind, oder schallgedämmten „Telefonzellen“ für Telefonate oder Videokonferenzen lassen sich Büros in Sachen Umgebungston verbessern. Ein weiteres technisches Hilfsmittel ist die sogenannte Sound-Maskierung: Dabei wird ein leiser, als angenehm empfundener Ton dauerhaft ausgestrahlt, der laute Störgeräusche wie Gesprächsfetzen überlagert und ummantelt.
Aufs Ohr oder ins Ohr: Diverse Kopfhörer-Optionen
Bei der Wahl des richtigen Kopfhörers haben Nutzer verschiedene Optionen. Over-Ear-Kopfhörer unterdrücken in der Regel die Außengeräusche am effektivsten, da sie am meisten Platz für die Mikrofone bieten, die für die aktive Geräuschunterdrückung eingesetzt werden. Zudem schirmen sie passiv die Außengeräusche ab, weil sie die Ohrmuschel umschließen. Kompakte In-Ear-Kopfhörer, die direkt im Gehörgang sitzen, gelten als besonders praktisch und transportabel auch dank ihrer mitgelieferten Ladehülle. Ein guter Kompromiss aus Funktion und Kompaktheit sind On-Ear-Kopfhörer, die gepolstert auf dem Ohr liegen.
Den Fokus finden: Mit Musik oder Rauschen
Auch die Frage, welcher Sound sich zur besseren Konzentration gegönnt wird, ist Geschmackssache. Viele Menschen schwören auf klassische Musik und Klavierklänge, andere auf elektronische Lounge- und Chill-out-Songs. Eine Alternative ist das „weiße Rauschen“ – ein monotones Hintergrundgeräusch, das verschiedene Frequenzen abdeckt und erwiesenermaßen beruhigend wirkt. Auch abgewandelte Frequenzen, oft farblich benannt, haben Soundtüftler kreiert. In etwas tieferen Frequenzen wirkt das „Braune Rauschen“ ebenfalls stressabbauend und konzentrationsfördernd. In Apps und auch über Smartphone-Einstellungen lässt sich Rauschen, alternativ auch Regenprasseln oder Ozeanbrandung, problemlos und kostenlos erzeugen und auf die Kopfhörer legen. Hierbei gilt es aber die richtige Soundwahl zu treffen: Manches Rauschen soll die Agilität anregen, anderes Rauschen kann sogar in den Schlaf wiegen.
